Wirtschaft
Facebook stemmt historischen Börsengang
Facebook schreibt mit seinem Börsengang Geschichte. Das weltweit führende soziale Online-Netzwerk legt den drittgrössten Börsengang aller Zeiten in den USA hin. Facebook konnte seine Aktien dabei zum anvisierten Höchstpreis losschlagen.
Bild
Unter den Technologieunternehmen ist es sogar der mit Abstand grösste Börsengang (IPO) überhaupt. Die Aktien gingen für 38 Dollar das Stück an die Investoren und damit am oberen Ende der Preisspanne von 34 bis 38 Dollar. Das teilte Facebook mit.
Eine Geschichte rund um Facebook und Apple
Nach Einschätzung von SF-Börsenkorrespondent Jens Korte waren es Investoren wie Hedge Fonds und Banken, «die bereits im Vorfeld den Kurs in die Höhe getrieben haben». Für ihn wäre es nicht verwunderlich, «wenn sich der Kurs heute gleich verdoppelt», wie er gegenüber SF Online weiter erklärte. Wichtig sei, «wie sich Facebook mittelfristig schlägt». Andere jüngste Börsengänge von Internetunternehmen hätten sich nämlich «als Flop erwiesen». Groupon oder Zynga etwa notierten heute «deutlich unter ihrem Eröffnungskurs».
Es gibt aber auch das Gegenteil. Ein Händler an der Wall Street habe ihm diese Woche eine schöne Geschichte erzählt, fährt Korte fort. Der Broker würde «nur Aktien von Unternehmen kaufen, die er versteht». Bei Facebook halte der Trader «den Hype aber für überzogen». Das habe er allerdings auch gesagt, als ihn seine Kinder drängten Apple-Aktien zu kaufen. Das tat er aber nicht. Die Aktie stand damals bei 25 Dollar. Heute steht der Kurs fast bei 600 Dollar, habe der Händler schliesslich ernüchtert festgestellt.
Einnahme: 18,4 Milliarden Dollar
Der Online-Treffpunkt und seine Alteigentümer nehmen beim Sprung auf das Handelsparkett insgesamt 18,4 Milliarden Dollar ein, wenn auch eine Mehrzuteilungsoption – eine Art Aktienreserve der Banken – vollständig ausgeübt wird. Von den Einnahmen des Börsengangs fliessen Facebook selbst nur etwas mehr als die Hälfte zu. Der Rest geht an Geldgeber, die das Potenzial des Onlinetreffpunkts früh erkannt haben.
Der Börsenwert von Facebook beläuft sich auf 104 Milliarden Dollar. Das Online-Portal ist damit mehr wert als die Computerriesen Hewlett-Packard und Dell zusammen. Google hatte bei seinem Börsengang im Jahr 2004 Aktien für 1,7 Milliarden Dollar verkauft und kam auf eine Gesamtbewertung von 23 Milliarden Dollar. Heute sind es gut 200 Milliarden Dollar.
Heute Freitag soll das Dividendenpapier zum ersten Mal an der Technologiebörse Nasdaq in New York gehandelt werden. Experten trauen der Aktie bei ihrem Debüt einen Kurssprung von über 50 Prozent zu. «Ich denke, alles über 50 Prozent wird als erfolgreiche Emission betrachtet – alles unter 50 Prozent als enttäuschend», sagte Jim Krampfel, Analyst bei Morningstar.
Zuckerberg bleibt bestimmend
Facebook-Gründer und Firmenchef Mark Zuckerberg selbst hat 30 Millionen seiner eigenen Anteilsscheine verkauft und damit gut 1,1 Milliarden Dollar eingenommen. Mit dem Geld will der 28Jährige fällige Steuern begleichen. Er besitzt aber noch einen Anteil im Gegenwert von gut 19,1 Milliarden Dollar und kontrolliert das Unternehmen weiter mit einem Anteil von 57 Prozent aller Stimmrechte.
Der Börsengang ist der Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte. Zuckerberg hatte Facebook zusammen mit Kommilitonen 2004 als digitales Jahrgangsbuch für Studenten auf die Beine gestellt. Mittlerweile hat Facebook gut 900 Millionen Nutzer. Hype dank Werbeindustrie Die hohe Nutzerzahl macht Facebook für die Werbeindustrie interessant und erklärt die hohe Nachfrage. Facebook ist allerdings eine Wette auf die Zukunft, denn die Geschäftszahlen nehmen sich im Vergleich zu anderen Konzernen klein aus: Der Umsatz lag im Jahr 2011 bei 3,7 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal 2012 setzte Facebook rund 1,06 Milliarden Dollar um; der Gewinn betrug 137 Millionen Dollar.
