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International

Ägypten: «Der schlimmste denkbare Albtraum ist eingetroffen»

Franziska Engelhardt
Sonntag, 27. Mai 2012, 18:54 Uhr

Ein Islamist und ein Mubarak-Vertrauter kämpfen im Juni um das Amt des ägyptischen Präsidenten. Offiziell ist das Ergebnis noch nicht, aber keiner zweifelt an den Auszählungsdaten. Ein schlimmeres Resultat hätte es nicht geben können. Das sagen die Menschen, welche im Kampf gegen das Regime ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten.

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Einer, der von Anfang an auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen das Mubarak-Regime aufbegehrt hatte, ist der Student Rawand Helmi. Für ihn ist die bevorstehende Stichwahl der «mit Abstand schlimmste Albtraum jedes Aktivisten», wie er zu «SF Online» sagt.

«Wir haben die Wahl, geschlachtet oder lebend verbrannt zu werden.»
Mohamed El-Garhy, Ingenieur in Kairo

Für den jungen Generalsekretär einer neuen liberalen Partei bleibt nur noch Zynismus: «Der Witz ist, dass wir nun folgende Freiheit erreicht haben: Die Wahl, ob wir geschlachtet oder lebendig begraben werden wollen. Für uns ist es das schlimmstmögliche Resultat», sagt der Ingenieur Mohamed El-Garhy.

Schreckgespenst

Als Schlächter sieht El-Garhy den voraussichtlich bestplatzierten der ersten Wahlrunde, den Muslimbruder Mohammed Mursi (24,9 %) sowie den zweitplatzierten Ahmed Schafik (24.5 %). Beide gelten als radikal: Während Mursi das Schreckgespenst eines Gottesstaates verkörpert, ist Schafik die Verkörperung des Mubarak-Regimes.  

Besonders Schafik, der letzte Ministerpräsident unter Hosni Mubarak, ist den Revolutionären ein Dorn im Auge. Weil er zweifellos als Vertreter des alten Regimes gilt, hätte Schafik von der Wahl ausgeschlossen werden müssen. Dies fordert nun erneut der drittplatzierte Kandidat  Hamdin Sabbahi (22 %).

Selbstverschuldetes taktisches Wählen

Aus Furcht vor eben diesem Albtraum-Szenario haben viele Wähler nicht den eigentlichen Wunschkandidaten  gewählt, sondern taktisch. So wählten etwa viele nicht den linken Hamdin Sabbahi, weil sie ihm keine Chancen zugerechnet hatten. Mit mehr Optimismus hätte er es vielleicht auf Platz zwei geschafft.

«Unser schlimmster Feind ist Schafik. Der Vertreter des alten Regimes muss weg.»
Ahmed Bakr, Drehbuchautor in Kairo

«Niemand hat ein dermassen gutes Abschneiden von Sabbahi voraussehen können», ärgert sich El-Garhy. «Hätten wir verlässlichere Wahlumfragen, wäre es viel einfacher für uns, richtig zu wählen.» Die vor der Wahl veröffentlichen Umfrageresultate waren mannigfach und keines der Institute, welches solche Umfragen durchgeführt hatte, war unabhängig.

Aus Protest haben Revolutionäre die Wahl boykottiert. Dies bedauert jetzt weder der Student Rawand Helmi noch der Künstler Ahmed Bakr trotz des Resultats nicht. Für sie waren die Wahlen nach wie vor orchestriert vom Obersten Militärrat (SCAF). Bevor dieser nicht die Macht abgebe, könnten keine fairen Wahlen stattfinden, so ihre Meinung.

Wahl zwischen Pest und Cholera

Obwohl Ahmed Bakr auch an der kommenden Stichwahl im Juni nicht teilnehmen wird, rät er, den Muslimbruder Mursi zu wählen. «Unser schlimmster Feind ist Schafik. Der Vertreter des alten Regimes muss weg.»  Wer jetzt Schafik aus Angst wähle, dass die Islamisten das Biertrinken verbieten, verrate die Revolution, so Bakr.

«Wir werden uns widersetzen, bis die Revolution vollbracht ist.»
Rawandi Helmi, Student in Kairo

Auch El-Garhy wird die Stichwahl mit dem wahrscheinlichen Duell Mursi/Schafik ziemlich sicher boykottieren, sagt er und spricht dabei auch im Namen seiner liberalen Partei. Die Parteiführung denke über eine neue Allianz nach, um mit ihr in die Opposition zu gehen. Vorerst ein rein politischer Kampf, sagt der Generalsekretär. Denn das demokratische Resultat, auch wenn es schmerze, sei zu akzeptieren.

Druck von der Strasse

Klar ist, dass alle ein wachsames Auge auf den neu gewählten Präsidenten haben werden. Mohamed El-Garhy betont, dass der Druck von der Strasse künftig immer ein Werkzeug sein werde. Dieses Recht könne ihnen auch unter einem neuen Präsidenten nicht mehr genommen werden.

Kämpferischer tönen Ahmed Bakr und Rawandi Helmi. «Wir werden bereit sein, auf die Strasse zurückzukehren», sagt Bakr. Keine Angst vor einem harten Durchgreifen des Militärs? «Überhaupt nicht», meint Helmi. «Wir haben uns ihnen nun ein Jahr widersetzt, und das werden wir auch weiter tun – bis die Revolution vollbracht ist.»