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Schweiz

Ruth Dreifuss zum Bergier-Bericht: «So ein Kapitel schliesst man nicht»

Interview: Alexandra Gubser, Bearbeitung: Carla Schubert
Sonntag, 25. März 2012, 18:00 Uhr

«Der Bericht kam zur richtigen Zeit und ja, er war schmerzhaft.» Das Mammut-Projekt habe sich aber auf alle Fälle gelohnt, ist alt Bundesrätin Ruth Dreifuss überzeugt. Im Interview der «Tagesschau» blickt sie zurück auf die Zeit vor 10 Jahren, als der Bergier-Bericht veröffentlicht wurde.

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Ruth Dreifuss: «Einige wollten die Geschichte nicht in ihrer Komplexität wahrnehmen.»

Ruth Dreifuss, Bundesrätin 1993 - 2002

Ruth Dreifuss war von 1994 bis 2002 Vorsteherin des eidgenössischen Departements des Innern.

Jean-François Bergier, den Präsidenten der Kommission, habe der damalige Bundesrat wegen seiner Integrität gewählt. Er habe aus Patriotismus zugesagt, aus Liebe zur Schweiz.

Dass der Historiker Bergier während den Untersuchungen Schattenseiten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg entdeckte habe, habe auch ihn geschmerzt. Seine Haltung aber sei gewesen: «Wir schauen die Geschichte an. Wir versuchen sie in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Und es tut vielleicht weh. Aber danach ist es viel besser, denn dann kennen wir die Schweiz mit ihren Stärken und Schwächen.»

«Tagesschau»: Hat sich das Projekt Bergier-Bericht rückblickend gelohnt?

Ruth Dreifuss: «Das effektive Mammut-Projekt hat sich auf alle Fälle gelohnt. Es kam im richtigen Moment. Viele Zeitzeugen waren damals am Aussterben. Und es waren auch die richtigen Leute, die den Bericht erarbeitet hatten.»

«Es war teilweise eine schmerzliche Sache. Wir lebten mit einem Bild des Zweiten Weltkriegs, das ein wenig idealisiert wurde. Es wurde nur eine Seite dargestellt. Mit dem Bergier-Bericht sind natürlich auch andere Elemente zum Ausdruck gekommen. Hauptsächlich die wirtschaftliche Rolle der Schweiz wurde durchleutet und auch die Art und Weise wie wir wirtschaftlich mit den Flüchtlingen umgegangen sind. Aber auch die Rolle der Schweiz im Kunsthandel mit Nazideutschland war ein Aspekt. Die Geschichte brauchte dieses neue Licht.»

Hat dies zu einer neuen Selbstwahrnehmung der Schweiz geführt?

«Ja. Viele Menschen richteten ihren Blick zuvor auf die guten Seiten der Geschichte. Beispielsweise auf den Widerstandswillen der Bevölkerung oder den Einsatz der Frauen, die die Wirtschaft während diesen Jahren aufrecht erhielten. Für viele Menschen hat der Bericht dazu geführt, dass wir die komplexe Geschichte in einer komplexen Welt, in einer Zeit, die grausam war, akzeptieren können.»

«Man lernt nicht leicht und wenn man es tut, schmerzt es oft.»
Ruth Dreifuss, alt Bundesrätin

«Es ab auch Menschen in der Schweiz, die sich durch den Bericht beleidigt gefühlt hatten und es sind immer noch Menschen da, die glauben, dass der Bericht der Schweiz nicht gerecht geworden ist.»

Dem Verfasser des Berichts stärkt die ehemalige EDI-Chefin nochmals den Rücken und erklärt: «Jean-François Bergier war ein Patroit und hat aus Liebe zur Schweiz diese Dienstleistung erbringen wollen. Und dabei entdeckte er Schattenseiten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Dies schmerzte ihn. Und deswegen hatte er auch Verständnis für Menschen, die das Resultat des Berichts auch mit Schmerz entgegen genommen hatten.»

«Kein Verständnis hatte Bergier dafür, dass man ihn als Mensch, der die Schweiz nicht liebt, als Mensch, der die Schweiz sogar fast in einen Verrat gebracht hat, angesehen hat. Darunter hat er wirklich sehr gelitten.»

Die Schweiz kam in der 1990er-Jahren international massiv unter Druck wegen den nachrichtenlosen Vermögen. Wie haben Sie die Stimmung damals wahrgenommen?

«Es war, wie so oft in unserer Geschichte, zuerst einmal zögerlich. Wir machen einen runden Rücken und warten bis es vorbei geht. Und plötzlich ist man mit einem grösseren Problem konfrontiert und auch mit einem grösseren Druck von aussen. Und diesen Druck hat es auch damals gegeben. Es brauchte Zeit, um anzuerkennen, dass beispielsweise die Schweizer Banken noch gegenüber Opfern des Nationalsozialismus in der Schuld standen.»

Der Bericht löste bei dessen Veröffentlichung eine Kontroverse aus. Danach verschwanden die Ergebnisse aber aus der öffentlichen Diskussion. Warum ging es nicht weiter?

«Ja, es gab die Versuchung, dass der Bericht irgendwo in einer Bibliothek verstaut wird. Politisch war das Bedürfnis vorhanden, das Kapitel mehr oder weniger abzuschliessen. Aber so ein Kapitel schliesst man nicht ab. Man muss es wahrnehmen und weitersuchen. Eine Geschichte ist nie endgültig geschrieben. Die Gegenwart mischt sich immer in die Geschichtsschreibung ein. In diesem Sinne bin ich davon überzeugt, dass dieser Teil der Geschichte noch mehrmals thematisiert wird.»

Hat die Schweiz ihre Lehren aus den Ereignissen dieser Zeit gezogen?

«Ich bin ziemlich pessimistisch. Ich glaube man lehrt nicht sehr viel aus der Geschichte. Beispielsweise das Kapitel der Flüchtlinge, das bereits in den 1950er-Jahren studiert worden war: Darauf folgte eine wirklich offene Flüchtlingspolitik der Schweiz, die die Ergebnisse der schwarzen Jahre integrieren wollte. Und seitdem ist das Gesetz bei jeder Revision wieder geschwächt worden. Und so wurde die humanitäre Schweiz jedes Mal etwas weniger humanitär.»