International
1. Mai: Hunderttausende auf Europas Strassen
In den krisengeschüttelten EU-Staaten protestieren tausende Menschen anlässlich des Tags der Arbeit gegen den Sparkurs ihrer Regierungen. Vereinzelt ist es zu heftigen Zusammenstössen mit der Polizei gekommen. Vor allem in der norditalienischen Stadt Turin.
Die Demonstranten in Turin wollten eine Parade blockieren, die Stadtpräsident Piero Fassino anführte. In ihren Augen macht Fassino zu wenig, damit neue Arbeitsplatz entstehen.
In der Stadt Rieti, in der Region Emilia-Romagna, platzierten Aktivisten Plakate an diversen Friedhöfen. Darauf war zu lesen: «Einen glücklichen 1. Mai für alle Arbeiter, die sich das Leben genommen haben». Die Demonstranten beziehen sich damit auf die Selbstmorde der vergangenen Wochen in Italien. Menschen brachten sich aus Angst vor der Zukunft um.
Bulgarien: Forderung nach Rücktritt der Regierung
Verbale Frustration hat sich auch in vielen anderen europäischen Städten entladen. So demonstrierten Hunderttausende etwa in Griechenland, Spanien, Portugal, Frankreich oder Bulgarien.
In der Hauptstadt Sofia forderten die Sozialisten den Rücktritt der bürgerlichen Regierung. Sozialisten-Chef Sergej Stanischew sprach von einem «Tag des Zorns gegen die arrogante, rigorose und inkompetente rechte Regierung» in Bulgarien. Redner verwiesen auf die schnell steigende Arbeitslosigkeit und schlechte Wirtschaftskonjunktur in dem ärmsten EU-Land.
Griechenland: Frustration über Politiker
In Griechenland wollen sich viele am kommenden Sonntag an der Urne für die Lage im Land «rächen», dann wählen die Griechen ein neues Parlament.
Wie die 58jährige Rentnerin Dina Bitsi, deren Sohn arbeitslos und auf die Hilfe der Familie angewiesen ist, denken viele Griechen. «Diese Politiker können uns nicht helfen. Sie sagen uns nichts Neues. Sie haben das Sparpaket und die Rettung akzeptiert – nun wenden wir ihnen unseren Rücken zu.»
Spanien: Hunderttausend gegen Sparmassnahmen
In Spanien demonstrierten mehr als 100'000 Menschen in 80 Städten. Die beiden grössten Gewerkschaften sprachen sogar von fast einer Million Demonstranten landesweit, die gegen die hohe Arbeitslosigkeit und die Sparmassnahmen der konservativen Regierung protestierten. Mit 24,4 Prozent hat Spanien die höchste Arbeitslosenrate in der industrialisierten Welt.
Deutschland: «Gierige Eliten plündern Staaten»
Auch in Deutschland entlud sich die Wut: In Berlin flogen Steine und Flaschen. Die Berliner Polizei nahm vier Menschen fest – keine grosse Zahl für dieses Datum. Schon in der Walpurgisnacht blieb es im Vergleich zum letzten Jahr ruhig.
Die Polizei rüstete sich dennoch für die traditionellen Aktionen linker Gruppen: In der Hauptstadt sichern rund 7000 Beamte die Veranstaltungen und sollen Ausschreitungen verhindern.
Laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) nahmen 419'000 Menschen an den bundesweiten Demonstrationen teil.
Bei der zentralen Kundgebung des DGB in Stuttgart rief deren Chef Michael Sommer dazu auf, nicht die Allgemeinheit für die Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa bezahlen zu lassen. Es seien «die gierigen Eliten, die die Staaten ausgeplündert haben und es weiter tun und tun wollen», sagte Sommer.
Russland: Grösste Demonstration Europas
In Moskau zogen rund 150'000 Kreml-Anhänger durch die Strassen. Angeführt wurde die in ihren Dimensionen an Sowjet-Zeiten erinnernde Demonstration im Herzen der russischen Hauptstadt vom designierten Präsidenten Wladimir Putin und Amtsinhaber Dmitri Medwedew.
Ein von der oppositionellen Kommunistischen Partei organisierter Aufmarsch zum 1. Mai versammelte dagegen laut Polizeiangaben lediglich 3500 Teilnehmer. Die Opposition plant für kommenden Sonntag, am Vortag von Putins Amtseinführung, einen «Marsch der Millionen» in Moskau.
(agenturen/schubeca;muei)







