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Kinderärztin: «Die Abgabe von Ritalin ist ein Spiegel unserer Gesellschaft»

Interview: Christa Gall
Montag, 25. Juni 2012, 20:28 Uhr, Aktualisiert 20:28 Uhr

Ritalin wird immer häufiger an Kinder verabreicht. Dies zeigen Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit. Die Kinderärztin Bea Latal sagt, warum die Bezüge steigen.

Was ist der Grund für die markante Zunahme der Ritalin-Abgabe an Kinder?

Sicher ist, die Krankheit ADHS nimmt nicht bedeutend zu. Der Anteil der Kinder, die eine ADHS-Diagnose haben, liegt bei zirka 5 Prozent. Es gibt aber eine Grauzone, also Kinder, die gewisse Symptome von ADHS aufweisen, bei denen die Diagnose von ADHS aber nicht gestellt werden kann. Auffällige Kinder werden eher abgeklärt als früher und an diese Kindern wird auch schneller Methylphenidat  abgegeben als früher. So nach dem Motto: Probieren wir es einmal mit Ritalin und schauen dann, ob sich die Auffälligkeiten normalisieren. Dieses Vorgehen ist aber nicht korrekt, da eine ausführliche Abklärung einer Diagnose eines ADHS immer vorangehen muss. Zudem können auch Menschen ohne AHDS positive auf Ritalin reagieren.

Ist die Verschreibung von Ritalin oder Medikamenten mit dem Stoff Methylphenidat in solchen Grauzone-Fällen richtig?

Oft wird Methylphenidat wohl etwas zu leichtfertig abgegeben. Verhaltensauffälligkeiten können viele andere Gründe haben und müssen nicht im Zusammenhang mit einem ADHS stehen. Hier müssen die Ursachen gesucht werden. Das kann beispielsweise an einer motorischen Störung liegen oder sie sind in der Schule überfordert oder haben soziale Probleme.

Wir alle können uns manchmal nicht konzentrieren oder wir sind zuweilen impulsiv.

Das ist ein weiterer Punkt. Die Abgabe von Ritalin ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Was ist normal? Sind Kinder krank, die in einer bewegungsfeindlichen Umwelt zu zappeln beginnen? Unsere Normen werden immer enger. Die Toleranz für Andersartigkeiten nimmt ab. Kommt hinzu: Wir – und damit auch unsere Kinder – stehen zunehmend unter Druck, Erfolg zu haben.

Auffällig auch, dass Ritalin häufiger an Buben als an Mädchen abgegeben wird.

Hier stellt sich die Frage, ob wirklich mehr Buben genetisch von ADHS betroffen sind oder ob sie nicht einfach aktiver sind und sich mehr bewegen. Buben sind aber tatsächlich von gewissen Krankheiten mehr betroffen als Mädchen.

Wer will das Ritalin? Die Eltern, die Lehrer, die Ärzte?

Das ist schwierig zu sagen und wahrscheinlich eine Kombination aus allem. Eine schnelle Lösung ist natürlich verlockend. Wenn man eine unkonzentriertes Kind hat, kann man ihm Ritalin verschreiben lassen und es kann sich besser konzentrieren. Oder ein Lehrer ist froh, wenn er statt einem Störenfried ein ruhiges Kind in der Klasse hat. Und auch Ärzte sind wahrscheinlich weniger kritisch und zurückhaltend und da ist die einfache Lösung in Pillenform schnell zur Hand.

Ein erstaunlich leichtfertiger Umgang mit Ritalin, obwohl man die Langzeitfolgen nicht kennt.

Das ist richtig. Was man weiss ist, dass man Kinder bei der Absetzung des Medikamentes überwachen sollte. Es kann zu Entzugserscheinungen kommen. Aber auch Depressionen chronischer Überaktivität können zum Vorschein kommen.

Sie sind Mutter und Kinderärztin. Würden Sie ihrem Kind Ritalin verabreichen?

Ich würde meinem Kind erst dann Ritalin geben, wenn der Leidensdruck in unserer Familie, Schule und Freizeit sehr gross ist und mein Kind von Spezialisten abgeklärt wurde. Und wenn dann wirklich ADHS festgestellt wird, darf es nicht einfach nur bei der Medikamenten-Abgabe bleiben. Zusätzlich müssen auch pädagogische und psychologische Massnahmen eingeleitet werden.

Zur Person

Bea Latal ist Co-Leiterin der Abteilung Entwicklungspädiatrie im Kinderspital Zürich. Sie ist Mutter von zwei Kindern.