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Vermischtes

Der Queen-Spleen: Ein Erklärungsversuch

Samstag, 2. Juni 2012, 9:27 Uhr

60 Jahre Queen: Elisabeth II. feiert ihr diamantenes Thronjubiläum. Höchste Zeit einen Blick auf die Königsfamilie und ihren Status in Grossbritannien zu werfen. Zwei Kenner kreuzen die Klingen.

«SF Online»: 60 Jahre auf dem Thron. Man bekommt den Eindruck: die Queen ist immer noch dieselbe. Die Gesellschaft hat sich jedoch seit den 1950er-Jahren drastisch verändert. Nehmen wir beispielsweise die Rolle der Frau. Wie passt das zusammen?

«Ich denke, dass genau das den Charme der Queen für viele Briten ausmacht: Sie ist immer noch da. Sie war immer da. Sie ist DIE Konstante im Leben vieler Briten. Man stelle sich vor: alle unter 60jährigen im Königreich kennen NUR sie auf dem Thron. Sie ist ein Teil im Leben der allermeisten Briten. Man kann sich UK ohne sie gar nicht vorstellen. Das hat etwas Tröstliches, etwas Heimeliges für viele. Da verzeiht man ihr, keine Vorreiterin der Frauenrechte zu sein.»
Florian Inhauser, langjähriger SF-Korrespondent, London
«Die Queen ist sozusagen ein zeitloses Wesen. Ein Relikt aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Und genau das gefällt den meisten Briten daran. Sie können dank der Queen weiterhin den Traum des British Empire träumen und können so die prekäre soziale Realität vieler Engländer verdrängen.»
Peter Balzli, SF-Korresponent, London

Noch vor ihrer Inthronisation hat Elisabeth II. in einer Radioansprache gelobt, ihr Leben in den Dienst ihrer Untertanen zu stellen. Hat die Queen in ihrer 60-jährigen Amtszeit dieses Versprechen eingehalten?

«Das kommt wohl darauf an, wie man den ‹Dienst am Untertan› definiert. Was für mich ausser Zweifel steht: Bis auf die unrühmliche Ausnahme beim Tod von Prinzessin Diana, hat sie die Briten nie blamiert. Ihr Mittelname könnte auch ‹Contenance› sein…»
Florian Inhauser, langjähiger SF-Korrespondent, London
«Ja, das hat sie getan. Das geben auch ihre Gegner zu. Aber die Gegner weisen auch darauf hin, dass sie dafür fürstlich entlöhnt wird. Zum einen aus Steuergeldern. Zum andern hat sie ja unglaubliche Reichtümer geerbt. Sie musste nie irgendwelche Entbehrungen auf sich nehmen. Sie war und ist eine der reichsten Frauen der Welt.»
Peter Balzli, SF-Korrespondent, London

Apropos Kosten, die waren in der Vergangenheit immer wieder ein Thema. Bleibt das ein Dauerbrenner?

«Das wird immer ein Thema sein, und wird es wohl auch immer mehr. Da hat der Umstand, dass die Queen jetzt auch Steuern zahlt, nicht viel geholfen. Und verständlich ist das auch. Britannien hat jede Menge ‹working poor›, da verstehe ich jeden, der sich über die ‹Snobs› im Buckingham Palace aufregt. Auch wenn die viel arbeiten. Sie stehen eben nicht am Fliessband oder tragen Zeitungen aus. Auch wenn ‹Repräsentieren› harte Arbeit sein kann: Lachshäppchen-Essen ist wohl immer noch angenehmer als im Akkord Chips frittieren.»
Florian Inhauser, langjähriger SF-Korrespondent, London
«Die Kosten sind nach wie vor ein Thema. Man muss sich vorstellen, dass die Königin fast grenzenlos Ländereien besitzt. Den Steuerzahler kostet die Königsfamilie rund 40 Millionen Pfund jährlich, laut Berechnungen von Anti-Monarchisten liegen die Kosten gar bei 260 Millionen.»
Peter Balzli, SF-Korrespondent, London

Beim Wort Monarchie denkt man an verstaubte Rüstungen, fragwürdige Familienbeziehungen und hölzerne Etikette. Ist die Monarchie noch zeitgemäss?

