Vermischtes
Cleantech: Schweiz fällt zurück ins Mittelfeld
Neue Analysen zeigen: In den 1990er-Jahren war die Schweiz noch Spitzenreiter in Sachen saubere Energien. Heute tummelt sie sich im internationalen Mittelfeld. Zu wenig Fachleute und Kapital, lautet die allgemeine Kritik. Umweltministerin Doris Leuthard, ein Cleantech-Experte und ein Marktanalyst erörtern das Problem.
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Dänemark ist Spitzenreiter in Sachen Cleantech: Im Verhältnis zu seiner Wirtschaftsleistung verkauft kein Land mehr Cleantech-Produkte und -Dienstleistungen als die Skandinavier. China liegt auf Platz zwei, der Abstand zu Dänemark schmilzt jedoch.
China liegt an Weltspitze
In absoluten Zahlen liegt der gelbe Riese bereits an der Spitze. Sein Cleantech-Verkaufszuwachs betrug 2011 stolze 29 Prozent. Auf China folgen die USA, Deutschland, Japan und Brasilien. Insgesamt werden knapp 200 Milliarden Euro pro Jahr im Cleantech-Bereich umgesetzt.
Die Studie zeigt auch: China lief der EU den Rang ab. Der ferne Osten ist neuer Marktleader im Cleantech-Sektor.
Prozentualer Anteil des Cleantech-Bereichs am Bruttoinlandprodukt (BIP)
| % des BIP | |
| 1. Dänemark | 3 |
| 2. China | > 2 |
| 3. Deutschland | < 2 |
| 4. Brasilien | < 1 |
| 5. Südkorea | < 1 |
Auf welchem Platz liegt die Schweiz? «Sie würde sich vermutlich irgendwo im Mittelfeld der Top 25 bewegen», schätzt Ward van den Berg, Coautor der Studie «Clean Economy, Living Planet 2012», welche der niederländische WWF in Auftrag gegeben hat. Die Studie wird heute in Brüssel vorgestellt. Die Schweiz wurde in der Auflistung nicht erfasst – aus verschiedenen Gründen – auch weil sie keine Hauptrolle auf dem Cleantech-Markt spiele, so van den Berg.
Swiss Economic Forum
«Stärken stärken» lautet das Motto des diesjährigen Swiss Economic Forums, das am 7. und 8. Juni 2012 in Interlaken stattfindet. Auch Cleantech wird Thema sein. Die Live-Berichterstattung zum Event finden Sie hier.
«Solche Rankings sind mit Vorsicht zu geniessen», warnt Nick Beglinger, Präsident des Wirtschaftsverbands Swisscleantech. Jeder definiere Cleantech anders. In der neuen WWF-Studie beispielsweise seien nur die neuen Technologien erneuerbarer Energie erfasst – bespielsweise fehle die Wassertechnologie.
«Oft ist Cleantech keine neue Technologie per se, sondern eine Zusammenlegung zweier Technologien», erklärt Beglinger. Ein gutes Beispiel sei das Angebot Mobility. Autos zu teilen statt zu besitzen sei vor 10 Jahren eine einzigartige Schweizer Innovation gewesen.
Was ist Cleantech?
Es gibt viele verschiedene Definitionen für das Schlagwort «Cleantech», was den Vergleich von Untersuchungen schwierig macht.
Während der Begriff oft nur für den Bereich erneuerbarer, «sauberer» Energien verwendet wird, bezeichnet der Schweizer Wirtschaftsverband Swisscleantech damit sämtliche Produkte, Prozesse und Dienstleistungen, die darauf abzielen, die Leistung oder Effizienz zu steigern und gleichzeitig Ressourcen zu schonen oder den Energieverbrauch oder die Verschmutzung zu reduzieren. Cleantech wird somit zum Qualitätsfaktor und bezeichnet eine «grüne Wirtschaft».
