International
Schilderungen von Gräueltaten prallen an Mladic ab
Der bosnische Serbenführer Ratko Mladic muss sich in Den Haag für die schlimmsten Gräueltaten in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg verantworten. Der erste Prozesstag ist nach etwas über vier Stunden zu Ende gegangen. Der 70jährige zeigte sich während der Anklage-Verlesung unbeeindruckt.
Der Ankläger schockierte beim Prozessauftakt mit der Schilderung grausamer Details vom Völkermord in Bosnien. Mladic hat diese regungslos verfolgt. Er machte sich einzig Notizen, verzog von Zeit zu Zeit abschätzig den Mund und setzte pausenlos seine Lesebrille auf und ab. Mladic zeigte den Anschein unbeugsam, unbelehrbar, manchmal fast arrogant zu sein. Mit Gesten verhöhnte er seine Opfer und lachte verächtlich über die ihm vorgehaltenen Verbrechen.
Die vom Staatsanwalt präsentierten Beweise wirkten jedoch erdrückend. Videos mit Mladic samt seinen Offizieren, Aufzeichnungen aus seinem pedantisch geführten Tagebuch, interne Militärdokumente und vorgelesene Zeugenaussagen lassen keinen Zweifel aufkommen, dass dem Ex-Militärkommandant seine Missetaten nachgewiesen werden können.
Stellungnahme von Mladic erst später
Die Verlesung der Anklage habe weniger Zeit als geplant in Anspruch genommen, sagte der Vorsitzende Richter. Das Verfahren soll am Donnerstagmorgen fortgesetzt werden. Dann werde die Staatsanwaltschaft ihren Vortrag abschliessen.
Die ersten Zeugen sollen vom 29. Mai an vernommen werden. Erste ausführliche Äusserungen des heute 70 Jahre alten Angeklagten sowie seiner Verteidiger sind erst für einen späteren Zeitpunkt des Verfahrens geplant.
Zehntausende mussten sterben
Mladic soll Tausende von Menschen auf dem Gewissen haben. Die Vorwürfe: Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bürgerkrieg in Bosnien (1992-1995). Insbesondere beim Massaker von Srebrenica 1995 und der jahrelangen Belagerung von Sarajevo während des Krieges soll Mladic eine zentrale Rolle gespielt haben.
In Srebrenica im Osten Bosniens erschossen Kämpfer der bosnischen Serben 8000 muslimische Männer und Jungen. Während der Belagerung Sarajevos starben 10'000 Zivilisten. Beides wies Mladic zurück.
Mladic hatte beantragt, den Vorsitzenden Richter zu ersetzen, weil dieser in Fällen von ehemaligen Mladic-Untergebenen geurteilt hatte. Doch der Präsident des Tribunals, Theodor Meron, wies das Gesuch ab.
Mladic geht als letzte Führungsfigur der bosnischen Serben aus der Zeit der Balkankriege vor Gericht, obwohl er 1995 als einer der ersten angeklagt wurde. Er lebte jahrelang unbehelligt in Belgrad und wurde erst 2011 im Norden Serbiens festgenommen. Er war nach dem Sturz des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic im Jahr 2000 untergetaucht.
Chronik des Massakers
Serbische Truppen haben im Juli 1995 innerhalb weniger Tage Tausende Menschen getötet. Eine Chronologie der Ereignisse finden Sie hier.
(sda/dpa/mery/bers;horm)







