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Krise im Euro-Land

Hinter «griechischer Katastrophe» steckt viel Kalkül

Alexandros Koulouris
Dienstag, 22. Mai 2012, 19:40 Uhr

Im griechischen Wahlkampf gehen die pro-europäischen Parteien mit der Parole einer «letzten Chance gegen den Euro-Austritt» auf Stimmenfang. Mit scharfer Zunge werden sie dabei von politischen Schwergewichten aus dem Ausland unterstützt. Die EU-Drohgebärden sollen die griechischen Wähler auf EU-Kurs bringen – auch aus Eigeninteresse.

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«Wer den Griechen einredet, sie bräuchten sich nicht an das vereinbarte Sparprogramm zu halten, der belügt das griechische Volk», warnte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble in der «Bild am Sonntag». Er habe nicht die Absicht, in den griechischen Wahlkampf einzugreifen. «Aber manch einer in Griechenland glaubt offenbar, man könne sich aus seinen Verantwortlichkeiten rauswinden, weil 'die in Brüssel' es sich gar nicht anders leisten können.» 

Auch dem griechischen Finanzminister Filippos Sachinidis wurde beim Treffen mit seinen Euro-Amtskollegen am vergangenen Montag in Brüssel gemäss Informationen des Magazins «Spiegel» deutlich gemacht, wie ernst die Lage ist. «Wenn wir jetzt eine geheime Abstimmung über den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone machen würden, dann gäbe es eine überwältigende Mehrheit dagegen», warnte Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker den griechischen Minister.

Auch Juncker übt sich in versteckten Wahlempfehlungen und scharfer Wortwahl. Die Neuwahl am 17. Juni sei Griechenlands «letzte Chance». Sollte dann keine Regierung zustande kommen, die die Bedingungen von EU, IWF und Europäischer Zentralbank erfülle, «dann ist es aus».

Drohkulisse für den Wählerfang

«Das Bild der Katastrophe für Griechenland bei einem Austritt wird tatsächlich gezeichnet», bestätigt der langjährige Griechenland-Korrespondent Werner van Gent auf Anfrage von «SF Online». «Diese Angst ist in der griechischen Bevölkerung auch vorhanden». Je nach Meinungsumfrage wirke sich diese Drohkulisse aus dem In- und Ausland tatsächlich auch auf die derzeitigen Wahlprognosen aus.

«Die EU fürchtet einen Austritt Griechenlands auch aus eigenem Interesse.»
Ökonom Felix Brill

Auf der anderen Seite pokern die Protest-Parteien um den Linksradikalen-Chef Alexis Tsipras mit der Abhängigkeit der Euro-Zone von einem Verbleib Griechenlands. Auch von dieser Seite werde die Bevölkerung beinflusst, so van Gent.

Die Parole hier laute, dass Griechenland gar nicht aus der Euro-Zone fliegen könne und somit in der Position sei, Forderungen zu stellen. «Tatsache ist aber lediglich, dass das Sparpaket in der aktuellen Form gescheitert ist».

Austritt nicht nur für Griechenland unattraktiv

Der Ökonom Klaus Wellershoff widerspricht in der Sendung «ECO» der derzeitigen Stossrichtung Junckers und Schäubles. Die Folgen eines Euro-Auschlusses im Falle eines für die EU ungünstigen Wahlausgangs am 17. Juni sei die «grosse Unbekannte». «Das wahrscheinlichste Szenario ist auf alle Fälle, dass es für niemanden interessant ist, dass Griechenland aus der Euro-Zone austritt.»

Ökonom Felix Brill erklärt gegenüber «SF Online»: «Man fürchtet einen Austritt auch aus eigenem Interesse». Die Drohungen seien Ausdruck von «grosser Frustration». Die Währungsgemeinschaft, so Brill, sei stark als Einbahnstrasse konzipiert worden.

«Der Austritt eines Landes aus der Euro-Zone würde aller Voraussicht nach auch einen Austritt aus der Europäischen Union bedingen.» Ein solcher Schritt würde nicht nur für Griechenland, sondern für beide Seiten spürbare Folgen haben, einerseits wirtschaftlich, aber vor allem auch politisch. Das Projekt der europäischen Integration würde so einen empfindlichen Rückschlag erleiden.