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Vermischtes

«Meine Freizeit gehört der Titanic»

Bettina Kunz
Samstag, 7. April 2012, 10:21 Uhr

Sie schwärmen von der Titanic wie Fussballfans von ihren Idolen. Sie nennen sich «Titanicer» und widmen ihre ganze Freizeit dem «unsinkbaren» Schiff: die Mitglieder des Titanic-Vereins Schweiz. Ein Interview mit dem Präsidenten des Vereins zum 100. Jahrestag des Unglücks.

Günter Bäbler, wie kommt man dazu, sein Leben einem versunkenen Schiff zu widmen?

Das damals grösste von Menschenhand erbaute bewegliche Objekt – die Titanic – traf auf das grösste bewegliche Objekt der Natur – den Eisberg. Das hat den Menschen in die Schranken gewiesen. Ihren Hochmut gebremst. Die Geschichte scheint so unwirklich. Ich beschäftige mich jetzt seit 30 Jahren intensiv mit diesem Thema. Sich in diesem Wirrwarr an Informationen zu Recht zu finden – das ist meine Faszination. Ich widme rund 30 Stunden pro Woche der Titanic-Forschung.

Wie Sie auf ihrer Website schreiben, haben Sie in den 20 Jahren, die ihr Verein schon besteht, «exklusive» Fakten über das Titanic-Unglück aufgedeckt. Woran forschen Sie im Moment?

Zurzeit arbeite ich an einem Organigramm. Vom Kapitän bis zum Steward sind sämtliche 891 Besatzungsmitglieder der Titanic vertreten. Durch diese Aufstellung lassen sich Fehler aufzeigen. So habe ich z.B. herausgefunden, dass viel weniger Leute und nur junge, unerfahrene Maschinisten zum Zeitpunkt des Unglücks im Maschinenraum waren. Da hatte man bisher völlig falsche Vorstellungen.

Wie verbringt ein «Titanicer» wie Sie den 100. Jahrestag?

Ich werde an Bord eines Kreuzfahrtschiffes sein, das von New York über Halifax an die Unglücksstelle fährt. Dort verbringe ich den Jahrestag. Davon träume ich seit 15 Jahren. An Bord des Schiffes werde ich Vorträge zur Titanic halten und den Touristen für Fragen zur Verfügung stehen. Es wird einen Gedenkgottesdienst geben. Ich werde mich aber auch zurückziehen – es ist ein magischer Ort.

Seit der Gründung vor 20 Jahren gibt Ihr Verein viermal pro Jahr das Heft «Titanic Post» heraus. Wie schaffen Sie es, dieses immer noch zu füllen?

(Lacht.) Es gibt Ausgaben, da ist es wirklich schwierig. Wir berichten über Expeditionen zur Titanic, Ausstellungen und kleinere Informationen, die wichtige Bausteine in der Aufarbeitung der Geschichte der «Unsinkbaren» sind. Wir versuchen Teilfragen zu klären, schreiben aber auch über aktuelle Ereignisse, wie etwa das Unglück der Costa Concordia.

Mit ganzem Einsatz für die Titanic

Der Titanic-Verein Schweiz erarbeitete Dokumente, um die Geschehnisse des Schiff-Untergangs für die Nachwelt festzuhalten. Unter anderem erstellte er eine detaillierte Zeittafel mit den wichtigsten Eckpunkten des Unglücks.

Mitglieder des Vereins haben ausserdem bereits diverse Publikationen veröffentlich. Ganz neu auf dem Markt ist «Die Titanic» – ein SJW-Heft, verfasst vom Präsidenten Günter Bäbler. Es beschreibt die neuesten Erkenntnisse und erzählt die Geschichte von der Entwicklung der Titanic bis zu den Bakterien, welche sie nun zerfressen.

Die Zahl der Passagiere an Bord der Titanic war lange Zeit umstritten. Mittlerweile gilt die erarbeitete Zahl des Titanic-Vereins Schweiz als Richtwert – auch in den USA. Ausserdem wurde der Verein damit betraut, das deutsche Drehbuch für den Titanic-Film von 1998 zu überprüfen.

1998 löste der Titanic-Film von James Cameron einen Titanic-Boom aus. Wie erlebten Sie und ihr Verein diese Zeit?

Nach der Ausstrahlung des Films zählte unser Verein 500 Mitglieder. Mittlerweile ist die Zahl wieder auf 200 gesunken. Der Film war für uns Fluch und Segen zugleich. Segen, weil die Titanic dadurch in aller Munde war. Man sprach am Stammtisch darüber – so kamen wir an Kontaktpersonen und Informationen. Das wäre sonst wohl kaum möglich gewesen. Fluch war der Film deshalb, weil viele Menschen nur der Geschichte des Films glaubten.

In Belfast (Irland) wurde letztes Wochenende das Titanic-Zentrum eingeweiht. 100‘000 Fans besorgten sich bereits im Vorverkauf ein Eintrittsticket. Was denken Sie darüber?

Ich bezweifle diese Zahl verkaufter Tickets. Da waren bestimmt viele Schulklassen dabei, denen günstige Tickets verkauft wurden. Belfast will sich mit diesem Zentrum zur Touristenattraktion mausern. Ich persönlich glaube nicht an den Standort. Zumal das Zentrum eine dünne Sache ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein ausgestelltes Titanic-Modell wurde absichtlich nicht zu detailliert gestaltet, damit der Zuschauer nicht zulange davor stehen bleibt. Das ist doch Schwachsinn, oder?

Der Veranstalter der Titanic-Tauchgänge hat angekündigt, in diesem Sommer damit aufhören zu wollen, um die Titanic ruhen zu lassen. Glauben Sie das wirklich?

Ja, das glaube ich. Der Veranstalter hat die Schiffe nicht voll gebracht – zu teuer sind die Tauchgänge. Der Markt ist deshalb irgendwann gesättigt. Mich persönlich stört es nicht, wenn Taucher das Wrack besuchen – sie tun niemandem weh.

Sie sprechen es an. Das Interesse an der Titanic scheint immer geringer zu werden. Ist der 100. Jahrestag quasi ein allerletztes Aufbäumen?

Ja, ich nenne es den Schwanengesang der Titanic. Irgendwann wird die Titanic nur noch historisch wahrgenommen und keine gelebte Geschichte mehr sein. Für uns heisst das: Egal, was wir in den nächsten Jahren noch herausfinden – es interessiert niemanden mehr.

Was bedeutet das für Ihren Verein?

Ich werde mich diesen Sommer vom Präsidium zurückziehen. Ich möchte anschliessend wieder mehr inhaltlich und weniger administrativ arbeiten. Je nachdem, wie die Nachfolge geregelt wird, kann es sein, dass wir unsere «Titanic Post» einstellen müssen und mit unseren Publikationen ganz ins Internet wechseln. Ich werde aber weiterforschen und meine Erkenntnisse für die Nachwelt bereitstellen. Um aufzuhören, hat mich die Titanic einfach zu sehr gefesselt.

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