Inhalt

International

Grossandrang vor Kairos Wahllokalen – auch wegen der Hitze

Franziska Engelhardt
Mittwoch, 23. Mai 2012, 13:45 Uhr, Aktualisiert 17:02 Uhr

In Ägypten sind die Präsidentschaftswahlen schwungvoll angelaufen. In den Warteschlangen vor den Wahllokalen stehen aber nicht nur enthusiastische, sondern auch ganz pragmatische Wähler: «Je früher, desto weniger heiss», sagten Ägypter am Morgen. Viele befinden sich in der Zwickmühle und entscheiden erst im Wahllokal, wem sie ihre Stimme geben.

Videoplayer
Grossandrang vor Kairos Wahllokalen – auch wegen der Hitze

«Ganz viele Leute, mit denen ich sprach, sind bis zum Schluss unsicher, für wen sie stimmen sollen», sagt SF-Korrespondent Pascal Weber in Kairo zu «SF Online». Das Problem: Für viele Wähler gibt es keinen idealen Kandidaten.

Aus diesem Grund gebe es viele taktische Entscheide. Das Dilemma zeige sich folgendermassen: «Ich würde gerne für Kandidat Ali oder Sabbahi stimmen. Aber wenn ich das tue, könnte eine wichtige Stimme verloren gehen, die dann den Hardlinern Shafik oder Mursi zu Gute kommen.  Deshalb wähle ich lieber für die kompromissbereiteren Mussa oder Futuh.»

«Ich wähle den liberalen Amr Mussa, damit es ein Gegengewicht zu den Islamisten gibt – obwohl ich ebenso gerne Hamdin Sabbahi als Präsidenten hätte. Aber dieser ist wohl chancenlos.»
Mohamed El-Garhy, Ingenieur in Kairo

Zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählen zwei Islamisten und zwei Vertreter des alten Regimes. Die Bildergalerie gibt Aufschluss darüber.

Der Ausgang der Wahl sei aufgrund der Unentschlossenheit der Wähler absolut offen, so Pascal Weber. Auch die Wahlumfragen seien unzuverlässig. «Keines der Institute, welches solche Umfragen durchgeführt hatte, war unabhängig», wie Weber erklärt.

«Meine Stimme geht an Amr Mussa. Er ist kompromissbereit.»
Magda Atteya, Hausfrau in Kairo

So ist es kein Wunder, dass gemäss der eigenen Umfrage der Muslimbruderschaft ihr Kandidat Mohammed Mursi mit 60 Prozent bereits im ersten Wahlgang gewählt werden soll.

Auch andere Institute könnten sehr beliebig vorgegangen sein. So waren im Vorfeld nach Webers Vermutungen kaum Meinungsforscher in Armenvierteln unterwegs – wo die Anhänger der Islamisten stark vertreten sind. Zudem wurde diese Umfrage häufig telefonisch gemacht. «Doch in den Armenvierteln besitzen die wenigsten Leute ein Telefon», vermutet Weber.

Resultate der umstrittenen Umfragen

Die Islamisten sind laut übereinstimmenden Umfragen in der Defensive. Die ersten beiden Plätze besetzen zwei frühere Minister des Mubarak-Regimes. Ahmed Shafik, Mubaraks Regierungschef, liegt vorne. Den zweiten Platz belegt Ex-Aussenminister Amr Mussa.

Zu einem Boykott der Wahl hatten lediglich einige der sogenannten Revolutionsgruppen aufgerufen, die mit ihren Protestaktionen im vergangenen Jahr den Sturz von Präsident Hosni Mubarak bewirkt hatten.

«Ich wähle Chaled Ali, weil Ägypten einen jungen Präsidenten braucht, der mit ganzem Herzen für die Revolution gekämpft hat.»
Sherif Eldaly, Künstler in Kairo
«Ich boykottiere die Wahl, denn sie ist eine Farce. Der Militärrat wird am Schluss sowieso entweder Mussa oder Schafik als Sieger hinstellen.»
Ahmed Bakr, Drehbuchautor in Kairo

Grosses Thema waren bei den vorangegangenen Parlamentswahlen Unregelmässigkeiten. Diese scheinen sich zurzeit in Grenzen zu halten, so Weber. «Erst in zwei, drei Orten sind bis jetzt vor allem Anhänger der religiös-konservativen Islamisten festgenommen worden, weil sie innerhalb der Wahllokale verbotenerweise ihre Kampagne weitergeführt hatten.»

Bild Eine Frau hält ihren mit Tinte eingefärbten Finger hoch.
50 Millionen dürfen wählen – und entscheiden wohl häufig taktisch. Der Tintenfinger beweist die Stimmabgabe. reuters

Die Wahlen sind bis zur Stunde friedlich verlaufen. Am Vorabend wurde allerdings ein Beamter getötet, als er im Kairoer Armenviertel Schubra in einen Schusswechsel zwischen Anhängern unterschiedlicher Kandidaten geraten war. Der Hintergrund dazu ist unklar.

«Als Ausland-Ägypterin habe ich meine Stimme bereits Hamdin Sabbahi gegeben, weil er schon immer gegen Korruption angekämpft hatte.»
Amira Elhamy, Juristin in Katar