«Als politische Institution natürlich nicht. Als Unterhaltungs-Veranstaltung, sehr bunt, sehr emotional ist die Monarchie doch ein klarer Mehrwert für Britannien. Man kann sie prima finden, man kann sich herrlich über sie aufregen. Eine feine Sache, wenn denn unpolitisch. Und ganze ehrlich: Worüber würden denn die ganzen Anti-Monarchisten reden, wenn es die Royals nicht mehr gäbe? Denen ginge doch der Gesprächsstoff aus…»
Florian Inhauser, langjähriger SF-Korrespondent, London
«Das ist ja nicht der Fehler der Queen. Sie versucht weiter den Traum vom British Empire aufrecht zu erhalten. Aber es gab und gibt gelegentlich schon groteske Szenen. Etwa als sie 2010 in der Queen's speech vor dem Parlament in einem Meer aus Gold und Diamanten der Nation die Sparpolitik der Regierung ankündigte. Man muss wirklich betonen, dass in Grossbritannien Kritik an der Queen tabu ist. Deshalb kann sich das Königshau jede Ungebührlichkeit leisten. Etwa als das Königshaus zum Royal Wedding von Kate Middleton und Prinz William den Botschafter von Syrien einlud, aber nicht die ehemaligen Premiers Tony Blair und Gordon Brown. Auch zum Diamond Jubilee wurde wieder der König von Bahrain eingeladen, der gnadenlos auf sein eigenes Volk schiessen lässt.
Peter Balzli, SF-Korrespondent, London

Was bedeutet das Königshaus für die Briten?

«Pathetisch gesagt, dient das Königshaus vielen Briten noch heute als Identifikations-Plattform. Etwas weniger pathetisch gesagt, sind die Royals eine ziemlich gut bezahlte Operettentruppe, die einen ganz ordentlichen Job machen. Wahrscheinlich hat das Königshaus für viele Briten noch ein ‹einigendes Moment›. Man erinnere sich an das Königshaus während des 2. Weltkriegs, da waren der König und seine Familie unglaublich wichtig für die Bevölkerung, dass man damals eben in London blieb, und nicht aufs Land floh. Heute hat sich das natürlich etwas abgeschwächt. Die Royals stehen aber immer noch für ‹Rule Britannia›, für Nationalstolz, für ein britisches Selbstverständnis, auch für Selbstbewusstsein. Zudem rückt man während schwereren Zeiten – auch an GB geht die Krise ja nicht vorbei – immer etwas näher zusammen. Da rückt man halt auch etwas näher um die Queen zusammen. Und vielleicht spielt da auch etwas Anerkennung rein: Die Queen hat in den letzten 60 Jahren einen ziemlich guten Job gemacht. Das scheinen die Briten zu honorieren.»
Florian Inhauser, langjähriger SF-Korrespondent, London
«Die Briten lieben ihre Traditionen, stellt man sich gegen die Monarchie, dann wird man geächtet. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage besagt, dass 81 Prozent der Briten die Monarchie beibehalten möchten. Dennoch: 41 Prozent möchten sie reformieren. Das sind sehr viele, vor allem angesichts der Tatsache, dass Kritik an der Monarchie in England tabu ist. Der Antimonarchist Graham Smith von Republic.org sagte kürzlich gegenüber ‹10vor10›: ‹Es gibt nichts zu feiern, wenn eine Demokratie seit 60 Jahren ein ungewähltes Staatsoberhaupt hat. Wir müssen etwas dagegen tun. Und wir werden am 3. Juni demonstrieren.›
Peter Balzli, SF-Korrespondent, London

(sf/hues)