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«Lehren gezogen» - Skyguide 10 Jahre nach Überlingen

Samstag, 30. Juni 2012, 12:15 Uhr

Seit dem Flugzeugunglück von Überlingen vor zehn Jahren, hat sich bei der Luftraumüberwachung viel getan. Abläufe wurden verbessert und das Vier-Augen-Prinzip eingeführt. Doch kann man nun beruhigt und sorgenfrei in den Flieger steigen? «SF Online» sprach darüber mit zwei Experten.

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Für den Schweizer Aviatikexperten Max Ungricht ist die Sache klar: Seiner Ansicht nach wurden bei der Schweizer Flugsicherung «intern die Lehren aus dem Unglück gezogen», gibt er sich überzeugt. 

«Es wurde sehr viel gemacht», sagt auch Mario Winiger, Sprecher von Aerocontrol, der Gewerkschaft der Fluglotsen. Ein Vorfall wie vor 10 Jahren könne heute nicht mehr passieren – dafür habe Skyguide alles getan. «Das heisst aber natürlich nicht, dass heute gar nichts mehr passieren kann.»

Der Absturz von Überlingen

Am 1. Juli 2002 war eine Passagiermaschine der Bashkirian Airlines vom Typ Tupolev TU-154 mit einem Boeing-Frachtflugzeug des Expresspostdienstes DHL in dem von Skyguide kontrollierten Luftraum über Süddeutschland zusammengestossen. Dabei kamen 71 Menschen ums Leben.

Doch auch wenn viel getan wurde, bleiben Zwischenfälle nicht gänzlich aus. So wäre es vor gut einem Jahr beinahe zu einem Zusammenstoss zweier startender Maschinen gekommen. Nur ein aufmerksamer Kommandant verhinderte damals die Katastrophe. Ein Mitarbeiter des Kontrollturms hatte beiden Maschinen die Starterlaubnis gegeben.

«Natürlich wäre das Vier-Augen-Prinzip – wie bei der Radar-Flugüberwachung – auch im Tower sicherer», sagt Winiger. Aber zum einen sind die Entwicklung und Ausarbeitung von grundlegend neuen Verfahren sehr komplex und zum anderen sei das ganz sicher auch eine finanzielle Frage.

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Sieben gegen einen: Der Arbeitsplatz eines Flugleiters glänzt mit einer Fülle von Monitoren und Bildschirmen. aerocontrol

Kritiker bemängeln aber schon seit geraumer Zeit, dass die Lotsen viel Geld verdienen, für Fehler aber kaum in die Verantwortung genommen würden – und Skyguide geradezu in der Hand hätten. Mario Winiger widerspricht dem: «Das ist mit Sicherheit nicht so. Wir sind zwar eine starke Gewerkschaft, aber die Firma wird letztlich vom Management geführt und nicht von uns.»

Zahl der Zwischenfälle rückläufig

«Fluglotsen sind Spezialisten. Sie haben eine teure Ausbildung und es gibt sie nicht wie Sand am Meer», meint Aviatikexperte Ungricht. So gesehen hätten sie schon eine sehr grosse Macht. Ihnen deshalb aber zu unterstellen, sie würden Narrenfreiheit geniessen oder Skyguide auf der Nase herumtanzen, so weit würde Ungricht nie gehen wollen.

Insgesamt kam es in den letzten zehn Jahren zu zehn Zwischenfällen. Das klingt dramatisch. Doch «die nackten Zahlen vermitteln da ein falsches beziehungsweise verzerrtes Bild», so Max Ungricht. Gemessen an der Zunahme der Flugbewegungen seien die Zwischenfälle rückläufig – zudem erscheinen nun auch Vorkommnisse in der Statistik, die früher nicht aufgeführt wurden. Von daher sehe Ungricht aktuell keinen Handlungsbedarf.

Anders könne das aber schon in ein paar Jahren aussehen. «Denn künftig», so Ungricht, «soll das heute geltende System der Luftstrassen abgeschafft werden.» Dann wären kürzere und direktere Wege möglich und Kerosin könnte gespart werden. Gut für Passagiere und Umwelt – schlecht für die Fluglotsen.

«Verordnungen machen das Leben schwer»

Schon heute ist der Zürcher Airport für jeden Fluglotsen wegen seiner Komplexität eine Riesenherausforderung. Dabei seien nicht nur die sich kreuzenden Start- und Landebahnen oder das hohe Flugaufkommen ein Problem. Vielmehr machten politische Regime und Verordnungen den Lotsen das Leben unnötig schwer, so Winiger.

Dabei geht es um Lärmbelastung und Überflugrechte – um Politiker, die versuchen, allem gerecht zu werden, aber niemandem weh zu tun. Die Folge ist eine hohe Dichte an Flugzeugen über dem Airport. Dass sich daran auf kurze Sicht etwas ändern könnte, ist unwahrscheinlich.

(sf/maiu; mery)