International
Termin-Weltmeisterin Angela Merkel
Sie ist Bundeskanzlerin, Parteichefin, Euro-Retterin und passionierter Fussball-Fan. Die Agenda von Angela Merkel platzt während der zahlreichen Treffen zur Euro-Krise und den Euro-Fussballspielen 2012 aus allen Nähten. Doch die Kanzlerin meistert ihre Termine mit einem Lächeln. «Angela Merkel verfügt über eine unglaubliche Energie», sagt SF-Korrespondent Stefan Reinhart in Berlin.
Kreuz und quer rast die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die Welt – in den letzten 11 Tagen standen 8 Flüge mit insgesamt 25‘500 Kilometern auf dem Programm der Regierungschefin. «Das waren wirklich intensive Tage», sagt Stefan Reinhart, SF-Korrespondent in Berlin. Doch eine solche Reisetätigkeit sei nicht unüblich für die Kanzlerin.
«Alles hat sich extrem beschleunigt – es kommt mir vor, als hätten sich die Regierungsgeschäfte in den letzten 20 Jahren verdoppelt.» Reinhart führt eine berühmte Anekdote ins Feld: Seinerzeit habe der Amtschef den depressiven Bundeskanzler Willy Brandt nach einigen Tagen mit einer Flasche Rotwein aus dem Bett gelockt, mit der Aufforderung: «Willy, aufstehen, wir müssen regieren!». Eine solche Szene sei heute absolut undenkbar.
«Am Sonntagabend schaut sie ‹Tatort›»
Da Angela Merkel als Parteichefin der CDU einer Doppelbelastung ausgesetzt ist, muss sie neben ihrer Aufgaben als Kanzlerin auch an sämtlichen Wahlkämpfen im ganzen Land teilnehmen. Hinzu kommen Einweihungen, Verabschiedungen und dergleichen. Die Bundeskanzlerin sei immer auf Draht, berichtet Reinhart. «Ausser am Sonntagabend, da schaut sie wenn immer möglich ‹Tatort›.»
Merkel sei immer pünktlich, weiss Reinhart aus eigener Erfahrung. Gestern habe sie eine ihrer wichtigsten Regierungserklärungen im Bundestag gehalten. «Um 12.26 betraten wir gleichzeitig das Gebäude», erzählt der SF-Korrespondent. Seine Begrüssung habe sie topfit, lächelnd und mit einem freundlichen «Hallo!» erwidert. Typisch Merkel sei auch: Sie rausche voraus, alle hetzten ihr nach. «Sie ist diejenige, die den Takt angibt – auch im Team.» Um Punkt 12.30 Uhr habe sie dann ihre Tasche unter dem Stuhl verstaut.
«Ich finde sie aussergewöhnlich»
In Griechenland kollabieren Politiker unter dem Druck. Der griechische Finanzminister hat sein Amt gar nicht erst angetreten. Auch bei den Regierungsmitgliedern rund um Merkel sei die Belastung sehr hoch. Sie selbst verfüge jedoch über eine ausserordentliche innere Energie und Stabilität. Menschen bewunderten sie offen. «Ich finde sie aussergewöhnlich», gibt der Korrespondent unumwunden zu.
«Was Angela Merkel natürlich hilft, ist ihr Sonderstatus», erzählt Reinhart. Beispielsweise könne sie mit dem Auto direkt in den Flughafen Tegel in Berlin fahren – sie brauche nicht einzuchecken. Trotz häufigem Stau vermeide sie aber stets den Einsatz von Blaulicht. Auch benutze sie nicht ihr Regierungsauto mit Spezialnummer, sondern fahre lieber in einem abgedunkelten, gepanzerten Audi – mehrere verschiedene habe sie, damit man sie nicht sofort erkenne. «Sie ist äusserst zurückhaltend unterwegs.»
Die Kanzlerin lässt selten einen Termin platzen. «Letzte Woche hatte sie sogar ein Treffen mit den Regierungschefs aus Frankreich, Italien und Spanien vorverlegt, um ans Spiel Griechenland gegen Deutschland in Danzig reisen zu können.»
Nun trifft die deutsche National-Elf in Warschau auf Italien. Auf den Blitzbesuch von Merkel müssen die Spieler dieses Mal allerdings verzichten – die Bundeskanzlerin kann den EU-Krisengipfel in Brüssel nicht schwänzen. Mit Sicherheit werde die Kanzlerin das Spiel dennoch verfolgen, ist Reinhart überzeugt: «Angela Merkel schaut immer aufs Handy, zudem besitzt sie ein iPad.» Zumindest über den Newsticker werde sie sich auf dem Laufenden halten – vielleicht werde sie das Spiel sogar gemeinsam mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti ansehen.
«Sie will nicht neben Janukowitsch sitzen»
Erreicht die Nationalmannschaft den Final, wird Angela Merkel nach Kiew reisen. Das versprach sie der Mannschaft beim letzten Spiel. Doch das Vorhaben bringt die Regierungschefin in die Zwickmühle. «Ursprünglich wollte Frau Merkel die Spiele in der Ukraine nur besuchen, wenn sich in der Affäre rund um die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko etwas bewegt. Nun will sie partout nicht neben den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch sitzen.» Man überlege sich, Uefa-Präsident Michel Platini dazwischen zu setzen. Ein grosser Affront wäre es, wenn die Bundeskanzlerin ganz woanders sitzen würde.
Welchen Platz die Bundeskanzlerin auch immer einnimmt – mit der Mannschaft den Europameister-Titel zu feiern, würde ihrem Image guttun. Dazu müsste sie jedoch wieder das lindgrüne Jäcklein anziehen. Damit hat sie der National-11 bisher viel Glück gebracht.



