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International

Überlingen-Katastrophe: Für Ufa hat die Schweiz versagt

Carla Schubert
Sonntag, 1. Juli 2012, 11:13 Uhr

Das Flugzeug-Unglück von Überlingen vor 10 Jahren hat in der baschkirischen Hauptstadt Ufa unermessliches Leid ausgelöst. Über 40 Familien verloren durch die Tragödie mindestens eines ihrer Kinder. Die Zeit hat die Wunden nicht geheilt. In Ufa ist die Schweiz der Sündenbock.

Mit dem Auftrag, in Ufa eine Reportage über die Hinterbliebenen der Flugzeug-Katastrophe von Überlingen zu drehen, ist SF-Korrespondent Christof Franzen in die 1-Millionen-Stadt gereist.

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Franzen hat vor Ort einen schweren Stand: Er trifft auf grosse Ablehnung, sobald er sich als Journalist des Schweizer Fernsehens zu erkennen gibt. Denn das Wort Schweiz will in Ufa fast niemand mehr hören.

Es fehlte an Sensibilität

Grund dafür ist das Verhalten der offiziellen Schweiz nach der Tragödie. Das erste Kondolenzschreiben der Schweiz nach dem Flugzeugabsturz ging direkt an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Hinterbliebenen erfuhren davon offenbar nichts. Sie waren in Ufa, rund 1500 Kilometer weit weg von Moskau, und warteten vergebens auf ein paar persönliche Worte des Trostes.

Bild Ein langer Konvoi mit der Särgen der verstorbenen beim Flugzeug-Unglück bei Überlingen fährt vom Flughafen Ufa ins Zentrum. (keystone)
13. Juli 2002: In Ufa werden die Särge der Toten vom Flughafen ins Stadtzentrum gefahren. keystone

In ihren Augen hat die Schweiz nach der Katastrophe bei Überlingen am 1. Juli 2002 alles falsch gemacht. Auch der damalige Verkehrsminister Moritz Leuenberger räumte zwei Wochen nach der Tragödie Fehler ein. Die schreckliche Vorstellung, am Tod von 71 Menschen mitschuldig zu sein, habe zu hilflosen ersten Reaktionen, zu wirren Informationen und zu Unterlassungen geführt.

Offizielle Entschuldigung nach 2 Jahren

Erst 2004 – nach dem Bericht der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung – zum Absturz der beiden Flugzeuge bei Überlingen, hat die Schweiz die offizielle Schuld anerkannt. Der Bericht stellte der Zürcher Flugraumüberwachung Skyguide ein schlechtes Zeugnis aus. Darauf ging ein offizielles Schreiben des Bundesrates und von Skyguide an die Hinterbliebenen. Damit war das Kapitel Kommunikation für die Schweiz abgeschlossen.

 

Bild Gedenktafel mit den Namen aller 71 Opfer des Flugzeugabsturzes vom 1. Juli 2002 in Ueberlingen (Deutschland). (keystone)
49 Kinder sind bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, viele von ihnen Töchter und Söhne von lokalen Spitzenbeamten. keystone

Nicht so in Ufa – dort gilt das Krisenmanagement der Schweiz bis heute als falsch und hinterlässt grosse Bitterkeit. «Die Schweiz ist zum Sündenbock mutiert und davon sind die Menschen nicht mehr weggekommen», erzählt Franzen am Telefon in Ufa.

In der baschkirischen Stadt erzählen Hinterbliebene Franzen, dass der Brief aus der Schweiz bei vielen ungeöffnet geblieben ist. Schmerz und Wut waren bereits zu gross. 

Was am 1. Juli 2002 geschah

23.30 Uhr: Der Pilot Alexander Gross in der Tupolew TU154M der Bashkirian-Airlines gibt dem Fluglotsen von Skyguide in Zürich seine Flughöhe durch. Neben ihm sitzt Co-Pilot Murat Itkulow. Sie fliegen auf rund 11 Kilometern Höhe durch die Nacht. In der Maschine sitzen 67 weitere Personen, darunter 45 Schulkinder aus Baschkortostan.

Aus Zürich bestätigt der Fluglotse Peter Nielsen die Daten von Gross. Ein Kollege hat den Raum eben für eine Pause verlassen. Nielsen hat die Tupolew und ein zweites Flugzeug auf dem Schirm, eine DHL-Frachtmaschine. In ihrem Cockpit sitzen der Pilot Paul Phillips und Co-Pilot Brent Campioni.

