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Schweiz

SBB-Güterverkehr am Gotthard: «Situation ist angespannt»

Donnerstag, 7. Juni 2012, 15:13 Uhr, Aktualisiert 20:38 Uhr

Die Sperrung der SBB-Gotthard-Strecke hat Konsequenzen für den Güterverkehr. Rund 90 Güterzüge können nicht via Simplon umgeleitet werden. Zudem sind drei der vier Nord-Süd-Korridore nur beschränkt nutzbar. Zahlreiche Züge sind im Ausland blockiert.

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«Die Situation ist angespannt», sagte SBB-Sprecher Christian Ginsig. Rund 120 Güterzüge würden täglich die Gotthardstrecke befahren. Er bestätigte damit Berichte von «Tages-Anzeiger» und «Der Bund».

Wegen der Sperre nach dem Felssturz müssen für diese Güter andere Wege gesucht werden. Rund 115 Güterzüge fahren derzeit pro Tag durch die Tunnels am Simplon und Lötschberg. Normalerweise sind rund ein Dutzend davon auf der Gotthardstrecke unterwegs.

Seit dem Gotthard-Felssturz vor zwei Tagen, geht gar nichts mehr. Rund 70 Prozent aller geplanten Lastwagen- und Container-Transporte mit der Bahn fallen im Moment aus. (Tagesschau, 07.06.2012, 19.30 Uhr)

Obwohl diese Ausweichroute bis auf den letzten Slot ausgelastet ist, müssen die Güterverkehrsfirmen laut Ginsig noch immer für rund 90 Züge eine andere Lösung finden.

Fels wird gesprengt

Das Felsstück, das im Bergsturzgebiet abzustürzen droht, muss wohl weggesprengt werden. Der Felsen dürfte Mitte nächster Woche gesprengt werden, sagte SBB-Sprecher Christian Ginsig.

Der 500 Kubikmeter grosse Felsen droht abzustürzen und gefährdet die Bergung des verschütteten Arbeiters und die Aufräumarbeiten.

Der Felsblock müsse runter, sagte Ginsig. Es sei zwar möglich, dass er sich von selbst löse, doch dürfte mit 99-prozentiger Sicherheit eine Sprengung nötig sein. Diese Erkenntnis sei indes nicht überraschend.

Ob weitere Sprengungen oder Sicherungsmassnahmen nötig sein werden, ist gemäss Ginsig offen.

Eine mögliche Lösung könnte einer beispielsweie einer der Alpenübergänge in Österreich und Frankreich sein. Doch auch da ist die Kapazität beschränkt: Wie beim Simplon seit längerem beschränken auch beim österreichischen Brennertunnel ab nächster Woche Sanierungsarbeiten die Kapazität. Die SBB rechnet deshalb damit, dass es dort kaum zusätzlichen Platz gibt.

Fahrten in der Nacht

Nebst der französisch-italienischen Mont-Cenis-Route prüfen die Unternehmen laut Ginsig vermehrt auch die östlichere Tauern-Route, obwohl diese weit entfernt ist. Die SBB macht den Kunden auch weniger populäre Slots beliebt: Güterzüge an einem Sonntag oder in der Nacht werden deshalb in nächster Zeit zunehmen.

Schwierige Bergung des Verschütteten

Zwei Tage nach dem Bergsturz von Gurtnellen (UR) ist nicht klar, wie und wann der verschüttete Bauarbeiter aus den Gesteinsmassen geborgen werden kann. Die SBB hatte erklärt, dass ein ferngesteuerter Bagger eingesetzt werden könnte. Dieses Gerät hätte den Vorteil, dass es unbemannt und trotz akuter Felssturzgefahr eingesetzt werden könnte.

Allerdings ist das Absturzgebiet im engen Reusstal nicht leicht zugänglich. Eine Herausforderung wird es sein, den Bagger zur Unglücksstelle zu bringen. Offen sei auch, ob der Bagger graben könne, sagte SBB-Sprecher Christian Ginsig. Ist der Einsatz des Baggers nicht möglich oder erfolgreich, dürfte es noch länger dauern, bis der Verschüttete geborgen werden kann.

Für die Zuteilung der knappen Slots – den sogenannten Trassen – sprechen sich die internationalen Eisenbahnunternehmen derzeit täglich an einer Telefonkonferenz ab. Im Güterverkehr müsse weiträumig geplant werden, gibt Ginsig zu bedenken. Ein Zug könne in Deutschland erst abfahren, wenn er ein freies Fahrplanfenster für die gesamte Fahrt habe. Deshalb seien viele Züge blockiert.

Bis 12 Uhr müssen die Güterverkehrsfirmen ihre Bestellungen für den Folgetag abgeben. Aufgrund dieser Wünsche werden die Trassen nach einem ausgeklügelten Mechanismus anteilsmässig zugeteilt. Einige gehen aber leer aus, wie Ginsig erklärt. «Man darf sich keine Illusion machen: Die Güter wandern auch auf die Strasse ab.»

«Schlecht für die Verlagerung»

Eine sogar längerfristige Abwanderung auf die Strasse befürchtet Irmtraud Tonndorf, Sprecherin von Hupac. Die Schweizer Firma transportiert Container und Lastanhänger auf Zügen, die vor allem auf der Gotthardstrecke verkehren. Von ihren täglich 30 bis 40 Zügen über den Gotthard kann Hupac nur rund 30 Prozent umleiten.

Es sei zu befürchten, dass Güter vermehrt wieder per Lastwagen transportiert werden. «Unsere Kunden haben sich auf den kombinierten Transport mit der Bahn eingestellt», sagte Tonndorf. Wenn die Firmen wieder vermehrt Camions einsetzen müssten, müssten sie Chauffeure und Zugmaschinen organisieren – und blieben dann vielleicht gleich dabei. «Das ist schlecht für die Verlagerung.»

Auch BLS Cargo gehört zu den wichtigsten Nutzern der Gotthardlinie. Pro Woche verkehren rund 175 BLS-Cargo-Züge über diese Linie, wie BLS-Sprecher Hugo Wyler angab. Wie viele davon umgeleitet werden könnten, lasse sich noch nicht abschätzen. Es liefen auch Gespräche mit den Spediteuren.

Liegen gebliebene Züge zurückführen

Der mehrwöchige Ausfall der Gotthardlinie stellt die Logistikbranche vor grosse Herausforderungen. Es werde schon nur Tage dauern, bis die seit Dienstag stehen gebliebenen Züge wieder am richtigen Ort seien, sagte Tonndorf. Mit jeder Routenänderung müsse auch das Ab- und Umladen an Terminals neu organisiert werden.

Wenn so viele Güterzüge für längere Zeit nicht fahren könnten, wirke sich das auch auf die Produktion und den Konsum aus. Tonndorf fordert deshalb, dass die Aufmerksamkeit der Behörden nicht nur dem Personenverkehr gelte, sondern auch dem Güterverkehr.

(sda/muei;godc)