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Schweiz

KOF-Leiter: Euro-Ausstieg Griechenlands würde auch Schweiz treffen

Donnerstag, 24. Mai 2012, 15:23 Uhr, Aktualisiert 18:21 Uhr

Ein Ausstieg Griechenlands würde auch die Schweiz und ihre Wirtschaft treffen. Was genau die Folgen wären, lässt sich aber im Moment nicht abschätzen, sagt KOF-Leiter Jan Egbert Sturm. Ähnlich tönt es beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse: Es hänge davon ab, ob der Ausstieg «chaotisch oder geordnet» erfolge.

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SF Online: Herr Sturm, immer lauter wird über ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro diskutiert. Welche Auswirkungen hätte dies – ganz generell – für die Schweiz?

Sturm: Eine Antwort darauf zu geben, ist nicht einfach. Denn es gibt in der Geschichte kein ähnliches Ereignis, das man als Beispiel heranziehen könnte.

Welches sind denn die wahrscheinlichsten Szenarien?

Die Negativ-Variante ist, dass Griechenland austritt und ihm später weitere Euro-Länder folgen werden. Dies würde den Euro abwerten und der Aufwertungsdruck auf den Franken würde steigen. Die Positiv-Variante wäre, dass nach einem Austritt Griechenlands das Vertrauen in den Euro allgemein steigen würde. Dies könnte den Euro aufwerten.

Die Folgen für die Schweizer Wirtschaft wären letztlich dieselben wie für die Wirtschaft in Europa generell. Würde die europäische Wirtschaft schwächeln, würde auch die Schweizer Wirtschaft schwächeln  – wenn auch nicht ganz so stark wie bestimmte Euro-Länder. Falls umgekehrt das Vertrauen in den Euro steigen würde, könnten wir konjunkturmässig im Euro-Raum mittelfristig Licht am Ende des Tunnels sehen. Das wäre auch für die Schweiz gut.

Die kurzfristigen Folgen eines Euro-Ausstiegs wären aber sicher für fast alle negativ…

Mental wäre es sicher mal ein Schock – auch wenn sich alle darauf vorbereiten.

Für Griechenland selber wären die Folgen kurzfristig sogar verheerend. Aber es würde dort letztlich unter anderem das Lohnniveau sinken und damit das Land wieder wettbewerbsfähig werden.

Doch, wie gesagt: Wir befinden uns in einer einmaligen Situation, die es in der Geschichte so noch nie gegeben hat. Wir können noch so viele Überlegungen anstellen: Wie es herauskommt, weiss niemand genau.

Wegen der Möglichkeit eines Euro-Ausstiegs überweisen viele Griechen schon seit einiger Zeit ihre Guthaben ins Ausland. Und wie ein «Rundschau»-Bericht gezeigt hat, versuchen offenbar auch vermehrt wieder Italiener, Geld in die Schweiz zu schmuggeln. Würde ein Ausstieg die Kapitalflucht verstärken, auch Richtung Schweiz?

Auf jeden Fall. In allen Ländern, die in die Diskussion über einen Euro-Ausstieg hineingeraten, wird sich die Bevölkerung sagen: ‚Wir müssen unser Geld in Sicherheit bringen‘. Sie wird versuchen, ihr Geld ins Ausland, in sogenannte «safe haven»-Länder zu transferieren. Dazu gehört sicher auch die Schweiz, aber auch Deutschland und andere Länder.

Was wären die Folgen für das Zins-Niveau in der Schweiz?

Es würde weiter sinken – sofern das überhaupt noch möglich ist. Denkbar wäre auch, dass beispielsweise auf Schweizer Staatsanleihen Negativ-Zinsen erhoben würden. Auf den Franken hätte es keine Auswirkung: Die Nationalbank würde wohl an der Untergrenze von 1.20 Franken festhalten.

Kürzlich war zu lesen, dass der Reise-Konzern Kuoni bei neuen Verträgen mit griechischen Geschäftspartnern auch das Szenario eines Euro-Ausstiegs berücksichtigt. Wissen sie von ähnlichen Beispielen anderer Schweizer Firmen?

Konkret nicht. Es ist klar, dass sich unter anderem die Nationalbanken für ein solches Szenario wappnen. Für einzelne Firmen dürfte das schwierig sein; es gibt einfach zu viele Varianten. Den Firmen bleibt nicht viel anderes übrig, als Vertrauen in die Institutionen und die Behörden zu haben – dass diese das Richtige tun.

Wenn Griechenland aus dem Euro-Aussteigen würde, könnte das Land mindestens kurz- und mittelfristig seine Schulden nicht mehr zurückzahlen. Mit welchen Folgen für die Schweiz?

Die Schweiz als Nicht-Euro-Land würde nicht stark betroffen sein, höchstens indirekt über den Internationalen Währungsfonds.

Banken, Versicherungen und Privatanleger, die griechische Staatsanleihen halten, würde es aber empfindlich treffen. 

Dafür kassieren sie auch extrem hohe Zinsen. Gerade wegen dieses Risikos. Ich hoffe, dass sich die Banken mittlerweile raus sind aus ihrem Griechenland-Engagement. Es wird nun schon lange genug über die damit verbundenen Gefahren diskutiert.

Es besteht also keine Gefahr, dass letztlich wieder der Staat und damit der Steuerzahler Banken retten muss…

Doch, in einigen Ländern könnte es durchaus dazu kommen. In der Schweiz besteht ein solches systemisches Risiko meines Erachtens aber nicht.

Wie hoch schätzen sie derzeit die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone kommt?

Ich erachte es als recht wahrscheinlich. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, dann würde ich die Wahrscheinlichkeit auf 60 bis 70 Prozent schätzen.

Falls Griechenland aus dem Euro austritt, dann besteht die Möglichkeit, dass sich das Land irgendwann erholen wird. Wird so weiterverfahren, wie bisher, dann sind die Zukunftsaussichten für das Land eher schlecht.

Economiesuisse: Konsequenzen schwer abschätzbar

Welche Folgen ein Euro-Ausstieg Griechenlands für die Schweiz hätte, hängt sehr von den Umständen ab, sagt Rudolf Minsch, Chefökonom beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. „Geschieht der Ausstieg chaotisch, dann sind die Folgen unabsehbar.“ Dann wäre auch ein Übergreifen auf andere Euro-Länder möglich, ein Domino-Effekt.

Anders sehe es bei einem geordneten Ausstieg aus, bei dem „alle Beteiligten nach der besten Lösung suchen“. Dabei ginge es vor allem darum, das Vertrauen in den Bankensektor aufrechtzuerhalten – damit die Bankkunden nicht plötzlich ihre Guthaben auflösen.

Beim Schweizerfranken stellt sich laut Minsch dieselbe Grundsatzfrage: Erfolgt der Euro-Ausstieg Griechenlands chaotisch oder geordnet? Im Falle eines chaotischen Ausstiegs käme es möglicherweise zu einer massiven Kapitalflucht auch in Richtung Schweiz. Dagegen müsste sich die Schweiz wehren, indem sie beispielsweise eine Kapitalfluss-Kontrolle einführen würde: „Ein Griff in den Giftschrank“, so Minsch zu „SF Online“. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) würde es bei einem solchen Szenario schwierig werden, die Untergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro zu verteidigen. Bei einem geordneten Ausstieg könnte die dagegen SNB die 1.20 wohl halten.

(sf/vaid)