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Schweiz

Hausarzt Ja – aber ohne Zwang

Nadine Gerber
Montag, 18. Juni 2012, 16:18 Uhr, Aktualisiert 20:45 Uhr

76 Prozent aller Schweizer wollen kein Managed Care – eine unerwartet klare Abfuhr. Überraschend ist, dass rund die Hälfte der Bevölkerung bereits heute in einem Hausarztmodell versichert ist. Gar 85 Prozent konsultieren unabhängig vom Versicherungsmodell zuerst ihren Hausarzt.

Etwa 10 Prozent aller Schweizer sind heute in einem Managed-Care-Modell, das auch Budgetverantwortung übernimmt, versichert. Dies entspricht etwa jenem Modell, über das am Sonntag abgestimmt wurde. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist aber in einem HMO-Modell versichert, das von den Krankenkassen initiiert wurde – und das die freie Arztwahl ebenfalls einschränkt.

Bild Frau sitzt bei einem Arzt im Sprechzimmer.
Obwohl die meisten Schweizer erst einen Hausarzt konsultieren, fiel die Vorlage deutlich durch. colourbox/symbolbild

Rund 85 Prozent der Versicherten – auch jene mit freier Arztwahl – würden ohnehin in jedem Fall zunächst den Hausarzt aufsuchen, sagt Margrit Kessler von der Stiftung für Patientenschutz. Diesen habe man mit dem Managed-Care-Modell ein Zückerchen geben wollen. Sie hätten dann jährlich 200 Franken weniger Selbstbehalt zahlen müssen.

Viel Leistung für viel Geld

Doch es hätten viele Fehlinformationen die Runde gemacht, so Kessler.  So sei das Gerücht kursiert, dass Managed-Care-Versicherte auch vor einem Besuch beim Augenarzt oder Gynäkologen den Hausarzt hätten konsultieren müssen – was natürlich nicht der Fall gewesen sei.

Mit der Angst vor etwas Neuem erklärt sich Silvia Schütz, Sprecherin des Krankenkassenverbands Santésuisse, das deutliche Nein. Es habe zu viele Fehlinformationen und zu viel Angstmacherei gegeben. «Das ist eine verpasste Chance, ein sinnvolles Modell einzuführen, das die Qualität fördert und die Kosten im Griff hält.»

Die Santésuisse-Sprecherin vermutet, dass die Schweizer lieber bei dem bleiben, was sie kennen. Doch es gebe auch verschiedene Patiententypen. Eine Grundhaltung vieler Patienten sei etwa, dass sie für ihre in ihren Augen hohen Prämien auch eine entsprechende Leistung erwarten und bereits bei der Erstkonsultation einen Spezialisten aufsuchten. «Diese Patienten fordern Behandlungen ein, die gar nicht nötig wären», sagt Silvia Schütz. Und das treibe die Kosten in die Höhe. 

Freie Fahrt für Patienten

Eine Erstkonsultation bei einem dafür ausgebildeten Hausarzt wäre also im Sinne von Patientenschutz und Krankenkassen. Die Hausärzte müssten aber auch in der Lage sein, etwa chronische Patienten direkt am Telefon an den Spezialisten zu überweisen oder Langzeitüberweisungen vorzunehmen – so dass Personen, die einen längeren Krankheitsverlauf haben, nicht immer zwei Ärzte konsultieren müssen.

Dass es schon heute doppelte Konsultationen gibt – und dass diese viel kosten – bestätigt auch Jacques de Haller, Präsident des Ärzteverbandes FMH. Und auch, dass Spezialisten, die umfangreichere Abklärungen treffen müssen, teurer sind. Dennoch ist er froh, dass die Managed-Care-Vorlage bachab geschickt wurde. «Es muss ohne Zwang und finanzielle Bestrafung gehen», erklärt er. Der Patient müsse sich frei fühlen.

Einig sind sich jedoch alle – egal ob Sieger oder Verlierer: Im Gesundheitssystem muss etwas geändert werden. Als gangbarste Lösung kristallisiert sich der so genannte Risikoausgleich heraus. Damit soll die Jagd der Krankenkassen nach möglichst risikotiefen Patienten – also junge, gesunde Männer – beendet werden.

Krankenkassen mit «hohen Risiken» könnten von Risikoausgleichszahlungen profitieren. Dieser Risikoausgleich besteht schon, muss laut Margrit Kessler von der Stiftung für Patientenschutz jedoch verfeinert werden.

Dem Gesundheitswesen droht die Reformblockade. (Tagesschau, 18.06.2012, 19.30)

Weniger Risiko – weniger Gewinn

Eine Verbesserung des Risikoausgleichs war auch in der am Sonntag abgeschmetterten Managed-Care-Vorlage vorgesehen. Der Ärzteverband FMH fordert, dass dieser nun unabhängig von der Gesamtvorlage dennoch umgesetzt wird. Auch die Krankenversicherer würden einen solchen verbesserten Risikoausgleich unterstützen, wie Silvia Schütz sagt.

Jacques De Haller will, dass die Billigkrankenkassen, welche besonders viele «risikotiefe» Patienten versichern, die Ausgleichsgelder aus dem Topf mit den Gewinnen nehmen. Es sollten nicht die jungen, gesunden Männer zur Kasse gebeten werden.

Santésuisse fordert auch Lösungsvorschläge von Seiten der Ärzte. Silvia Schütz glaubt, dass der Weg hin zu Ärztenetzwerken, wie es Managed Care gefordert hatte, dennoch weiter beschritten wird. «Managed Care kommt – mit oder ohne Abstimmung. Es ist die Zukunft.»