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International

«Krieg in Syrien? Die USA werden sich hüten!»

Donnerstag, 31. Mai 2012, 19:11 Uhr

Dem Westen scheint im Falle Syriens und des Assad-Regimes die Geduld auszugehen. Doch deuten die Äusserungen des französischen Präsidenten und die Videokonferenz zwischen Obama, Merkel, Hollande und Monti tatsächlich auf ein militärisches Eingreifen hin? «SF Online» sprach darüber mit dem Nahost-Korrespondenten Ulrich Tilgner.

«SF Online»: Susan Rice (UNO-Vertreterin der USA) sagte kürzlich, dass beim Scheitern der derzeitigen Friedensbemühungen auch eine Lösung ausserhalb der Autorität des UNO-Sicherheitsrates möglich wäre. Durch die Blume gesprochen heisst das doch nichts anderes, als dass man militärisch in Syrien eingreifen wird. Sehen Sie das auch so?

Ulrich Tilgner: «Nein, ich sehe das nicht so. Die USA werden sich davor hüten, sich die Finger im Nahen Osten zu verbrennen.»

Was macht Sie da so sicher?

«Nun, in den USA ist der Wahlkampf um das Präsidentenamt in vollem Gange. Das Letzte, was Obama da gebrauchen könnte, wäre ein Krieg in Syrien. Allerdings, eines ist auch klar: Das was da gerade geschieht, ist dem US-Präsidenten und Friedensnobelpreisträger sehr unangenehm. Eine Lösung würde sich im Wahlkampf besser verkaufen lassen.»

Aber wie soll das gehen ohne militärisches Eingreifen?

«Ich glaube, man möchte den Druck auf Assad massiv erhöhen und diesen so zum Rücktritt zwingen. Denn eines ist aus meiner Sicht auch klar: Die jüngsten Äusserungen könnten einigen Leuten in Damaskus einen gehörigen Schrecken eingejagt haben oder noch einjagen. Eine militärische Intervention mit russischer Rückendeckung – das möchte dort keiner erleben.»

Wieso sollte Russland das tatsächlich tun?

«Nun, die Russen stehen vor dem Hintergrund der jüngsten Gräueltaten unter einem enormen Druck. Denn das, was da passiert ist, das hat ja nicht einmal Gaddafi gemacht – das ist Meucheln in grossem Stil. Und wie in der ganzen Welt fragen sich auch in Russland immer mehr, was das Assad-Regime noch tun muss, um geächtet zu werden?»

Was wäre für sie ein mögliches Szenario?

«Ich glaube, dass man Assad als Lösung ins Asyl schickt und eine Übergangsregierung installiert. Allerdings sehe ich das Ganze nicht so einfach, wie der deutsche Aussenminister Westerwelle, der eine Lösung à la Jemen vorgeschlagen hat. Denn nach wie vor steht hinter Assad ein gewachsener Apparat. Diesem nur den Kopf abzuschlagen wird nicht ausreichen.»

Und an eine inner-syrische Lösung glauben Sie nicht?

«Nein, ich denke nicht, dass die Rebellen stark genug sind, um Assad zu besiegen. Denn die Säulen des Regimes stehen nach wie vor. Viele Gruppen und Ethnien zögern, sehen den Moment des Zerfalls des Regimes noch nicht für gekommen. Ich kann das sehr gut verstehen. Denn die Angst, dass ein Exempel statuiert oder blutige Rache genommen wird, ist nach dem Massaker von Hula nur allzu verständlich.»

Also kein Frieden in Sicht?

«So absolut möchte ich das nicht sagen. Im Gegenteil, ich bin schon der Meinung, dass sich derzeit etwas tut. Allerdings glaube ich, wie schon gesagt, nicht daran, dass die USA und der Westen ohne UNO-Mandat oder die Rückendeckung Russlands in Syrien militärisch eingreifen werden. Das würde einen riesigen Scherbenhaufen hinterlassen mit Auswirkungen, an die ich gar nicht zu denken wage.»

Ulrich Tilgner arbeitet seit 1976 als Journalist und Nahost-Korrespondet für diverse TV-Stationen und Zeitungen. Seit 1982 berichtet er für das Schweizer Fernsehen und Schweizer Radio DRS über den Nahen und Mittleren Osten.

(sf/maiu; muei)