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Kultur

Starrummel und weiblicher Sextourismus in Cannes

Interview: Tobias Bühlmann
Mittwoch, 16. Mai 2012, 16:41 Uhr

In Cannes an der französischen Riviera ist das 65. Filmfestival eröffnet worden. «10vor10»-Redaktor Thorsten Stecher über hochrangige Autorenfilmer, Filme über weiblichen Sextourismus und ein Filmmarkt, an dem hunderte Millionen Dollar umgesetzt werden.

«SF Online»: Das Filmfestival Cannes gilt als das wichtigste Filmfestival überhaupt. Wie macht sich das vor Ort bemerkbar?
Thorsten Stecher: Das merkt man an der Medien-Meute hier vor Ort. Das Interesse ist riesengross, rund 3000 Journalisten aus der ganzen Welt berichten aus Cannes. Das Filmfestival ist damit das drittgrösste Medienereignis der Welt – gleich nach den Olympischen Spielen und der Fussball-Weltmeisterschaft. Und auch der Auflauf der Stars ist beeindruckend: Was Rang und Namen hat, kommt hierhin. Schliesslich gibt’s auch den grössten Filmrechtehandel der Welt während dem Festival in Cannes. Der Leiter des Marktes hat mir gesagt, dass in diesem Jahr ein Umsatz mit Filmrechten in der Höhe von 800 Millionen Dollar erwartet wird – was unter den Beträgen der vorangehenden Jahre liegt.

Portrait von Thorsten Stecher. (sf)

SF-Korrespondent in Cannes

«10vor10»-Redaktor Thorsten Stecher berichtet vom Filmfestival Cannes. Er hat mehrere Jahre als Redaktor und Moderator für die Sendungen «Kulturplatz» und «Box Office» gearbeitet.

Sind in diesem Jahr in Cannes auch Schweizer Filme vertreten?
Im Wettbewerb ist keine Produktion aus der Schweiz vertreten. Mit «Opération Libertad» von Nicolas Wadimoff läuft aber ein Schweizer Film in der Nebensektion «Quinzaine des Réalisateurs».

Das Nachbarland Österreich ist dagegen gleich doppelt vertreten im Wettbewerb mit Filmen von Michael Haneke und Ulrich Seidl. Was machen die Österreicher besser?
Haneke und Seidl machen sehr gute Filme mit jeweils eigener Handschrift, die beim Publikum ankommen. Dadurch finden die Filme gerade auch in ihrer Heimat grossen Anklang. Und Cannes fördert solche Autorenfilme, dem Rummel um die Stars zum Trotz. In der Schweiz und auch in Deutschland ist das Bewusstsein für Autorenfilme dagegen weitgehend abhandengekommen, da setzt man eher auf die lockere Komödie. Und Filme dieser Klasse haben in Cannes schlicht keine Chance.

Dieses Jahr präsidiert der italienische Komiker Nanni Moretti die hochkarätig besetzte Jury. Was ist von dem Gremium unter seiner Leitung zu erwarten?
Nanni Moretti wird sicherlich auf anspruchsvolles Kino setzen. Die Jury ist aber bunt durchmischt. Mit dabei ist beispielsweise auch der Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier, der wohl auch dem Look der Filme eine grosse Beachtung schenken wird. Genau einschätzen lässt sich die Jury vor Beginn des Festivals aber noch nicht.

Was ist vom diesjährigen Wettbewerb zu erwarten? Mit Namen wie Wes Anderson, David Cronenberg oder Ken Loach ist er sehr hochkarätig besetzt.
Cannes wurde in den letzten Jahren immer wieder vorgeworfen, dass das Festival zu einem Klassentreffen mit den immer gleichen Regisseuren werde. Aber das Festival hat sich einen hervorragenden Ruf geschaffen. Hier wurden Autorenfilmer gross rausgebracht und danach auch gepflegt. Damit schafft es Cannes, immer wieder die hochkarätigsten Filmemacher zu holen.

Mit dem Familienepos «Tree of Life» von Terrence Malick hat im vergangenen Jahr ein Film die Goldene Palme gewonnen, der die Kritiker polarisiert hat. Sind auch in diesem Jahr solche Filme zu erwarten? Gibt’s jetzt schon einen Favoriten?
Im Moment ist noch keiner in Sicht. Aber das ist auch schwierig zu beurteilen, denn die Filme im Wettbewerb sind absolute Weltpremieren, die hat noch kein Journalist gesehen. Ich erwarte aber, dass der Streifen «Paradies: Liebe» von Ulrich Seidl für einige Aufregung sorgen könnte. Der Filmer widmet sich darin dem weiblichen Sextourismus, mit seiner bekannten Erzählweise an der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion.

Bild Filmstill aus «Paradies: Liebe» von Ulrich Seidl.
In seinem jüngsten Film «Paradies: Liebe» thematisiert der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl weiblichen Seytourismus. pd

Der Auftaktfilm «Moonrise Kingdom» von Wes Anderson ist ein Ensemble-Film mit eindrücklichen Besetzung. Warum eröffnet gerade dieser Film das Festival?
«Moonrise Kingdom» ist ein amerikanischer Autorenfilm. Dank seines Renommees hat es Anderson aber geschafft, dafür eine ganzen Reigen von Stars in Boot zu holen: Bruce Willis, Bill Murray, Tilda Swinton und andere. Mit seiner Handschrift, die von künstlerischen Ambitionen geprägt ist, trifft Anderson die perfekte Mischung zwischen Kunst und Kommerz, für die Cannes so bekannt ist.
Daneben bringt der Aufmarsch der Darsteller am Roten Teppich natürlich auch Aufmerksamkeit. Und diese Aufmerksamkeit dient letztlich wieder der Promotion des wirtschaftlich wichtigen Filmmarktes.

Im Vorfeld des Festivals gab es einige Polemik, weil von den 22 Filmen im Wettbewerb kein einziger von einer Frau stammt. Was ist an dieser Kritik dran?
Meiner Meinung nach ist das etwas billige Polemik. Zwar sind tatsächlich keine Filme von Regisseurinnen zu sehen im Wettbewerb. Daraus einen Vorwurf an den künstlerischen Leiter Thierry Frémaux zu machen, finde ich aber nicht gerechtfertigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frémaux einen guten Film ablehnen würde, nur weil er von einer Frau stammt. Die Kritik sollte vielmehr bei der Filmförderung und bei den Filmschulen ansetzen.

Was zieht eigentlich in Cannes mehr Aufmerksamkeit auf sich, die Stars oder die Filme selber? 
Das lässt sich schwerlich trennen, beides zieht halt unterschiedliche Publika an. Cannes pflegt die grosse Filmkunst ebenso wie den Boulevard. Hierhin kommen sowohl die ernsthaften Kritiker als auch die Glamour-Reporter. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es in den letzten Jahren schon etwas mehr in Richtung Promi-Berichterstattung kippt.

Blick hinter die Kulissen in Cannes (10vor10, 18.05.2012)