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Vor Prozess-Beginn: Norweger sind Breivik-Rummel satt
Am Montag beginnt der Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik. Was sich in Norwegen seit dem Attentat vom Juli 2011 verändert hat, wie die Stimmung nun vor Ort ist, weiss SF-Korrespondent Erwin Schmid.
Das Regierungsviertel ist nach wie vor abgesperrt. Dort, wo am 22. Juli 2011 Breiviks «Feldzug gegen die Islamisierung Europas» begann, erinnert eine grosse Baustelle an die Tragödie. Zunächst explodierte in Oslo eine Bombe, später verübte Breivik einen Anschlag auf ein Jugendcamp der Sozialdemokraten auf der Insel Utøya.
Die öffentliche Trauer ist inzwischen verschwunden, sagt SF-Korrespondent Erwin Schmid gegenüber «SF Online». «In Oslo ist wieder der Alltag eingekehrt.»
«Altes Norwegen ist zurück»
Als das Unglück passierte, reiste Schmid für die «Tagesschau» an den Unglücksort. Damals sagte er: «Man will und kann nicht wahrhaben, dass so etwas passiert ist. Die Menschen trauern nicht nur um die Toten, sondern auch um ihr weltoffenes Norwegen, welches nie wieder so sein wird, wie es einmal war.»
Und neun Monate später? Nach den Attentaten erlebte die sozialdemokratische Partei einen Aufschwung, die Rechtspopulisten dagegen verloren an Terrain. Nun habe sich diese Entwicklung wieder abgeschwächt, so Schmid. «Das alte Norwegen ist wieder zurück.» Was sich verändert habe, sei allerdings der Ausländerdiskurs. «Heute wird er subtiler und anständiger geführt als vor den Anschlägen.» Man sei auch wachsamer gegen antiislamistische Äusserungen geworden.
Überdosis Breivik
Gemäss einer Studie der Osloer Tageszeitung «Aftenposten» halten zwei von drei Norwegern den Medienrummel um Breivik für übertrieben. Nur gerade 28 Prozent der 1400 Befragten erachten die Berichterstattung für angemessen. Dasselbe hat Schmid auch erlebt. «Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Artikel über Breivik veröffentlicht wird – vielfach auch mit irrelevanten Details.» Viele seien froh, dass nun der Prozess beginne und damit die Tragödie abgeschlossen werden könne. «Die Norweger möchten nach vorne blicken können.»
Die Hoffnung der Opferfamilien ruhe auf dem Prozessende in zehn Wochen. Sie wollen nicht jeden Tag durch Schlagzeilen an das Unglück erinnert werden. «Den Betroffenen bereitet Mühe, dass Breivik auf solch eine Bühne gehievt wird.»
Breivik soll für seine Taten büssen
Trotz der Übersättigung wird der am Montag beginnende Prozess landesweit in 17 Gerichtssäle übertragen. Die Staatsanwaltschaft wirft Breivik eine terroristische Handlung vor: Er habe die öffentliche Ordnung beeinträchtigt und vielfachen vorsätzlichen Mord begangen – 8 Menschen sterben damals in der Osloer Innenstadt, 69 auf der Insel Utøya. Die Mehrzahl sind Jugendliche.
Breivik gesteht seine Tat, bekennt sich jedoch für unschuldig. Er bezeichnet sich als Kreuzritter, der im Kampf gegen die Islamisierung Europas gezogen ist. Das rechtfertige sein Morden, meint Breivik. Die Verhandlungen sollen bis Ende Juni dauern.
Inzwischen liegen den Richtern zwei gegensätzliche Gutachten zum Geisteszustand des Attentäters vor. Während er zunächst als psychisch Kranker eingestuft wird, gilt er nun als zurechnungs- und damit als schuldfähig. «Die Quintessenz des zweiten Gutachtens: Breivik handelte nicht als Geisteskranker, sondern als rechtsextremer Terrorist», erklärt Schmid. Man erwarte nun, dass Breiviks Zurechnungsfähigkeit auch von den Richtern anerkennt werde und er so für seine Taten büssen müsse. Das bedeutet: Die Maximalstrafe von 21 Jahren Haft mit anschliessender Verwahrung.
Norwegen erhofft sich neben einem schnellen Verhandlungsende auch Antworten auf Fragen, die die politische Untersuchungskommission abseits vom Gerichtverfahren analysiert. Schmid: «Es geht darum, wie die Behörden vor und nach der Tat reagiert haben, ob es Versäumnisse gab oder auch welche Rolle der Geheimdienst spielte.» Die politische Aufarbeitung werde auch mit dem Prozessende noch nicht abgeschlossen sein.



