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Kultur

Kritik an Grass: Mit «Nazi-Vokabular» vor Israels Weltkrieg gewarnt

Freitag, 6. April 2012, 17:14 Uhr

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat sein kritisiertes Israel-Gedicht verteidigt, und davor gewarnt, dass Israel einen dritten Weltkrieg auslösen könne. Dem Staat Israel wünsche er aber weiterhin «Bestand». Kritiker sprechen von «Nazi-Vokabular».

Er habe dazu aufrufen wollen, dass sowohl Israel als auch Iran ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle unterwerfen sollten, sagte der 84jährige Grass. Sollte Israel Irans Atomanlagen angreifen, könnte das zum Dritten Weltkrieg führen, warnte Grass.

Bild Grass.
Grass spricht von Hass gegen sich. keystone

«Wunsch nach Israels Bestand»

«Der Tenor durchgehend ist, sich bloss nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt», sagte Grass in einem NDR-Interview. «Widerrufen werde ich auf keinen Fall», ergänzte er im Interview des TV-Magazins «Kulturzeit» (3sat) und fügte hinzu: «Eine derart massive Verurteilung bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus ist von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen.»

Im Gespräch verwies der Schriftsteller auf die explosive Lage im Nahen Osten, die sich bei einem Präventivschlag Israels zu einem Flächenbrand ausweiten könne. Präventivschläge seien nicht vertretbar. Bei Iran sei bisher keine Atombombe oder ein weitreichendes Raketenträgersystem nachgewiesen worden.

Als Fehler bezeichnete es der Autor, dass in seinem Gedicht von Israel und nicht konkret von Israels Regierung die Rede sei. Er hege grosse Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe.

Lob aus dem Iran für Grass

Die als Nazi-Jägerin bekannt gewordene Beate Klarsfeld zitierte in einer Mitteilung aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen «das internationale Finanzjudentum» gehalten habe. Sie fuhr fort, wenn man den Ausdruck «das internationale Finanzjudentum» durch «Israel» ersetze, «dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören».

«Wenn Grass sich mit seiner magischen Brille im Spiegel anblickt, sieht er heute den Literaturnobelpreisträger oder einen alten Waffen-SS?», schrieb Klarsfeld, die bei der Bundespräsidentenwahl im März für die Linke gegen Joachim Gauck angetreten war. Der amerikanische Autor und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel erklärte in der israelischen Zeitung «Jediot Achronot»: «Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?»

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte mit scharfen Worten. «Die schändliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und damit droht, Israel zu vernichten, sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus», hiess es in einer Mitteilung seines Büros. Im Iran gab es keine offiziellen Äusserungen. Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA lobte Grass wegen «eines Tabubruchs in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes (Anm.: Israel) ohne Wenn und Aber unterstützt werden».

Von der Waffen-SS zum Israel-Gedicht

Der israelische Historiker Tom Segev sagte, Grass sei in der Frage, mit der er sich in dem Gedicht beschäftige, ganz offenbar inkompetent. Er wisse absolut nichts über den Konflikt mit dem Iran. Der israelische Schriftsteller Eli Amir warf Grass im Nachrichtenmagazin «Focus» vor, Hass zu säen.

Der Vorstandsvorsitzende des Medienhauses Axel Springer, Mathias Döpfner, schrieb in der «Bild»-Zeitung, Grass verbreite im raunenden Ton des Moralisten politisch korrekten Antisemitismus. Er versuche die Schuld der Deutschen am Holocaust zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern mache. Der Mitherausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Frank Schirrmacher, nannte das Gedicht ein «Machwerk des Ressentiments» und ein «Dokument der Rache». Im Gegenzug warf Grass einem Teil der deutschen Presse, insbesondere dem Springer-Konzern, Hass und ein gleichgeschaltetes Verhalten vor.

In internationalen Medien wurde Grass ebenfalls meist scharf angegriffen - vor allem wegen seiner Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS. Die niederländische Zeitung «de Volkskrant» fragte: «Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Ist er eine geeignete Person, solcherart Gedichte zu schreiben?»

Günter Grass: «Was gesagt werden muss»

Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fussnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber ausser Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er missachtet wird; das Verdikt «Antisemitismus» ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmässig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muss, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.»

(dpa/fasc)