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Tilgner: «Al-Kaida ist in Syrien angekommen»
Die Islamistenorganisation Al-Nusra, eine Untergruppe der Al-Kaida, hat sich zum kürzlich verübten Anschlag mit mindestens 55 Toten in Damaskus bekannt. Warum Al-Kaida an einem Bürgerkrieg in Syrien interessiert ist, erklärt SF-Nahostkorrespondent Ulrich Tilgner.
«SF Online»: Al-Nusra bekennt sich zum Anschlag in Damaskus, ist das glaubhaft?
Ulrich Tilgner: Ja, vieles spricht dafür, dass die Al-Kaida tatsächlich für den Anschlag verantwortlich ist. Die Terror-Organisation ist auch in Syrien durch Bündnispartner vertreten. Dafür gibt meines Erachtens drei Gründe: Erstens hat das Assad-Regime kein Interesse in Damaskus eine Lage der Unsicherheit zu schaffen. Zweitens verfügt die Opposition über zu wenig Wissen, ein solches Attentat auszuüben, denn der Anschlag war gut vorbereitet. Und drittens wurde die Al-Kaida aus dem Irak verdrängt und Teile haben sich nach Syrien zurückgezogen. Man kann davon ausgehen, dass es etwa 800 Al-Kaida-nahe Kämpfer in Syrien agieren.
Wer ist Al-Nusra überhaupt?
Al-Nusra gilt als syrischer Teil des Al-Kaida-Netzwerkes. Es handelt sich um eine Organisation, die von Terroristen aufgebaut worden sein soll, die im Irak nach dem Einmarsch der US-Trupen mit Anschlägen einen lang anhaltenden Bürgerkrieg auslösen wollten und in den vergangenen Jahren aus dem Irak vertrieben worden sind.
Die Al-Kaida begründet ihr Attentat damit, dass sie sich beim Assad-Regime rächen will für den Beschuss von Wohnvierteln. Was ist ihr wirkliches Ziel?
Zum Al-Kaida-Netzwerk im Irak passte, dass die Attentate beliebig begründet wurden. In Syrien ist es ähnlich. Im Anschlag von Damaskus wurden nicht nur Sicherheitskräfte getötet, sondern meist Zivilisten. Die Terror-Organisation will im Grunde nur eines: Unruhe und herrschaftsfreie Räume schaffen, um weitere Al-Kaida-Kämpfer zu rekrutieren und ihre Strukturen aufzubauen. Sie tut dies, indem sie das Land noch mehr destabilisiert. Ihr ist es nur recht, wenn die demokratischen Ansätze der Opposition verkümmern. Obwohl die Al-Kaida vorgibt, die Opposition in Syrien zu unterstützen, schadet sie ihr mehr.
Arbeitet die Al-Kaida nicht auch mit den Oppositionellen zusammen?
Al-Kaida-Kämpfer arbeiten im Untergrund und sind als solche nicht zu erkennen. So können sie auch die Aufständischen unbemerkt infiltrieren. Für Al-Kaida-Kader ist dies nicht so schwierig, weil sie, genau wie die der grösste Teil der sunnitischen Opposition, ebenfalls sunnitisch sind.
Im Gegensatz zu Al-Kaida, die an einem langen Bürgerkrieg und der Destabilisierung der Region interessiert ist, gibt es aber auch andere sunnitische Kräfte von aussen, die am Sturz des Assad-Regimes interessiert sind.
Natürlich. Staaten der Golf-Halbinseln wie etwa Saudi-Arabien liefern diesen Oppositionellen Waffen und auch Geld. Das war im Irak nicht anders. Auch dort gab es ein Gegensatz zu Sunniten und der Regierung in Bagdad. Die öl- und Dollarreichen Monarchien am Golf nutzen die sunnitische Bewegung in ihrer Auseinandersetzung mit dem Iran um die Vormachtstellung in der Region.
Der Krieg hinter dem Krieg
Obwohl Syriens Bevölkerung zu 75 Prozent sunnitisch ist, ist Syrien unter dem Assad-Regime mit Iran, also den Persern, verbündet. Stürzt das Assad-Regime, könnte Teheran einen wichtigen Verbündeten verlieren.
Die Monarchien der Golf-Halbinsel, die mehrheitlich sunnitisch sind, stützen die Opposition in Syrien. Sie wollen so den «Demokratisierungs-Virus» in der Region stoppen. Denn je mehr sunnitische Regierungen an der Macht sind, desto eher sind diese absolut-religiös und nicht demokratisch geprägt.
Auch der saudische König stützt seine Macht auf die Religion. Er ist als Herrscher auch der oberste Gläubige und so unantastbar.
Sollte die sunnitische Mehrheitsbevölkerung den Krieg in Syrien gewinnen, wird Damaskus möglicherweise von konservativen Religiösen dominiert sein und unter dem Einfluss der Golfmonarchien stehen.
Warum tritt die Terrororganisation gerade seit den letzten drei Monaten verstärkt in Syrien in Erscheinung?
Die Al-Kaida ist straff geführt. Die Leute werden zuerst ausgebildet und geschult, bevor sie ihre Aktion beginnen. Das braucht Zeit. Und wenn man nach Syrien schaut, geht das durchaus auf. Die Opposition gibt es etwa seit einem Jahr. Und jetzt, seit ein paar Monaten, sind die Anschläge der Al-Kaida Realität.
Al-Kaida schon länger in Verdacht
Laut amerikanischen Regierungsbeamten soll die irakische Al-Kaida auch hinter den Anschlägen vor einigen Wochen in Aleppo stehen. Dazu passt, dass Aiman az-Zawahiri, der Nachfolger Osama Bin Ladens als Kaida-Führer, in einer Videobotschaft den Aufstand gegen das Assad-Regime pries und die Muslime in den Nachbarländern dazu aufrief, die Aufständischen zu unterstützen. Der stellvertretende Innenminister des Iraks, Adnan al-Assadi, sagte, eine Anzahl irakischer Islamisten seien nach Syrien gegangen und es würden Waffen aus dem Irak nach Syrien geschmuggelt. Auch Libyer und Libanesen sind nach Syrien gereist, um an der Seite der Aufständischen zu kämpfen.
Werden sich die blutigen Anschläge der Al-Kaida in Syrien künftig häufen?
Davon kann man ausgehen. Die Destabilisierung Syriens bildet den Boden für Terroraktionen. Opfer werden wie immer unschuldige Zivilisten sein.