Den Rückschlag für die Schweiz in Sachen Cleantech erklärt Beglinger vor allem mit der Haltung der Schweizer Wirtschaft. Diese sei über Jahre regelrecht Cleantech-feindlich gewesen. Ein Beispiel sei das CO2-Gesetz. Der Wirtschaftsverband Economiesuisse sowie der Bundesrat seien der Ansicht gewesen, das Reduktionsziel von 20 Prozent bis 2020 schade der Wirtschaft. Sie wollten sich nur zu 10 Prozent verpflichten lassen. Erst nach intensiver Überzeugungsarbeit sei es gelungen, den Bundesrat vom Gegenteil zu überzeugen.
«Oder nehmen Sie die Pendlerpauschale», sagt Nick Beglinger. Wenn jemand jeden Tag mit dem Auto hundert oder mehr Kilometer zur Arbeit und zurück fahre und dies von der Steuerrechnung abziehen könne, sei dies absolut Cleantech-feindlich.
Kapazität für mehrere tausend Arbeitsplätze
Potenzial für mehr Cleantech in der Schweiz räumt auch der Bundesrat ein. Umweltministerin Doris Leuthard beziffert das künftige globale Wachstum in diesem Bereich auf 6 bis 9 Prozent pro Jahr. «Wenn sich die Schweiz davon eine Scheibe abschneiden könnte, wäre das schön.» Mehrere tausend Arbeitsplätze könnten geschaffen werden, vor allem in den Bereichen Energien, Gebäude und Umwelt. Doch es gebe noch einiges zu tun.
Ein Nachteil für Cleantech sei auch gewesen, dass lange die verbreitete Meinung galt, das sei etwas für die Grünen, das koste nur. «Wir haben auch von den Ressourcen her nicht unbedingt ein Problem gehabt – mittlerweile hat sich das aber geändert», sagt Bundesrätin Leuthard. Ressourcen seien teurer geworden und es gebe Verknappungsanzeichen, Das habe bewirkt, dass die grüne Wirtschaft auf die Agenda der Politik geschrieben worden sei.
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Patentanteil der Schweiz
an den Patentanmeldungen der Welt für verschiedene Cleantech-Bereiche (in Prozent)
Quelle: evd
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Um wieder mitzumischen an der Spitze des Cleantech-Marktes haben das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement (EVD) und das Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) einen «Masterplan Cleantech» entwickelt. Auf diesen stütze der Bundesrat nun seine Strategie. Der Bund sei vor allem für Bildung, Forschund und Innovation zuständig.
Das Kapital für Unternehmen bereitzustellen – wie es etwa in Grossbritannien und den USA üblich sei – sei hingegen nicht Aufgabe des Bundes. «Das ist bei uns nicht denkbar. Das ist Sache der Banken, Fonds und Unternehmungen», so Leuthard.
Chinesen produzieren billiger
Aus Sicht von Marktanalysten wird die Position der Schweiz auch durch den Preiskampf geschwächt. «Im Massengeschäft von erneuerbaren Energien wie beispielsweise der Herstellung von Photovoltaik-Modulen hat die Schweiz wenig Chancen. Chinesische Firmen produzieren hier einfach billiger bei guter Qualität», sagt Robert Hauser, Leiter Nachhaltigkeitsanalyse bei der Zürcher Kantonalbank.
Ein weiteres Problem sei die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV), welche Produzenten von erneuerbaren Energien erhalten: In der Schweiz gibt es derzeit eine lange Warteliste, da die Fördermittel aufgebraucht sind. Der Bund arbeitet nun daran, die Fördermittel zu erhöhen.
Aber auch an Fachleuten wie Solarteuren fehle es, welche Solarmodule auf dem Dach montieren. Und: Die aktuelle wirtschaftliche Lage in Europa helfe natürlich auch nicht, den Markt anzukurbeln, so der Analyst.

Mehr zum Thema heute in der Sendung «10vor10» um 21.50 Uhr auf SF 1
(sf/buev)






