Inhalt

International

Barack Obama, der «Beschützer der Mittelschicht»

Donnerstag, 9. Februar 2012, 22:29 Uhr

An einen Zufall glauben wohl nur wenige. In Washington versammelte sich am Donnerstag die Prominenz der republikanischen Partei. Just zur selben Zeit verkündete die US-Regierung ihren spektakulären Immobilien-Milliardenvergleich mit den Banken.

Bild

Mehr zum Thema

Artikel bewerten

  • Durchschnittliche Bewertung: 1
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Artikel teilen

Bedrängte Hausbesitzer erhalten Hilfen, Kreditinstitute, die weitgehend für die Immobilienblase und den folgenden Zusammenbruch des Häusermarktes verantwortlich gemacht werden, eine Strafe: Das klingt gut in Wahlkampfzeiten - egal, ob sich die Massnahmen am Ende vielleicht nur als Tropfen auf den heissen Stein erweisen.

So sparte Justizminister Eric Holder denn auch nicht mit Superlativen, als er den Deal bekanntgab: Historisch nannte er ihn, überaus bedeutend und bisher einmalig. Fernsehsender, die noch am Morgen das Publikum ausführlich auf das republikanische Spektakel in Washington eingestimmt hatten, schalteten auf Holders Pressekonferenz um.

Gegen die «Beschützer der Reichen»

Schon seit Monaten ist das Leitmotiv klar, mit dem Obama für seine Wiederwahl am 6. November kämpft: Er präsentiert sich als ein Advokat der Mittelschicht und brandmarkt seine konservativen Herausforderer als Beschützer der Reichen. Verbunden hat er das mit zunehmend scharfen Tönen gegen die Banken. Mit dem jetzt verkündeten Vergleich spielt Obama weiter auf dieser Klaviatur.

Die Vereinbarung sei der «Anfang vom Ende einer Ära der Fahrlässigkeit, die so viel Schäden hinterlassen hat», pries der Präsident den Deal und geisselte er die Banken. Amerikas grösste Kreditgeber müssten Wiedergutmachung für begangenes Unrecht leisten.

Aber: «Keine Kompensation reicht aus, eine Familie zu entschädigen, der zu Unrecht ein Stück des amerikanischen Traums genommen wurde.» Mit dem Vergleich würden die Kreditinstitute für ihre «missbräuchlichen Praktiken» zur Rechenschaft gezogen, Banken seien jetzt gezwungen, gründlich «bei sich selbst aufzuräumen», stiessen Holder und Wohnungsbauminister Shaun Donovan ins selbe Horn.

Gutes Timing für Obama

Geht Obamas Rechnung auf? Gestiegene Umfragewerte in den vergangenen Wochen deuten darauf hin, dass der Demokrat mit seiner Strategie bei einem grossen Teil der Bevölkerung gut ankommt. Noch stärker fällt natürlich ins Gewicht, dass es gleich an mehreren Fronten Zeichen für einen wirtschaftlichen Aufwärtstrend gibt – allem voran Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt. Experten sind sich seit langem weitgehend darin einig: Setzt sich der Trend fort, hat Obamas Herausforderer - wer immer es auch sein wird - im November einen schweren Stand.

Einigkeit besteht aber auch in diesem Punkt: Es ist nach wie vor hauptsächlich der zerrüttete Häusermarkt, der das Wirtschaftswachstum hemmt. Milliarden an Steuergeldern zur Stützung, die etwa an die staatlichen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae gingen, änderten wenig an der Misere der Millionen Amerikaner, denen das Wasser bis zum Hals steht.

Analysten wühlten sich am Donnerstag noch durch die teils komplizierten Regeln und Bestimmungen des Vergleichs, der nach Schätzungen der «New York Times» knapp einer Million Hausbesitzer in irgendeiner Form Erleichterungen bringen wird. Das ist ein relativ kleiner Teil der betroffenen Bürger, «aber auf jeden Fall eine gute Hilfe», wie es etwa der demokratische Kongressabgeordnete Peter Welch eher vorsichtig formulierte. Wichtig, ja, aber «kein Schritt, der das Leben der Kreditkunden verändert», meint Gus Altuzarra von der Vertical Capital Market Group, die Kredite von Banken aufkauft.

Viel hänge davon ab, wie das Programm umgesetzt werde, nachdem frühere Hilfsmassnahmen für bedrängte Hausbesitzer weitaus weniger Wirkungen gezeigt hätten als erwartet, urteilt die «New York Times».

Heiss umkämpftes Florida

Aber bis man weiss, ob der Vergleich ein grösserer Wurf ist oder nicht, hat Amerika vermutlich bereits gewählt – und Obama könnte davon profitiert haben, dass er die Banken zum Wohl des «kleinen Bürgers» an die Kandare genommen hat.

Schon jetzt ist es ihm zumindest gelungen, den Republikanern zum Auftakt ihrer Konferenz die Show zu stehlen. Und besonders wichtig: Es gelang der Regierung, Florida zum Mitmachen beim Vergleich zu gewinnen. Hier ist der Häusermarkt besonders am Boden – und hier könnte sich entscheiden, wie der nächste Präsident heisst.

(Gabriele Chwallek, dpa)

Kommentare aktiv...
Dieser Artikel wurde archiviert. Die Kommentarmöglichkeit wurde deshalb deaktiviert. Vielen Dank für Ihr Interesse.