Nielsen muss gleichzeitig für ein drittes Flugzeug die Landung in Friedrichshafen einleiten. Phillips bekommt die Anweisung aus Zürich er solle auf die Flugfläche 320 steigen. Phillips aber bittet darum auf Flugfläche 360 zu gehen, um Kerosin zu sparen. Auf der gleichen Höhe hatte sich Gross in der Tupolew angemeldet. In beiden Flugzeugen gehen die Alarmsysteme los. Durch die Zuweisung von Flugflächen werden Flugzeuge von der Flugsicherung vertikal gestaffelt, um Kollisionen zu verhindern.

Zeitgleich erkennt der Lotse Nielsen die Gefahr. Er warnt die Besatzung der Tupolew; sie soll sofort sinken. Gross und Itkulow folgen Nielsens Anweisung – obwohl das Alarmsystem steigen meldet. Zeitgleich sagt das Alarmsystem in der Frachtmaschine sinken.

Pilot Phillips vertraut am Ende dem automatischen Kollisionswarnsystem seines Flugzeugs und geht in den Sinkflug – die Anweisungen der Alarmsysteme haben Priorität – während der Pilot der Tupolew auf den Fluglotsen hört und die Tupolew entgegen der Anweisung seines Warnsystems ebenfalls sinken lässt.

Die russische Tupolew TU154M und die Boeing 757–200 kollidieren. Alle 71 Personen an Bord der zwei Maschinen sterben.

Am Grab der Tochter

Bitter sind aber nicht alle. Auf dem Friedhof in Ufa trifft Franzen 4 Tage vor dem 10. Jahrestag des Unglücks auf einen alten Mann: Nikolaj Kuleschov. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er der Vater von Tatjana Kuleschova ist, Stewardess auf dem Flug 2937 der Bashkirian-Airlines. Die damals 35jährige hinterliess ein 4jähriges Kind. Unterdessen ist Kuleschov alleinerziehender Grossvater der heute 14jährigen Katja.

Auf die Frage des SF-Korrespondenten, wie er zu der Schweiz stehe, antwortet Kuleschov: «Hass und Ärger bringen Dich ins Grab.»

Nikolaj Kuleschov über die Katastrophe (Tagesschau, 01.07.2012).

Ungutes Gefühl wegen Skyguide-Chef

Diese Versöhnung hat aber bei vielen anderen Hinterbliebenen nicht stattgefunden. Im Gegenteil: Kein Verständnis haben sie auch dafür, dass der ehemalige Geschäftsführer von Skyguide, Alain Rossier, nie vor Gericht gestellt und für die Katastrophe zur Verantwortung gezogen wurde. Ein Umstand, der nicht nur in Ufa immer wieder für Diskussionen sorgte.

Über die Entschädigungen der Angehörigen durch Skyguide mögen alle Hinterbliebenen, die mit Christof Franzen gesprochen haben, nicht reden. Das Thema ist heikel. Denn eine Gruppe der Hinterbliebenen hat der juristischen Abfindung zugestimmt, die andere nicht.

Jene, die zugestimmt haben, erhielten insgesamt 2,3 Millionen Franken. Diese Genugtuung für die Opferfamilien war vom Bundesgericht im Mai 2011 als korrekt eingestuft worden. Die Eltern getöteter Kinder erhielten pro Kind 30'000 bis 36'000 Franken, Geschwister 7000 und Grosseltern 5000 Franken.

Vitali Kalojew

Bei der Flugzeug-Katastrophe bei Überlingen verlor er seine ganze Familie auf einen Schlag: seine Frau, seinen 10jährigen Sohn und seine 4jährige Tochter. Sie waren mit dem Flug 2937 der Bashkirian-Airlines unterwegs nach Spanien.

Der Kaukase Vitali Kalojew erstach im Februar 2004 in der Schweiz den Skyguide-Fluglotsen Peter Nielsen. Kalojew machte Nielsen für den Tod seiner Liebsten direkt verantwortlich.

Es folgte ein Prozess und eine Haftstrafe in der Schweiz. Im November 2007 wurde der Russe aus Wladikawkas in die Freiheit entlassen. Er kehrte nach Nordossetien zurück, wo er wie ein Held aufgenommen und zum Minister ernannt wurde.

Nach dem kaukasischen Gewohnheitsrecht ist jedes Familienmitglied gezwungen, für Familienangehörige Blutrache zu nehmen.

«Reporter» zeigte im November 2007, nach der Haftentlassung des Familienvaters, einen Film über Vitali Kalojew.