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International

50 Jahre Haft für Charles Taylor

Mittwoch, 30. Mai 2012, 10:00 Uhr, Aktualisiert 11:51 Uhr

Liberias ehemaliger Diktator Charles Taylor muss wegen Beteiligung an Kriegsverbrechen im Nachbarland Sierra Leone 50 Jahre ins Gefängnis. Allerdings blieb das Sondergericht in Den Haag klar unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Offenbar konnte der letzte Beweis, dass der 64Jährige direkt für die Gräueltaten verantwortlich war, nicht erbracht werden.

Es ist ein historischer Prozess, der mit dem Urteil in Den Haag zu Ende geht. Erstmals seit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein ehemaliges Staatsoberhaupt von einem internationalen Gericht zur Rechenschaft gezogen worden.

Sein Heimatland Liberia hatte Taylor während seiner Herrschaft (1997 bis 2003) ins Chaos gestürzt. Frieden wollte er dem Land bringen, als er seinen einstigen Ziehvater Samuel K. Doe von der Macht verjagte. Geschehen ist das Gegenteil. Als Taylor vor neun Jahren fliehen musste, hinterliess er ein zerrissenes, von Bürgerkrieg gezeichnetes Land. 200‘000 Menschen waren ums Leben gekommen, mehr als eine Million Menschen war auf der Flucht.

Doch darum ging es im Prozess in Den Haag nicht. Im Zentrum stand vielmehr Taylors Rolle im Bürgerkrieg im benachbarten Sierra Leone. Dass Taylor dort Rebellen unterstützte, war im Prozess unbestritten. Im Gegenzug für seine «Dienste» erhielt Taylor von den Kämpfern der «Revolutionären Vereinigten Front» (RUF) Diamanten, mit denen er wiederum seinen eigenen Krieg um die Kontrolle über die Rohstoffe Liberias finanzieren konnte.

Bild Charley Taylor, in elegantem Anzug, vor Gericht.
«Intrige des Westens»: Taylor vor Gericht. keystone

Mord, Vergewaltigung, Versklavung

Die RUF ging in Sierra Leone mit beispielloser Brutalität vor. Ihr Markenzeichen war es, Zivilisten die Arme abzuhacken. Mehr als 120‘000 Menschen kamen in 11 Jahren Bürgerkrieg ums Leben. Die Vorwürfe der Anklage gegen Taylor, insgesamt elf Punkte, lauteten unter anderem auf Vergewaltigung, Mord, sexuelle Versklavung und Zwangsrekrutierung von Kindern als Soldaten.

Bild 14-jähriges Mädchen mit Armprothesen, Bild aus dem Jahr 2000.
Auch Kinder verschonten die Rebellen der RUF nicht. keystone

Allerdings: Wie direkt war Taylor an den Gräueltaten im Nachbarland beteiligt? Zwar habe er geholfen und angestiftet, befanden die Richter in Den Haag bereits in ihrem Schuldspruch Anfang Mai. Aber dass er quasi Befehlshaber war, der solche Gräueltaten anordnete, diesen Beweis sei die Staatsanwaltschaft letztlich schuldig geblieben. Dies dürfte auch der Grund sein, dass die Richter nun deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft blieb. Sie hatte 80 Jahre gefordert. Im Gegenzug unterstrich das Gericht die besondere Verantwortung, welche Taylors Position als Präsident mit sich gebracht habe.

Taylor: Inszenierung des Westens

Elegant, höflich, gebildet: So trat Taylor, der studierte Wirtschaftswissenschaftler, vor dem Gericht auf. Den Urteilsspruch nahm er weitgehend regungslos entgegen. In seiner letzten Stellungnahme hatte er erklärt, er sei das Opfer einer «Intrige des Westens», angeführt von den USA. Er habe nur eines im Sinne gehabt: «Frieden nach Sierra Leone zu bringen.» Purer Hohn für die zehntausenden Bürgerkriegsopfer in Sierra Leone.

Von den Gräueltaten im Nachbarland habe er nichts gewusst, meinte Taylor damals weiter: «Es ist unglücklich und verstörend, wenn irgendjemand glaubt, dass ich überall sein musste oder alles wissen oder erzählt bekommen musste oder dass ich im Blick haben musste, was jeder schurkige kleine Ex-Kämpfer oder schäbige Zuarbeiter an irgendwelchen Kontrollposten oder Grenzübergängen tat.»

Bild Naomi Campbell bei der Anhörung.
Musste aussagen: Top-Model Naomi Campbell. keystone

Taylor war 2006 in Nigeria festgenommen. Das Verfahren mit mehr als 100 Zeugen war am 4. Juni 2007 eröffnet worden. Unter anderem sagten Prominente wie die US-Schauspielerin Mia Farrow, der frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela und das britische Top-Model Naomi Campbell vor dem Gericht aus. Campbell hatte einst nach einem Benefiz-Dinner in Kapstadt Diamanten geschenkt bekommen, die laut Anklage von Taylor stammten.

(sf/agenturen/schl; buev)