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Experte: «Grüne Wirtschaft» ist eine Mogelpackung
Am Gipfel von Rio+20 soll die «grüne Wirtschaft» in die Agenda der UNO aufgenommen werden. Das sei aber eine «Mogelpackung», meint der Umweltökologe Niko Paech. Denn es gebe kein Wachstum ohne Ressourcenverbrauch.
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Die Technik soll die Plünderung der Erde stoppen und gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen, so lautet die Verheissung der «grünen Wirtschaft». Ein Irrglaube, sagt Niko Paech zu Radio DRS. Er ist eine der bekannteren deutschen Stimmen der Umweltökonomie und lehrt an der Universität Oldenburg.
«Es ist eine Illusion und vor allem auch eine Mogelpackung, denn: hat jemals irgendeine technische Innovation irgendwo zur Entlastung der Umwelt geführt?» Er kenne kein Beispiel dafür, sagt Paech, und genau das sei das Problem.
Arbeitsplätze versus Ökologie
Er erklärt es mit der Sonnenenergie. Würde Deutschland die Kohlekraftwerke mit Sonnenkollektoren ersetzen, dann würde zwar das Klima geschont. Doch die damit verbundenen Arbeitsplätze würden verschwinden. Dasselbe gelte für Photovoltaikanlagen, auch sie erzeugten Strom ohne Zulieferindustrie und praktisch ohne Wartung.
«Die Kohleindustrie dagegen ist insofern sehr wertschöpfungsträchtig, als dass sie die auf die permanente Plünderung angewiesen ist», sagt Paech. Deutschland habe im Jahr 2010 beispielsweise acht Millionen Tonnen Kohle allein aus Kolumbien importiert, um deutsche Kohlekraftwerke zu befüttern «und das – so schmutzig es ist – generiert ständig neue Wertschöpfung.»
Elektroschrott statt Papier im Büro
Paech verweist auf die Informationstechnologie. Sie sei als Segen für die Umwelt gepriesen worden, wegen papierloser Büros und aufgrund von Videokonferenzen statt Businessflügen.
«Heute wissen wir, dass nichts während der letzten zwei Jahrzehnte mehr ökologische Schäden hervorgerufen hat als eben jene Digitalisierung, von der wir gerade glaubten, sie sei die perfekte Dematerialisierung von Wertschöpfungsströmen», sagt Paech.
Entstanden sei Elektroschrott, ein hoher Stromverbrauch, ein grosser Bedarf an seltenen Erden. Auch der Online-Konsum rund um Uhr und die Möglichkeit, auf der ganzen Welt Güter zu produzieren, habe den Ressourcenverbrauch gesteigert.
Rebound-Effekt
Das Beispiel bestätigt die Theorie. Keine einzige empirische Studie stützt die These, dass es Wachstum ohne Ressourcenverbrauch gibt. Dies auch, weil technischer Fortschritt meist dazu genutzt wird, mehr zu verbrauchen: Autos verbrennen weniger Benzin, dafür fahren sie mehr Kilometer, Wohnungen sind besser gebaut, dafür grösser.
Elektrogeräte brauchen weniger Strom, dafür gibt es mehr davon. Rebound-Effekt heisst das in der Wissenschaftssprache. Für Niko Paech ist deshalb klar, dass man sich zwischen Wachstum oder Ökologie entscheiden müsse. Beides zusammen bekomme man nicht.
Wirtschaftswachstum für den sozialen Frieden
Das Konzept der «grünen Wirtschaft» sei so beliebt, weil sich weder Topmanager noch Politikerinnen dem Wachstums-Diktat entziehen könnten. Für die Wirtschaftsführer gehe es ums geschäftliche Überleben, für die Politik sei Wirtschaftswachstum für den sozialen Frieden nötig.
Man versuche nicht, das vorhandene Quantum an Reichtum gerechter zu verteilen, sondern man möchte ihn lieber vergrössern. Auf diese Weise könnte man den berechtigen Ansprüchen der Zukurzgekommenen Genüge leisten «ohne dabei den Status quo der Anderen antasten zu müssen.»
Auf dieser Ebene werde gewetteifert und deshalb steckten die Parteien in einem Dilemma, sagt Niko Paech. «Die Partei, die als erste das Wagnis eingeht, den Menschen diese Wahrheit einfach mal zu sagen, wird kurzfristig abgestraft.»
Es gebe aber nur eine Lösung, um den Planeten zu retten: weniger verbrauchen. Das hiesse aber im heutigen System der Zusammenbruch ganzer Branchen und Massenarbeitslosigkeit. Doch weiter wie bisher sei keine Option, irgendwann gingen die Ressourcen aus.
Nicht nur Ölverknappung droht
Es gebe nicht nur das Ölfördermaximum, genannt «Oil Peak», nach dem eine Verknappung des Erdöls drohe, «wir haben so viele andere Metalle und seltene Erden, von denen wir so abhängig geworden sind, dass deren Verknappung und damit Verteuerung unser System in den Grundfesten erschüttern wird», sagt der Umweltökonom der Universität Oldenburg.
Niko Paech hat trotzdem einen Hoffnungsschimmer: Bürgerinitiativen, Netzwerke und Menschen, die jetzt schon versuchten, mit weniger materiellem Reichtum gut zu leben. Mit der sogenannten Postwachstumsökonomie vertritt der Wissenschafter eine wachsende Denkschule, die eine neue Wirtschaftstheorie entwickeln möchte. Dies alles soll auch den Politikern mehr Mut machen, das System grundsätzlich zu hinterfragen. Anstatt mit dem «grünen Wachstum» Hoffnungen zu wecken, die sich nie erfüllen würden.







