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Kultur

Israels Innenminister verlangt Aberkennung des Nobelpreises

Sonntag, 8. April 2012, 13:30 Uhr, Aktualisiert 21:12 Uhr

Man müsste dem Literaten Günter Grass den Nobelpreis aberkennen, fordert der israelische Innenminister. Zudem darf Grass wegen seines israelkritischen Gedichts nicht mehr nach Israel einreisen. Die israelische Regierung erklärte ihn zur Persona non grata.

Der israelische Innenminister Eli Jischai sagte nach Angaben seines Sprechers, das Gedicht von Grass habe darauf abgezielt, «das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen». Grass wolle so «die Idee weiterbringen, die er früher mit dem Tragen der SS-Uniform offen unterstützt hat».

Israelis zum Fall Grass

Seine Ausführungen unterlegte Jischai im israelischen Radio mit martialischen Worten: «Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten», so der Politiker von der strengreligiösen Schas-Partei. Man müsse Grass nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen, so Jischai laut «Spiegel Online».

Bild Porträt Grass.
In Israel offenbar unerwünscht: Günter Grass. reuters

Liebermann: Gedicht ist «Ausdruck des Zynismus»

Das Aussenministerium hatte zunächst bestritten, dass Grass nun Persona non grata – also eine unerwünschte Person – sei. Sprecher Jigal Palmor sagte, ihm sei davon nichts bekannt: «Das erscheint mir Quatsch, ich weiss nicht, wo das herkommt.»

Der israelische Aussenminister Avigdor Lieberman kritisierte Grass allerdings nach Radioangaben scharf. Bei einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Mario Monti habe er gesagt, die Äusserungen von Grass seien ein Ausdruck des Zynismus. Intellektuelle wie er seien bereit, «Juden auf dem Altar der Antisemiten zu opfern».

Einreisesperre sorgt für Kopfschütteln. (Tagesschaubeitrag vom 8.4.12)

Westerwelle: «nicht geistreich sondern absurd»

Auch in Deutschland geht die Kritik an dem 84jährigen wegen seines Gedichts weiter. In einem Beitrag für die «Bild am Sonntag» schrieb Aussenminister Guido Westerwelle: «Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd.»

Der ehemalige Chef der deutschen FDP schrieb in seinem Gastbeitrag weiter: «Iran verweigert völkerrechtswidrig seit Jahren umfassende Zusammenarbeit bei der Kontrolle seines Nuklearprogramms.»

Und Westerwelle warnte: «Denen, die das auch jüngst nicht wahrhaben wollten, sei gesagt: Das alles ist keine Spielwiese für Polemik, Ideologie und Vorurteile, sondern bitterer Ernst.» Iran habe das Recht auf eine zivile Nutzung der Atomenergie. Es habe nicht das Recht auf atomare Bewaffnung. «Wer die davon ausgehende Bedrohung verharmlost, verweigert sich der Realität.»

Reich-Ranicki: «Ekelhaftes Gedicht»

Auch Schriftstellerkollegen kritisierten Grass: Rolf Hochhuth schrieb von Scham, Daniel Jonah Goldhagen warf Grass vor, er bediene Klischees und Vorurteile.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», es sei «ein ekelhaftes Gedicht», das politisch und literarisch wertlos sei. Der Literaturnobelpreisträger stelle «die Welt auf den Kopf».

«Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil», sagte Reich-Ranicki, der aus einer jüdischen Familie stammt.

Muschg verteidigt Grass

Günter Grass erhält Unterstützung aus der Schweiz. Sein Schriftstellerkolle Adolf Muschg bezeichnet den Antisemitismus-Vorwurf gegen Grass «so absurd unbillig und unverhätnismässig, dass man über die fast geschlossene Front gegen den Autor nur staunen kann.» mehr...

Der Schriftsteller Wolf Biermann verteidigte Grass «im Namen der Meinungsfreiheit», sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als «literarische Todsünde». In der «Welt am Sonntag» schreibt der Liedermacher, «wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass».

Grass rückt von Position nicht ab

Grass hatte in seinem am Mittwoch veröffentlichten Gedicht «Was gesagt werden muss» angeprangert, dass der Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk auslöschen könne.

Der Autor warf Israel vor, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden. Das Gedicht hatte ihm im In- und Ausland den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht. Grass hatte sich verteidigt und seinen Kritikern Hass und eine Kampagne gegen ihn vorgeworfen.

(red/rufi; horm)