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International

Neuer Kandidat – altes Problem: Netzjagd auf Gauck

Uwe Mai
Dienstag, 21. Februar 2012, 16:23 Uhr

Es sollte ein Befreiungsschlag werden. Doch die Euphorie über den künftigen Bundespräsidenten hält sich beim deutschen Volk in Grenzen. Noch schlechter kommt Joachim Gauck in den sozialen Netzen weg. Zu Recht oder zu Unrecht? – darüber diskutieren deutsche Medien heftig.

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Jetzt, wo feststeht, dass Joachim Gauck ab März das neue deutsche Staatsoberhaupt werden soll, beschäftigt sich das Land erstmals genauer damit, wer denn dieser Mann eigentlich ist. Dabei kommen Politiker, Medien und Bürger zu teilweise überraschenden An- und Einsichten.

Die Twitter- und Facebook-Gemeinde macht dabei keine Ausnahme. Bis zum Freitag hatten die Jünger der digitalen Welt vor lauter Wulff-Bashing vergessen zu fragen, was sich denn eigentlich hinter der Alternative Gauck verbirgt. Doch seit dem Wochenende zeigt die deutsche Netzgemeinde einmal mehr die Krallen.

Zwielichtige Gauck-Zitate im Netz

Unter den Hashtags (Schlagworten) «notmypresident» und «nogauck» wird gegen den zukünftigen Bundespräsidenten via Twitter mobil gemacht – Abstimmungen im Internet per virtuellem Flashmob gestürmt. Dabei wird alles aus dem Netz gegraben, was sich auch nur ansatzweise gegen Gauck verwenden lässt.

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Am Montagabend entfernte der TV-Sender MDR seine Online-Umfrage von der Homepage. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gauck-Gegner aus dem Netz die Umfrage manipulierten, lag nah. mdr

Vier Dinge sind es, die Gauck insbesondere vorgeworfen werden: Er soll Thilo Sarrazin im Zusammenhang mit dessen umstrittenen Buch «Deutschland schafft sich ab» Mut attestiert haben, Hartz-IV-Empfänger und deren Montagsdemos («kindisch») verunglimpft haben, die Vorratsdatenspeicherung befürworten, sich abfällig über die Occupy-Bewegung («unsäglich albern») geäussert haben.

Das Gauck zudem einem Linken per Interview empfiehlt: «Schreibe lieber Lieder oder male Bilder. Aber lass mich in Ruhe mit deiner politischen Erlösungsphantasie», Verständnis für Vertriebene und deren Ablehnung der Deutsch-Polnischen-Grenze zeigt und den «Papst» als Instanz bewundert, macht für viele User die Sache nicht besser.

Vom Liebling zum Hassobjekt

Mittlerweile geht deshalb ein Rauschen durch den deutschen Blätterwald – inklusive der Online-Medien. Wer die Schlagworte Gauck, Netz und Kritik bei «googlenews» eingibt, findet Verweise auf mehr als 150 Artikel.

Grundtenor ist in den etablierten Medien allerdings nicht, die kritische Auseinandersetzung mit dem Kandidaten, sondern die Frage, ob sich in der – wie im Netz oft üblich – stark verkürzten Form, überhaupt politische Debatten und Diskussionen führen lassen. Gekürzte und nicht eingebundene Zitate würden oft den Kontext nicht herstellen und stattdessen irreführend verwendet, lautet einer der meistgenannten Vorwürfe.

Selbst der deutsche Vorzeige-Blogger Sascha Lobo meldete sich zu Wort und kritisierte die Kritiker. Sie hätten binnen kürzester Zeit Â«aus dem Liebling ein Hassobjekt gemacht, basierend auf grossteils verzerrten Zitaten». Das Politikmagazin «Cicero» geht auf seiner Homepage «Cicero-Online» noch einen Schritt weiter und titelt: «Wie das Netz den bösen Gauck erfand».

«Böser Gauck» keine Erfindung des Netzes

Seitdem die Kritik laut wurde, ist die Internet-Gemeinde gespalten. Während die einen zurückruderen, untermauern andere ihre Positionen und zitieren nicht nur, sondern belegen, verlinken und erklären. Einer von ihnen ist der Hamburger Professor Anatol Stefanowitsch.

Der Sprachwissenschaftler kommt in seinem Blogg-Beitrag «Der böse Gauck und das Netz» zu dem Schluss: «Das Netz hat keineswegs einen „bösen Gauck“ erfunden. Es hat eher potenzielle Schattenseiten des sonst so gern als Lichtgestalt dargestellten Gauck aufgedeckt».

«Der Mensch lebt und macht Fehler»

Egal auf welchen Seite der Betrachter sich am Ende schlägt, die Netz-Debatte um Joachim Gauck macht einmal mehr klar: Selbst Jahre oder Jahrzehnte zurückliegende Äusserungen oder Verfehlungen – und seien sie noch so klein – können gefunden, diskutiert und gegen politische Kontrahenten verwendet werden.

Dieses Phänomen könnte zu einem grundlegenden Wandel der Parteienlandschaft und der Politik und der sie vertretenden Persönlichkeiten führen – und das weltweit.

Denn eins ist klar: Der Mensch lebt und macht Fehler. Und deshalb wird sich in Zukunft nicht nur in Deutschland die Frage stellen: Wer möchte sich eigentlich in Zukunft noch ein politisches Amt antun?

Kommentare aktiv...

V. Eberhard
(veberhard Frau)
Verfasst am: 22.2.2012 9:29

Herr Gauck

ist scheinbar trotz seines Alters der richtige... [1]  mehr

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D. Papadopulos, Boulogne
(Frei_Denkend Mann)
Verfasst am: 21.2.2012 22:53

Alle Achtung vor Herrn Gauck

Herr Gauck ist offenbar einer der wenigen... mehr

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G. bossert, Safenwil
(fama Frau)
Verfasst am: 21.2.2012 20:33

Erst Euphorie, jetzt starke Kritik! Umgekehrt wäre klüger

Herr Gauck ist nicht links, wird er auch nie, er... [1]  mehr

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