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SF-Korrespondentin: «Tibeter haben nichts mehr zu verlieren»

Carla Schubert
Dienstag, 5. Juni 2012, 15:37 Uhr

Drei Selbstverbrennungen von Tibetern – dabei auch erstmals in Lhasa – haben in den vergangenen Tagen für einen weiteren tragischen Höhepunkt im Tibet-Konflikt gesorgt. Für SF-Korrespondentin Barbara Lüthi in Peking ist klar: «Das ist ein purer Akt der Verzweiflung.»

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«Die Tibet-Politik der Chinesen ist weder nachhaltig noch funktioniert sie», sagt Barbara Lüthi, SF-Korrespondentin in China, zu «SF Online». Natürlich habe China in den tibetischen Regionen investiert und auch Arbeitsstellen geschaffen. Doch an der Unterdrückung der tibetischen Kultur und Religion habe sich auch nach all diesen Jahren nichts geändert.

Als Beispiel nennt Lüthi Lhasa, die Hauptstadt des Autonomen Gebiets Tibet, wo es für die meist hoch religiösen Menschen keine Religionsfreiheit gebe. Die Stadt gleiche mittlerweile einer chinesischen Stadt. Auch tibetische Schulen würden geschlossen und so würden viele tibetische Kinder ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen. «Die Menschen haben einfach nichts mehr zu verlieren.» So seien die Selbstverbrennungen ein klarer Akt der Verzweiflung.

Seit 2009 haben sich in den chinesischen Provinzen Sichuan, Qinghai, Gansu und der Autonomen Region Tibet mindestens 38 Tibeter selbst angezündet. Die genaue Zahl ist unklar, da China nicht alle Selbstverbrennungen bestätigt.

Die Besetzung Tibets

China hat Tibet 1951 besetzt und kontrolliert die autonome Region sowie die anliegenden Provinzen mit harter Hand. Die Tibeter klagen seit Jahrzehnten über soziale und religiöse Diskriminierung. Ihr geistliches Oberhaupt, der Dalai Lama, wirft der chinesischen Regierung «kulturellen Völkermord» vor. Peking seinerseits beschuldigt ihn, nach der Loslösung Tibets von China zu streben. Der Dalai Lama lebt seit 1959 in Indien im Exil.

Die chinesischen Provinzen Sichuan, Qinghai, Gansu zählt der Dalai Lama zu Gross-Tibet. In den tibetischen Regionen leben mehr Tibeter als in der Autonomen Region Tibet.

In allen tibetischen Regionen sind die Sicherheitsvorkehrungen seit dem Aufstand von 2008 in Lhasa massiv verstärkt worden. Die tibetische Provinzführung hat zudem 2011 eine «Erziehungskampagne» gestartet. Tausende Parteifunktionäre wurden in Dörfer geschickt, um sicherzustellen, dass die Parteilinie befolgt wird.

Auch wurde eine grosse Kampagne zur «Befriedung der Klöster» gestartet. Damit soll verhindert werden, dass Mönche und Nonnen an Aktivitäten teilnehmen, die nicht dem chinesischen Geschmack entsprechen. So wurden beispielsweise in allen Klöstern Überwachungskameras installiert.

Dieser Druck erzeuge Gegendruck. Die Menschen in Tibet seien verzweifelt, die Lage sei so nicht mehr tragbar, erzählt Lüthi.

Bild Chinesische Soldaten patrouillieren in der tibetischen Hauptstadt Lhasa. (reuters)
Alltag in Lhasa: Chinesische Soldaten und Parteifunktionäre mischen sich unter die Tibeter. reuters

Rücktritt aus Frustration

Wegen mangelnder Fortschritte in Gesprächen mit China über den Tibetkonflikt haben die beiden Abgesandten des Dalai Lamas, Lodi Gyari und Kelsang Gyaltsen, ihren Rücktritt erklärt.

«Angesichts der sich verschlechternden Lage in Tibet seit 2008, die zu einer zunehmenden Anzahl von Selbstverbrennungen von Tibetern geführt hat, sehen wir uns genötigt, unseren Rücktritt zu erklären», hiess es in dem Rücktrittsschreiben der beiden Delegierten.

Lodi Gyari und Kelsang Gyaltsen hatten die Exilregierung nach ihrer Nominierung durch den Dalai Lama seit 2002 in neun Gesprächsrunden mit Peking vertreten. Das letzte Treffen fand vor mehr als zwei Jahren statt.

Ein Regierungssprecher sagte, dies bedeute aber nicht, dass die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala den Dialog mit Peking ganz einstellen wolle.

Quelle: dpa

Dass die Selbstverbrennungen der Tibeter auch das Ziel haben, die «Sache der Tibeter» wieder in den Fokus der Medien und des Auslands zu rücken, dem stimmt Lüthi zu. In China selber ist Tibet kein Thema. «Die jüngsten Ereignisse haben in chinesischen Medien nicht stattgefunden», so Lüthi. Noch habe sich die chinesischen Regierung auch nicht dazu geäussert. Sie erwarte höchsten eine verbale Verurteilung und einen weiteren Seitenhieb gegenüber dem Dalai Lama.

Keine Hoffnung auf Änderung

Dieser hütet sich nach wie vor die Selbstverbrennungen zu kommentieren. Er begründet dies damit, dass er seine politischen Ämter 2011 abgegeben habe. Erst kürzlich sagte er in Brüssel, was auch immer er sage, werde von der chinesischen Regierung benutzt. Diese wirft ihm vor, die Selbstverbrennungen selber anzuzetteln.

Auch der Exil-Premierminister der Tibeter, Lobsang Sangay, hat sich bisher nicht zu den tragischen Ereignissen geäussert. Sangay ist ehemaliges Führungsmitglied des «Tibetischen Jugendkongresses». Dieser gilt als kompromisslos gegenüber den Chinesen. Die chinesische Regierung hat Sangay unlängst als «Terroristen» eingestuft.

Eine Patt-Situation, die kaum Hoffnung auf ein friedliches Miteinander, noch ein friedliches Nebeneinander, aufkommen lässt.