Wirtschaft
SMI fällt auf Jahrestief - Börsen auf Talfahrt
Aus Angst vor einer Eskalation der Eurokrise sind die Aktienkurse in Europa erneut deutlich gesunken. In der Schweiz fiel der SMI auf den tiefsten Stand des Jahres. Gleichzeitig gab der Euro gegenüber dem Dollar spürbar nach.
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«Die politischen Börsen in Europa scheinen aktuell lange Beine zu haben», sagte ein Händler. «Das Thema Griechenland hat sich zu einer <never ending story> entwickelt.»
Vor allem die in Richtung Neuwahlen laufenden Entwicklungen in Athen bereiteten Anlegern Kopfzerbrechen. Sie befürchten, dass die Gegner der langwierig ausgehandelten Sparprogramme von EU und IWF dann noch stärker werden. Damit wachsen die Sorgen, dass das Land auf dem direkten Weg in den Bankrott ist und die Euro-Zone verlässt.
Auch die in Spanien eingeleitete Bankenreform wurde mit Zweifel aufgenommen, und die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft sorgte für zusätzliche Skepsis. Eine Senkung der Mindest-Reserve-Anforderungen für chinesische Banken beeindruckte Investoren wenig.
SMI auf Jahrestief
Der SMI der Schweizer Börse fiel um 1,3 Prozent auf 5876 Punkte. Händler befürchteten weitere Verluste, weil der Leitindex die wichtige Unterstützung bei 5900 Zählern nicht verteidigen konnte. Die nächsten Schlüsselmarken orten die Charttechniker der ZKB bei 5700 und 5550 Punkten.
Auf den übrigen Börsenplätzen in Europa waren die Verluste sogar noch grösser.
In Deutschland sank der Dax um 1,94 %. Er nahm damit wieder Kurs in Richtung seines tiefsten Standes seit Ende Januar, der in der Vorwoche markiert worden war.
In Frankreich verlor der CAC40 2,29 %, und in London schloss der Index FTSEurofirst 300 nach einem Tagesverlust von 1,7 % auf dem tiefsten Stand seit dem 30. Dezember 2011. «Die Investoren stimmen im Moment mit den Füssen ab», sagte ein Händler in London. Sie würden vor Investitionen in Aktien «davonlaufen», obwohl einige Titel bereits sehr günstig seien. Alle würden warten, bis sich «der Sturm verzogen» hat.
Der EuroStoxx50 büsste 2,2 Prozent ein. Der Leitindex in Athen ging 4,6 Prozent tiefer aus dem Handel, in Madrid schloss die Börse 2,7 Prozent im Minus. Finanzwerte und konjunktursensible Werte zählten europaweit zu den grössten Börsenverlierern.
Angst vor schärferen Regeln für Banken
«Es gibt auf einmal wieder so viele Unsicherheiten», sagte ein anderer Börsianer. «Da sind nicht nur die Fragen rund um Griechenland, sondern da ist auch die Frage, wie geht es mit dem Fiskalpakt weiter, wie steht es um die Banken. Da hat die Zockerei von JP Morgan noch einmal einiges aufgebrochen, was schon halb vergessen war.»
Die grösste US-Bank hatte Ende vergangener Woche einräumen müssen, mit hochriskanten Wetten zwei Milliarden Dollar verzockt zu haben. Das Weisse Haus betonte daraufhin die Notwendigkeit einer strengen Banken-Regulierung.
Euro fällt, auch Öl billiger
Der Euro fiel bis auf 1,2823 Dollar, vor den Wahlen in Griechenland hatte er zweieinhalb US-Cent höher notiert. Auch am Rohstoff-Markt purzelten die Preise; Öl, Industriemetalle und Gold gaben besonders stark nach.
Am Obligationenmarkt folgten Anleger dem altbewährten Rezept und setzten unter anderem auf deutsche Bundesanleihen als sicheren Hafen. Dadurch fiel die Rendite der zehnjährigen deutschen Titel auf ein Rekord-Tief von 1,43 Prozent. Trotz der Mini-Zinsen traf eine Emission sechsmonatiger Schatzanweisungen des Bundes bei Investoren sogar auf höheres Interesse als bei der vorangegangenen Auktion im April.
Druck auf Spanien und Italien
Die Versteigerung neuer italienischer und spanischer Bonds spiegelte dagegen die zunehmenden Zweifel der Investoren an der Reformkraft der Länder wider. Für ein spanisches Zwölf-Monatspapier und für italienische Bonds mit dreijähriger Laufzeit müssen die Finanzminister höhere Zinsen zahlen als zuletzt. «Das Risiko, dass Griechenland aus dem Euro austritt, besteht. Und sollte das passieren, steigt auch wieder die Ansteckungsgefahr für Länder wie Italien und Spanien», sagte ING-Stratege Alessandro Giansanti.
Fünfjährige Swaps zur Versicherung spanischer Staatsanleihen (CDS) stiegen daraufhin auf 540 Basispunkte. Damit beliefen sich die Kosten für die Versicherung von Anleihen über zehn Millionen Euro auf 540'000 Euro – so viel wie noch nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Im Falle Italiens mussten 483'000 Euro gezahlt werden.
Die zehnjährigen Renditen des Landes lagen in der Spitze bei 5,955 Prozent, spanische bei 6,37 Prozent. Beide erreichten damit den höchsten Stand seit Anfang Dezember.
Spanische Banken legen Milliarden für faule Kredite beiseite
Auf Verlangen der spanischen Regierung legen die angeschlagenen Banken des Landes weitere Milliarden für faule Immobilienkredite zurück. Die Banco Santander stellte nach eigenen Angaben weitere 2,7 Milliarden Euro zurück, Konkurrent BBVA 1,8 Milliarden Euro. Die in der vergangenen Woche grösstenteils verstaatlichte Bankia muss sogar 4,72 Milliarden Euro beiseitelegen. Die Rückstellungen würden den Gewinn erheblich drücken, hiess es.
Bankaktien in Spanien verloren dementsprechend kräftig. Um sich vor weiteren Ausfällen von Immobilienkrediten zu schützen, müssen die Institute zusätzliche 30 Milliarden Euro zurücklegen, hatte Wirtschaftsminister Luis de Guindos am Freitag angeordnet.
Die Banken müssen die Rückstellungen auf Immobilienkredite im Schnitt auf 30 Prozent anheben. Es ist bereits das vierte Mal binnen drei Jahren, dass die spanische Regierung in den Bankensektor eingreift, um die Folgen der Immobilienkrise zu bekämpfen. Erst im Februar hatte sie den Banken aufgetragen, 53,8 Milliarden Euro für Kreditausfälle zurückzulegen.
Einer Studie der Citigroup zufolge sitzen die spanischen Geldhäuser auf Krediten von rund einer Billion Euro, die am maroden Immobiliensektor hängen. Wie viele davon faul und damit vom Ausfall bedroht sind, kann kaum eingeschätzt werden. Das macht die Finanzmärkte nervös.
Die spanische Regierung geht von deutlich geringeren Summen aus.
(reuters/dpa/vaid; bers)