Zuletzt waren Zweifel aufgekommen an Geschäftsmodell und Strategie von Facebook aufgekommen. Zwar wuchs das Unternehmen in den zurückliegenden Monaten weiter stark, jedoch musste es jüngst seinen ersten Umsatzrückgang zum Vorquartal seit mindestens zwei Jahren bekanntgeben. Das zentrale Geschäft mit Online-Anzeigen hatte sich in den vergangenen Monaten verlangsamt. Werbung ist die wichtigste Einnahmequelle für Facebook.
Keine GM-Werbung mehr
In dieses Bild passt die Ankündigung eines der grössten Werbetreibenden weltweit, General Motors, dass das Unternehmen vorerst keine Anzeigen mehr auf Facebook schalten will. Die Nutzer würden kaum erreicht, erklärte GM. Überdies nutzen immer mehr Nutzer Facebook auf ihren Smartphones, wo kaum Werbung zu sehen ist und entsprechend die Einnahmen ausbleiben.
Dennoch war der Ansturm der Investoren enorm. Facebook hatte seinen Börsengang drei Mal aufgestockt. Zunächst sollten die Einnahmen nur bei 5 Milliarden Dollar und damit bei weniger als einem Drittel der jetzigen Summe liegen. «Spektakel»
Der Rummel um Facebook sorgt unter Finanzmarktexperten für Staunen und Befremden zugleich. «Das ist mehr ein Spektakel, ein Medienereignis und ein kulturhistorischer Augenblick, als es ein Börsengang ist», sagte Analyst Max Wolff von GreenCrest Capital. Geschäftsmodelle und -daten spielten mittlerweile kaum eine Rolle mehr.
Der andere Facebook-Gründer und die Steuer
Mark Zuckerberg ist das Gesicht von Facebook. Er hat das soziale Netzwerk zu Studentenzeiten aber nicht ohne Hilfe gestartet. Da gab es beispielsweise seinen Kommilitonen Eduardo Saverin. Während Zuckerberg mit dem Mega-Börsengang nun als Held in den Vereinigten Staaten gefeiert wird, fällt Saverin urplötzlich die Rolle des bösen Buben zu.
Vor ein paar Tagen war bekanntgeworden, dass Saverin im vergangenen Jahr seine US-Staatsbürgerschaft aufgegeben hatte. Er ist gebürtiger Brasilianer und lebt seit 2009 in Singapur. Der Schritt brachte Saverin den Vorwurf ein, er wolle nur die Steuern umgehen, die nach dem Börsengang von Facebook in den USA fällig würden. In Medien war von mindestens 67 Millionen Dollar die Rede.
US-Senatoren für Gesetzesänderung
Zwei US-Senatoren riefen sogleich dazu auf, die Gesetze zu ändern. «Wir werden ihn damit nicht so einfach davonkommen lassen», erklärte der New Yorker Volksvertreter Charles Schumer. Es mache ihn wütend, dass jemand das Land hintergehe, dass ihn aufgenommen und behütet habe und mit dessen Hilfe er Milliardär geworden sei. «Das ist eine grossartige amerikanische Erfolgsgeschichte, die am Ende schrecklich schiefgelaufen ist.»
Am Donnerstag wehrte sich Saverin in einer Erklärung: «Meine Entscheidung, die Staatsbürgerschaft aufzugeben, war alleine davon getrieben, dass ich in Singapur arbeite und lebe. Ich muss und werde Hunderte Millionen Dollar an Steuern an die Regierung der Vereinigten Staaten zahlen.» Er sei bestürzt darüber, dass seine Auswanderung zu einer solchen öffentlichen Debatte geführt habe.
Kein ruhiger Lebensabend in Singapur
Saverin hatte 2004 sein Erspartes in das noch junge Facebook gesteckt und hielt anfangs einen Anteil von rund 30 Prozent. Später verlor er jedoch an Einfluss, zog sich aus der Führung des Unternehmens zurück und seine Beteiligung wurde drastisch reduziert. Saverin verklagte Zuckerberg, sie legten den Streit aussergerichtlich bei. Was blieb, ist ein riesiges Vermögen.
Der Börsenprospekt enthält keine Angaben dazu, wie viel Saverin noch an Facebook hält. Nach Angaben der Website «whoownsfacebook.com» besass er zuletzt 4 Prozent der Anteile, was bei einem Gesamtwert des sozialen Netzwerks von mehr als 100 Milliarden Dollar locker für einen ruhigen Lebensabend in Singapur reichen würde. Doch Saverin erklärte: «Ich werde weiterhin in Geschäfte und Neugründungen in den USA investieren.»
(sf/agenturen/muei/halp; engf)



