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International

Serienkiller ist mit Minikamera unterwegs

Dienstag, 20. März 2012, 10:33 Uhr, Aktualisiert 20:57 Uhr

Laut Augenzeugen hat der Täter bei den Anschlägen auf die jüdische Schule in Frankreich eine kleine Kamera um den Hals getragen. SF-Korrespondent Michael Gerber in Toulouse nimmt Stellung zur neusten Entwicklung.

Bild Leute legen Blumen vor der jüschischen Schule in Toulouse nieder.
Es herrscht Trauer und Bestürzung in Frankreich. Die Leute legen Blumen vor der jüdschischen Schule in Toulouse nieder. reuters

Der Täter soll eine kleine Kamera um den Hals getragen haben, während er in der Schule mordete. «Der Schluss liegt nahe, dass er die Taten gefilmt hat», sagt Michael Gerber, SF-Korrespondent in Frankreich. Für Gerber ein Hinweis darauf, dass der Täter geistesgestört sein könnte. «Er will eventuell mit seiner Tat prahlen oder sich nochmals per Videobild an den Tötungen ergötzen».

Doch über Motive und Identität des Täters tappt die Regierung einen Tag nach der Tat nach wie vor völlig im Dunkeln. «Wir wissen bis heute nicht, wer er ist; soweit sind wir noch nicht», sagte Innenminister Claude Guéant.

Die Polizei kann aber aufgrund Befragungen bereits ausschliessen, dass es sich beim Täter um einen der drei Soldaten handelt, die 2008 aus dem Militär entlassen wurden. Die Soldaten hatten Fotos gemacht, auf denen sie vor einer Nazi-Flagge mit Hitlergruss salutierten.

Grossaufgebot an Sicherheitskräften

Derweil fahnden die Sicherheitskräfte intensiv nach dem Attentäter. Der Mann wird zusätzlich verdächtigt in der vergangenen Woche drei Soldaten getötet und einen schwer verletzt zu haben. Drei der Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer. Die Schüsse kamen in allen Fällen aus derselben Waffe. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller geflüchtet war.

Die Ermittlungen konzentrieren sich auf ein islamistisches oder rechtsextremistisches Motiv, hiess es von den Ermittlern. Jedoch würden auch andere Möglichkeiten in Betracht gezogen.

Schweigeminute für die Opfer

Das unter Schock stehende Land trauert um die vier Opfer von Toulouse. Heute wurde ihnen bei einer Schweigeminute um 11 Uhr in allen Schulen gedacht.

Zum Gedenken an die Opfer ist in allen Schulen Frankreichs eine Schweigeminute abgehalten worden. (Tagesschau, 20.03.2012, 12.45)

Mehr als 1000 Menschen kamen an Montagabend zu einer Feier in eine Pariser Synagoge. Unter den Teilnehmern waren Staatspräsident Nicolas Sarkozy, sein sozialistischer Herausforderer bei den Präsidentenwahlen, François Hollande, sowie mehrere Minister.

Wegen des Anschlags unterbrachen die Parteien vorübergehend den Präsidentschaftswahlkampf. Sarkozy reiste noch am Vormittag nach Toulouse. Auch Hollande sagte alle Parteitermine ab und informierte sich am Nachmittag am Tatort.

Sarkozy löst höchste Terror-Alarmstufe aus

Sarkozy sprach von einer nationalen Tragödie. Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts im Élysée am Abend verhängte er die höchste Terror-Alarmstufe für die Region. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden nun besonders gesichert.

SF-Korrespondent Michael Gerber «Erste Priorität ist nun, den Täter zu finden.» (Tagesschau, 20.03.2012, 19.30)

«Jedes Mal wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er, um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance», betonte Sarkozy. Ein antisemitisches Motiv sei wahrscheinlich, der Mann sei gefährlich und müsse schnellstens gefasst werden. «Diese schreckliche Tat kann nicht ungesühnt bleiben. Alle, wirklich alle verfügbaren Mittel werden eingesetzt, um diesen Kriminellen daran zu hindern, weiter Schaden anzurichten.»

Sarkozy warnte

Die Anschläge bringen das Thema Innere Sicherheit im laufenden Präsidentenwahlkampf nach oben auf die Tagesordnung. Sarkozy hatte zuletzt rechtspopulistische Töne angeschlagen und vor zu vielen Ausländern im Land gewarnt.

Ob Sarkozy aus den Anschlägen Kapital schlagen kann, hängt laut SF-Korrespondent Gerber davon ab, wie gut der Präsident die Krise managt. «Aber im Moment redet hier niemand von den Auswirkungen auf den Wahlkampf – das Land ist voll mit den Terroranschlägen beschäftigt. Die Leute trauern und sind verängstigt», sagt Gerber.

Einer der schlimmsten Anschläge in Frankreich

Vor Beginn des Unterrichts hatte der Täter am Montagmorgen vor der Ozar-Hatorah-Schule auf einen 30jähriger Religionslehrer und seine beiden Kinder im Alter von drei und sechs Jahren geschossen, wie Staatsanwalt Michel Valet mitteilte. Das dritte Opfer war zehn Jahre alt. Ein 17-Jähriger wurde schwer verletzt.

Die Tat gilt als einer der mörderischsten Anschläge auf eine jüdische Einrichtung seit drei Jahrzehnten, als ein Überfallkommando im jüdischen Viertel in Paris in der Rue des Rosiers in einem Restaurant sechs Menschen tötete.

Vertreter jüdischer Organisationen betroffen

Vertreter jüdischer Gemeinden und der jüdische Weltkongress äusserten sich schockiert. Das israelische Aussenministerium sprach von Entsetzen über die Nachrichten. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Aussenminister Guido Westerwelle verurteilten den Anschlag.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel übermittelte Sarkozy ihr Mitgefühl nach dem Anschlag von Toulouse und den Soldatenmorden. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Tat scharf und sprach den Familien der Opfer und der jüdische Gemeinschaft sein tiefes Beileid aus.

(dpa/galc)