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Kultur

Israel-Gedicht: Schweizer Literat Muschg verteidigt Grass

Sonntag, 8. April 2012, 4:11 Uhr

Für sein Gedicht über Israel wird Günter Grass in Deutschland fast einhellig verurteilt und als Antisemit beschimpft. Jetzt erhält Grass Unterstützung aus der Schweiz, von seinem Schriftsteller-Kollegen Adolf Muschg. In Göttingen wurde unterdessen ein Denkmal von Grass beschmiert.

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Wie Muschg in der Zeitung «Der Sonntag» schreibt, ist der Antisemitismus-Vorwurf gegen seinen deutschen Kollegen Günter Grass «so absurd unbillig und unverhältnismässig, dass man über die fast geschlossene Front gegen den Autor nur staunen kann».

Muschg sei damit der erste international renommierte Schriftsteller, der sich auf die Seite von  Grass schlägt, meint das Blatt. Seine Kritiker würden Grass «für etwas geisseln, was er nicht geschrieben hat; sie verurteilen ihn, dass er geschrieben hat; sie strafen ihn dafür ab, dass er ist, und dass er auch noch Grass ist», erklärt Muschg weiter.

«Selbstgefälligkeit» nicht nur auf Seiten Grass'

Grass werde die Kompetenz abgestritten, Kritik an Israel zu üben. «Warum», fragt Muschg, «drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sich diese Kritik denn erledigt hat? Und womit hat ein Autor wie Grass das Recht verwirkt, sich weltbürgerlich zu äussern? Warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag indiskutabel zu finden?»

Muschg weiter: «Das dröhnende Schweigen» zeige, «dass die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite» sei.

Das Grass-Gedicht und ein Debattenbeitrag

Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung «Freitag» ist der Auffassung, dass Günter Grass mit seinem Gedicht «Was gesagt werden muss» richtig liege. Der Text wäre zwar weder ein «grosses Gedicht» noch eine «brillante politische Analyse», doch die knappen Zeilen würden einmal zu den «wirkmächtigsten Worten» des Literaturnobelpreisträgers zählen

Das Gedicht von Günther Grass im Wortlaut lesen Sie hier

Jüdischer Dichter nimmt Grass in Schutz

Andere Schweizer Autoren wie Klaus Merz und Lukas Bärfuss üben zwar auch Kritik am umstrittenen Gedicht, sehen Grass aber nicht als Antisemiten.

Pedro Lenz etwa schreibt: «Ich erkenne, selbst nach mehrmaliger und sorgfältiger Lektüre des Gedichts, keine antisemitischen Aussagen darin. Die politischen Ansichten in seinem Gedicht scheinen mir absolut nachvollziehbar und legitim.» Lenz dünkt zudem «die da und dort geäusserte, selbstgerechte Empörung über das Gedicht heuchlerisch».

Bild Lewinsky
Der jüdische Schriftsteller Lewinsky: Nein, als antisemitisch empfinde ich das ‹Gedicht› nicht. keystone/archiv

Selbst der jüdische Schriftsteller Charles Lewinsky meint: «Wenn man den Begriff der Meinungsfreiheit ernst nimmt, dann darf man das natürlich. Auch wenn man Deutscher ist. Auch wenn man Grass heisst. Nein, als antisemitisch empfinde ich das ‹Gedicht› nicht. Nur als peinlich realitätsfremd.»

Lob von Friedensbewegung und Iran

Die deutsche Friedensbewegung nahm Grass für sein umstrittenes Israel-Gedicht in Schutz. Er habe damit dazu beigetragen, das Bemühen um eine friedliche Lösung im Iran-Konflikt «wieder auf die Tagesordnung zu setzen». In Form eines Gedichtes nahm der Mitbegründer der Ostermärsche, Andreas Buro, für die Dachorganisation Kooperation für den Frieden am Samstag Stellung zu der Diskussion um das Grass-Gedicht.

Der Iran lobte Grass in höchsten Tonen. «Dieses Gedicht wird zweifellos dazu beitragen, dass auch das schlafende Gewissen des Westens nun aufweckt wird», schrieb der iranische Vizekultusminister Dschawad Schamghadri dem 84-Jährigen in einem Brief, der von der Nachrichtenagentur Mehr veröffentlicht wurde.

Günter Grass reagiert (10vor10, 05.04.2012)

Denkmal von Günter Grass beschmiert

Unbekannte haben auf dem Campus der Göttinger Universität ein vom Schriftsteller Günter Grass entworfenes und gestiftetes Denkmal beschmiert. Auf dem Sockel der rund zwei Meter hohen Skulptur hinterliessen sie mit braunroter Farbe den Spruch «SS! Günni Halts Maul».

Eine Polizeisprecherin sagte, die Schmiererei sei am Samstagmittag entdeckt worden. Die Polizei ermittle wegen Sachbeschädigung. Grass steht seit Tagen wegen eines israelkritischen Gedichts in der Kritik. Er hatte das Denkmal vor einem Jahr zusammen mit seinem Verleger Gerhard Steidl der Stadt und der Universität Göttingen geschenkt.

Kritik an Entwicklung der Demokratie

Die stählerne Skulptur besteht aus dem Buchstaben G und der Zahl 7. Sie erinnert an sieben Göttinger Professoren, die im 19. Jahrhundert gegen die Aussetzung der Verfassung durch König Ernst August protestiert hatten und deshalb entlassen worden waren.

Anlässlich der Enthüllung des Denkmals hatte Grass in einer Rede Kritik an einigen Entwicklungen der Demokratie in Deutschland geäussert. «Ein Denkmal, das nur die Vergangenheit beschwört, ist nur von beschränktem Wert», sagte er. Es solle auch «in der Gegenwart wirksam sein» und als «Hinweis auf unsere demokratischen Zustände» begriffen werden.

(sf/halp;weis)