Wirtschaft
Nach Milliarden-Verlust: «Blaues Auge» für JPMorgan-Chef
Nach dem milliardenschweren Spekulationsdesaster bei JP Morgan ist Bankchef Jamie Dimon bei der Hauptversammlung mit einem blauen Auge davongekommen. Seine Kritiker setzten ihm allerdings stark zu – und New Yorks Rechnungsprüfer fordern satte Entschädigungszahlungen. Die Bundespolizei FBI ermittelt auch.
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Die Aktionäre stimmten dafür, dass Dimon weiterhin Vorstands- und Verwaltungsratschef in Personalunion bei dem grössten US-Finanzinstitut bleiben darf.
40 Prozent Gegenstimmen
Der Anteil der Gegenstimmen war mit 40 Prozent allerdings nicht unerheblich. Im Vorfeld waren Rufe nach einer Trennung der beiden Spitzenämter immer lauter geworden. Für das Aktionärstreffen lag auch ein Antrag vor, diese Posten zu trennen. Vor allem der grösste US-Pensionsfonds Calpers machte sich dafür stark.
«Mr. Dimon, glauben Sie immer noch, dass sich die Banken selbst regulieren können?» Das wollte etwa ein Aktionärsvertreter auf der Generalversammlung in Florida wissen. Ein anderer sagte, Dimons öffentliches Eintreten gegen eine stärkere Regulierung habe dem Ansehen der Bank geschadet. «Wir sind nicht gegen Regulierung», sagte Dimon, der sich abermals für die missglückten Finanzwetten entschuldigte: «Das hätte niemals passieren dürfen.» Die Bank habe den grössten Teil der amerikanischen Finanzmarkt-Reform unterstützt, erklärte Dimon.
Absicherung misslungen
Er habe auch nicht grundsätzlich etwas gegen die sogenannte «Volcker Rule», die den Banken das Zocken mit eigenem Geld verbieten soll. «Wir glauben aber, dass es wichtig ist, dass wir unsere Risiken absichern können.» Derartige Absicherungsgeschäfte mit Derivaten hatten zu dem Spekulationsverlust von 2 Mrd. Dollar geführt, der die Bank seit Tagen durchrüttelt und zu einem Einbruch des Aktienkurses geführt hatte.
Dimon versicherte, dass die Bank aber weiterhin stark sei. «Wir können Krisen und Rückschläge wie diese verkraften.» Ein Aktionär wollte wissen, ob die Dividende durch das Debakel in Mitleidenschaft gezogen werde. «Ich hoffe natürlich nicht.»
Bank-Chef sein eigener Aufseher?
Einzelne Aktionäre stellten die Machtfülle von Dimon in Frage. Einer wollte wissen, wie Dimon im Vorstand der Notenbank Fed in New York sitzen und damit «sein eigener Aufseher» sein könne. Dimon betonte, er sehe da keine Probleme: «Das ist eher ein Beratungsgremium.»
Demütig erscheinender CEO
Der Vorfall rief inzwischen auch die Aufsichtsbehörden auf den Plan. Der nach dem mindestens zwei Milliarden Dollar schweren Handelsverlust unter Druck geratene Dimon übte sich bei seinem Auftritt seines Geldhauses in Demut. «Wir müssen viele Lektionen daraus lernen und viele Veränderungen umsetzen», erklärte er vor hunderten Anteilseignern. Das Desaster habe die Bank selbst verschuldet, sagte er hastig und verschluckte dabei einige Wörter.
Die Versammlung verlief insgesamt weniger turbulent als im Vorfeld erwartet. Die Aktie legte rund drei Prozent zu.
