Wirtschaft
Libor-Skandal: Barclays-Präsident tritt zurück
Der Verwaltungsratschef der britischen Grossbank Barclays ist über den Libor-Skandal gestolpert. Marcus Agius zeigt Reue und tritt zurück. Aber nicht nur bei Barclays wurden Liborsätze manipuliert. Ermittlungen laufen gegen mehrere Grossbanken – darunter auch die UBS und die Credit Suisse.
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Hintergrund des Rücktritts ist die Manipulation von Liborsätzen. Die Bank muss deshalb an die Finanzaufsichtsbehörden in den USA und Grossbritannien sowie an das US-Justizministerium eine Rekordstrafe von 290 Millionen Pfund zahlen.
Kunden «im Stich gelassen»
Barclays kündigte eine interne Untersuchung der Vorfälle an. Ein neuer, verpflichtender Verhaltenskodex solle entwickelt werden. Zudem teilte Verwaltungsratschef Agius mit, dass es ihm aufrichtig leid tue, dass Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre «im Stich gelassen» worden seien.
«Die Ereignisse der letzten Woche haben inakzeptable Verhaltensstandards innerhalb der Bank offengelegt und Barclays Ruf einen schweren Schlag gegeben», erklärte Agius. Als Verwaltungsratspräsident sei er der ultimative Wächter über den Ruf der Bank, weshalb er nun die Verantwortung übernehme und gehe.
Die Grossbank soll versucht haben, den Liborsatz, der unter anderem festlegt, zu welchem Zinssatz sich Banken gegenseitig Geld leihen, zu beeinflussen.
Libor: Mittelwert der Zinskonditionen
Der Libor ist ein Referenzzinssatz des Interbankenmarkts für ungesicherte Kredite und Derivate. Er entspricht dem getrimmten Mittelwert der aktuellen Zinskonditionen von zwölf führenden Banken. Der Libor wird täglich von der British Bankers’ Association veröffentlicht.
Mit unerlaubten Absprachen haben Derivatehändler versucht den Zinssatz zu manipulieren. In der Folge war es ihnen möglich, Kunden überteuerte Finanzprodukte zu verkaufen. Zu diesen Vorkommnissen laufen nun verschiedene Ermittlungen.
Nach Aufflammen des Skandals in der vergangenen Woche hatten Politiker und Bankenexperten einen Rücktritt von Barclays-Konzernchef Bob Diamond gefordert. Dieser erklärte nun, Agius' Entscheidung verdiene «unser aller Respekt». Barclays hatte unlängst zugegeben, eine Manipulation der Zinsen im Interbanken-Verkehr versucht zu haben.
Offenbar hat aber nicht nur Barclays Liborsätze manipuliert. Gegen mehrere Banken in Europa und den USA laufen ebenfalls Ermittlungen. Dabei handelt es sich vor allem um Tätigkeiten im Zeitraum der Jahre 2005 bis 2009.
UBS war «Whistleblower»
Im Fokus stehen auch die UBS und die Credit Suisse. Die UBS hatte sich selbst angezeigt, wie im Februar bekannt wurde. In der Schweiz ermittelt die Wettbewerbskommission (Weko) und in den USA ist Finanzmarktaufsicht tätigt geworden. Auch in Kanada soll sich die Schweizer Grossbank selber bei den Behörden gemeldet haben.
Die Selbstanzeige der UBS dürfte wohl damit zu tun haben, dass sie so von Seiten der Behörden Immunität und Strafmilderung erwarten kann. Auf die involvierten Banken dürften aber noch Zivilklagen und Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe zukommen.
Weko untersucht – Finma ist informiert
Zum derzeitigen Zwischenstand der Ermittlungen in der Schweiz konnte die Weko nichts sagen. «Es ist ein hochkomplexer Fall, bei dem wir alle beteiligten Unternehmen betrachten müssen und deren Einwirken auf den Wettbewerb untersuchen müssen», so Olivier Schaller, Vizedirektor der Weko zu «SF Online». Er rechnet damit, dass die Untersuchungen frühestens 2014 abgeschlossen sein werden.
Dass in der Schweiz die Weko untersucht, hat damit zu tun, dass bei den Libor-Absprachen zwischen den Banken wettbewerbsrechtliche Fragen aufgeworfen werden. Daher sind alle involvierten Banken gemeinsam Teil der Untersuchung.
Kein Hauptakteur bei den Untersuchungen ist die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma). Laut Finma-Sprecher Tobias Lux ist seine Behörde aber von der Weko-Untersuchung informiert und steht mit den betroffenen Banken in Kontakt.
(dpa/sf/hues/frua; fref)



