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Kultur

Peter Bichsel: «Ein untrotziger Mensch kann kein Schriftsteller sein»

Mittwoch, 16. Mai 2012, 23:22 Uhr

Lebenswerk, das sei so ein grosses Wort, so die Reaktion von Peter Bichsel im «Kulturplatz» auf die anstehende Auszeichnung. Denn der Schweizer Schriftsteller erhält an den Solothurner Literaturtagen den Grossen Schillerpreis, der letztmals verliehen wird.

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Hommage an Peter Bichsel (Kulturplatz, 16.05.12)

«Es ist schwierig, ich weiss es nicht, es ist mir nicht ganz wohl dabei.» Bichsel ringt um Worte, als er ausdrücken soll, was diese Auszeichnung für ihn bedeutet. Dann bricht es aus ihm heraus: «Ich hasse den Wettbewerb, jede Form von Wettbewerb», sagt er kopfschüttelnd zu SF-Kulturredaktorin Uta Kenter.

Das Schreiben sei nur ein Teil seines Lebens gewesen. Er hätte auch darauf verzichten können. Nach wie vor freue er sich aber, dass bei ihm noch immer etwas Interessantes zustande komme. Im Grunde interessiere ihn aber nur das Schreiben an und für sich.

Bild Portrait von Peter Bichsel im Retaurant Kreuz in Solothurn, Februar 2012. (keystone)
Peter Bichsel: «‹Chronist der Zeit› oder ‹Gewissen der Nation›, das trifft nicht auf mich zu.» keystone

Ein Schriftsteller sei – wenn er überhaupt ein «Fachmann» sei – ein Fachmann für Sprache. Nicht für Geschichten oder Zeitgeschichte. So mag Bichsel denn auch Titel nicht, die ihm immer wieder «verliehen» worden sind, wie etwa «Chronist der Zeit» oder «Gewissen der Nation». Das treffe nicht auf ihn zu.

Peter Bichsel in Kürze

Peter Bichsel wurde 1935 als Sohn eines Handwerkers in Luzern geboren, aufgewachsen ist er in Olten. Nach der Ausbildung arbeitete er bis 1968 auf seinem Beruf als Primarlehrer.

Mitte der 1960er-Jahre gelang Bichsel der literarische Durchbruch («Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen»). Von 1974 bis 1981 war Bichsel zudem persönlicher Berater des damaligen SP-Bundesrates Willy Ritschard.

Peter Bichsel ist seit 1968 intensiv publizistisch tätig, als Kolumnist verschiedener Schweizer Tages- und Wochenzeitungen.

Peter Bichsel hat seit 1965 zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Darunter 1970 den deutschen Jugendliteraturpreis, den Prix Suisse (1973) und den Gottfried-Keller-Preis (1999). Nun erhält er für sein Lebenswerk den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung.

Peter Bichsel wäre es lieber, wenn seine Werke eine Zeit hätten und eben nicht zeitlos wären. Er findet es sogar erschreckend, dass Texte, die er in den 1960er-Jahren geschrieben hat, heute noch verstanden werden. «Das liegt an diesem Land, das sich konsequent weigert, sich auch nur ein bisschen zu verändern.»

«Dieser dauernde Livebetrug»

Auch das Fernsehgespräch ist ihm nicht recht: «Was ich hier mache, ist Schauspielerei.» Die Zuschauer würden denken, dass er so sei, wie jetzt in diesem Gespräch. «Das ist das, was ich am Fernsehen nicht mag. Dieser dauernde Livebetrug.» Auf die Frage der Redaktorin, warum er trotzdem mitmache, antwortet Bichsel: «Ich bin so ungern arrogant. Ich möchte es aber hie und da leidenschaftlich gerne sein.» 

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«Trotz ist etwas Lustiges»

«Mir war das Lesen immer wichtiger als das Schreiben.» Er habe eher lesend gelebt, als schreibend. «Ich habe das Schreiben nicht zum Beruf gemacht, das Schreiben hat mich zum Beruf gemacht.» Das Schreiben sei einfach gekommen, warum, wisse er nicht.

Die Grundfrage des Schreibens sei: «Was wäre wenn…». Dafür braucht es für den 77jährigen vor allem Trotz. «Ein untrotziger Mensch kann kein Schriftsteller sein», ist er überzeugt. So, wie ein trotziges Kind, das einfach «Nein!» sagt. «Trotz ist etwas Lustiges.»

Bichsel sagt von sich selber, er sei ein braves oder zumindest eigenartiges Kind gewesen. Seine Eltern hätten sich grosse Sorgen um ihn gemacht. Und sie hätten wohl auch recht gehabt. «Wenn alles gestimmt hätte, wäre ich wohl nicht Schriftsteller geworden.»

Rückblickend auf sein Leben, sagt Bichsel, habe sich nicht viel geändert. Darüber freue er sich. Er habe auch schon als 17jähriger mild sein können – wenn er es gewollt habe.

«Leidenschaft vermindert sich im Alter»

Doch eines hat sich in Peter Bichsels Leben verändert: «Die Dringlichkeit ist weg. Das entsetzt mich.» Auf die Frage, was er damit meine, erklärt Bichsel, er sei einmal ein leidenschaftlicher Jazzfan gewesen. «Heute habe ich Jazz immer noch gerne, ich lege aber selten eine LP auf.»

Früher – im Gegensatz zu heute – sei das für ihn «dringlich» gewesen. «Das ist für mich der schmerzliche Verlust im Alter.» Auch politisch habe er noch immer dieselbe Meinung wie der 25jährige Bichsel. Die Politik sei ihm zwar immer noch wichtig. Doch: «Die Leidenschaft, die ist weg.»

Der letzte Schillerpreis

Der Schillerpreis wird 2012 zum letzten Mal vergeben. Die Schweizerische Schillerstiftung hat mehr als 100 Jahre Literaturpreise verliehen. Ab 2013 wird das Bundesamt für Kultur für die Literatur eigene Preise vergeben.

Der Grosse Schillerpreis wurde bisher nur alle 5 oder 6 Jahre vergeben, zum letzten Mal 2010 an Philippe Jaccottet. Jetzt werden noch zwei Autoren ausgezeichnet: Peter Bichsel und Giovanni Orelli.

(sf/schubeca)