Schweiz
Antibiotika: Neue Gefahren aus der Landwirtschaft
Experten schlagen Alarm: Immer mehr Bakterien, die von Nutztieren in der Landwirtschaft stammen, sind gegen fast alle Antibiotika resistent. Eine «Rundschau»-Serie berichtet über die gefährliche Entwicklung.
Antibiotika sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Neu im Fokus stehen Bakterien, die gegen fast alle Medikamente resistent sind und die aus der Tierhaltung stammen. Ärzte sind äusserst besorgt: Was geschieht, wenn Antibiotika gegen viele Keime nicht mehr wirken?
Antibiotika kommen nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweizer Landwirtschaft in grossen Mengen legal zum Einsatz: Von etwa 66 Tonnen Antibiotika, die in der Schweiz jährlich insgesamt bei Mensch und Tier zum Einsatz kommen, fallen rund 58 Tonnen (87 Prozent) auf die Landwirtschaft – zumeist als Zusatz im Futter, das den Tieren zur Vorbeugung gegen Krankheiten verabreicht wird. So saugen etwa Kälber in der Sammelmast durchschnittlich während 34 Tagen ihres 100tägigen Lebens Antibiotika-Milch. Andernfalls würden sie häufig krank – die wirtschaftlichen Verluste wären ohne dieses Medizinalfutter enorm.
«Es ist ein Damoklesschwert»
«Wo Antibiotika eingesetzt werden, treten bei den Bakterien schnell Resistenzen zutage», sagt Andreas Widmer vom Kantonsspital Basel, einer der profiliertesten Ärzte auf dem Gebiet resistenter Keime. Und solche resistenten Keime aus der Landwirtschaft drängen in die Welt des Menschen und werden zum Problem. «Früher war das ein Spitalproblem. Das haben wir aber gerade in der Schweiz weitgehend unter Kontrolle gebracht. Heute ist die häufigste Möglichkeit über die Nahrungskette. Und die ist aus Sicht des Spitals nicht kontrollierbar.»
Immer häufiger müssen Patienten in den Spitälern auf Isolierstationen behandelt werden, weil sie Träger resistenter Keime sind. Im Universitätsspital Basel hat sich die Zahl der Isoliertage in den letzten Jahren von 200 auf 2000 verzehnfacht.
Immer mehr multiresistente Keime
Seit 2006 wird in der Schweiz die Resistenz-Situation der Bakterien aus der Tierproduktion durch das Institut ZOBA an der Universität Bern im Auftrag des Bundes überwacht. Die beunruhigenden Resultate: Immer mehr multiresistente Keime werden gefunden – bei Hühnern, Kälbern und Schweinen. Vieles ist noch unklar, wie sich die Keime ausbreiten und wie sie auf den Menschen gelangen können. Dass sie das immer wieder schaffen ist inzwischen mehrfach belegt. Und in einem grundsätzlichen Punkt sind sich deshalb alle Experten einig: Es werden viel zu viele Antibiotika eingesetzt – nicht nur in der Humanmedizin, sondern vor allem auch in der landwirtschaftlichen Produktion.
Roger Stephan, Leiter des Instituts für Lebensmittelsicherheit, VETSUISSE, Universität Zürich, fasst es so zusammen: «Antibiotika-Einsatz beziehungsweise die Resistenzproblematik, die unter anderem mit dem Einsatz von Antibiotika in der Human- wie auch in der Veterinärmedizin zustande kommt, ist sicher etwas, was man sehr ernst nehmen muss. Es ist eine Art Damoklesschwert, das in der Schweiz, aber auch weltweit über uns hängt, und das dazu führen kann, dass Antibiotika nicht mehr richtig eingesetzt werden können.»
«Ohne Aktionen können wir bald nichts mehr machen»
Andreas Widmer vom Universitätsspital Basel, der viele Patienten mit multiresistenten Keimen behandelt, mahnt denn auch eindringlich: «Wenn jemand etwas machen kann, sind das unsere Behörden. Und da erwarte ich tatsächlich, dass wir Aktionen starten, weil wir es sonst in den Spitälern ausbaden und wir haben gar nichts mehr, das wir machen können.»
Im Klartext heisst das, dass eine einfache Lungenentzündung oder etwa die Behandlung von Infektionen bei Müttern nach der Geburt, das sogenannte Kindbettfieber, die heute durch Antibiotika meist sicher und problemlos geheilt werden, durch resistente Keime plötzlich eine tödliche Gefahr darstellen – wie in der Zeit vor über 80 Jahren vor der Entdeckung des Penicillins.
Eine Serie der Rundschau leuchtet die beunruhigende Situation der resistenten Keime aus der Landwirtschaft aus, fragt wer dafür verantwortlich ist, wer davon profitiert und wie sich die Behörden verhalten. Schliesslich zeigt die Rundschau auf, welche Alternativen zur heutigen Praxis möglich wären und wie gross die Bereitschaft ist, tatsächlich etwas zu unternehmen.