«Starker Fall für Finanzreformen»
In den vergangen Tagen hatte sie kräftig verloren und die Bank so fast 19 Milliarden Dollar an Börsenwert eingebüsst. New Yorks Rechnungsprüfer John Liu, der die 400 Millionen Dollar schwere Beteiligung der Stadt an JPMorgan managt, forderte wie andere Aktionäre auch, dass die für den Verlust verantwortlichen Banker eine Entschädigung an das Kreditinstitut zahlen sollten. JPMorgan hatte den Verlust Ende vergangener Woche bekanntgegeben und damit die Aufsichtsbehörden auf den Plan gerufen. Am Montag nahm die Chefin des für das Geschäft zuständigen Investmentbankings, Ina Drew, ihren Hut.
Die Ereignisse werden wohl auch die laufende Gesetzgebung für eine strengere Regulierung beeinflussen. «Ich denke, dass dieses Versagen des Risikomanagements ein starker Fall für Finanzreformen ist», sagte US-Finanzminister Timothy Geithner. Alsbald sollten Vertreter der wichtigsten US-Regulierer zusammenkommen, um über finale Formulierungen bei der sogenannten Volcker-Regel zu beraten, wie es aus Behördenkreisen hiess. Bei dem schon vor längerem angesetzten Termin soll es auch um mögliche Konsequenzen aus dem Handelsskandal gehen.
Zahlreiche Behörden ermitteln
Nach dem Desaster leitete die US-Notenbank Fed als oberste Aufseherin Untersuchungen ein. Sie will nach eigenen Angaben prüfen, ob die grösste US-Bank noch vergleichbare Risiken an anderer Stelle eingegangen ist und ob es Folgen für das Risikomanagement der Bank geben muss. Auch die untergeordnete Regulierungsbehörde OCC ist nach Bekanntwerden des Handelsverlustes aktiv geworden. Zudem hat die Bundespolizei FBI Kreisen zufolge Untersuchungen aufgenommen. Medienberichten zufolge soll auch die US-Börsenaufsicht SEC ermitteln.
Gleichwohl gehen die Regulierer davon aus, dass JP Morgan den bislang bekannten Verlust verkraften kann. Den Schaden halten auch Analysten für handhabbar. Wichtig sei, dass es sich «nur» um einen Handelsfehler handele und nicht um ein systemisches Problem, sagte Marty Mosby von Guggenheim Securities.
Neue Regel ab Juli
Ab dem 21. Juli dürfen US-Banken und Institute mit US-Töchtern nicht mehr mit eigenem Geld zocken. Die nach dem ehemaligen US-Notenbankchef Paul Volcker benannte Regel soll verhindern, dass die Geldhäuser wie vor der Finanzkrise 2008 massiv Risiken anhäufen und wieder mit Steuergeldern gerettet werden müssen.
Die «Volcker-Regel» - ein FTD-Dossier
Ein Dossier zur so genannten «Volcker-Regel» hat die Financial Times zusammengestellt.
Präsident Barack Obama erklärte, der Skandal belege die Notwendigkeit der Wall-Street-Reformen. Eine Anwaltskanzlei erklärte, sie habe bei einem Gericht in Manhattan eine Klage gegen JPMorgan und mehrere Vertreter der Bank wegen des Handelsverlustes und den Auswirkungen auf den Aktienkurs eingereicht.
Querschüsse von Lobbyisten und Republikanern
Nach der verhängnisvollen Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 hatte der Steuerzahler zahlreiche andere Finanzkonzerne vor dem Untergang retten müssen wie den einst weltgrössten Versicherer AIG. In der Folge brachte Obama den «Dodd-Frank Act» auf den Weg – ein Gesetzespaket, das der Wall Street Zügel anlegen sollte. Doch Bank-Lobbyisten haben die Reform durchlöchert und die Republikaner sie mehrfach blockiert. So steht immer noch die Verabschiedung der «Volcker Rule» aus.
Der Spekulationsverlust von JPMorgan hat nun den Befürwortern dieser Regel in Washington Auftrieb gegeben. Bankchef Dimon musste selbst einräumen, dass er der Gegenseite Munition geliefert habe.
(agenturen/halp)







