Krise im Euro-Land
Venizelos: «Stunde der Wahrheit» in Griechenland
Seit Wochen wird in Griechenland versucht, offene Fragen wie etwa die nach dem Umfang eines Schuldenschnitts zu beantworten. Der Verhandlungs-Marathon mit der Troika geht nun in die nächste Runde. Finanzministers Evangelos Venizelos will bis zum späten Sonntagabend eine Einigung erzielt haben.
In Athen sind die seit Wochen andauernden Gespräche über einen Schuldenschnitt und weitere Milliardenhilfen der internationalen Kreditgeber in eine neue Runde gegangen. Finanzministers Evangelos Venizelos verhandelte bis in die frühen Morgenstunden mit Experten der sogenannten Troika aus Vertretern der EU, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB).
Auch wenn man sich bei einigen Themen geeinigt hat, so bleiben doch noch viele Fragen offen, erklärte Venizelos. Die Fortschritte Griechenlands bei den Reformbemühungen sind eine Voraussetzung für das geplante zweite Rettungspaket im Volumen von mindestens 130 Milliarden Euro. Eine Einigung in allen Fragen müsse bis Sonntagabend erreicht werden, so Venizelos weiter und sprach gar von der «Stunde der Wahrheit».
«Der Prozess muss morgen Abend abgeschlossen sein – alle Themen, alle Zusagen», sagte Venizelos. «Wir sind an einem Punkt, an dem wir Entscheidungen treffen und uns dazu verpflichten müssen», erklärte er.
Tiefere Löhne und Entlassungen
Der griechische Ministerpräsident Lucas Papademos wollte sich derweil mit Vertretern der Parteien, die seine Regierung unterstützen, treffen, um weitere Sparmassnahmen zu diskutieren. Diese sollen vor allem den privaten Sektor betreffen und nach Schätzungen der Gewerkschaften bis zu 25 Prozent weniger Lohn mit sich bringen. Zudem sollen bis 2015 etwa 150'000 Staatsbedienstete entlassen werden.
Auch Finanzminister Evangelos traf sich mit seinen Ministerkollegen aus den Ressorts Gesundheit, Arbeit, Verteidigung, Inneres und öffentlicher Dienst, um über die geforderten Gehaltskürzungen im Privatsektor und einen schnelleren Personalabbau einschliesslich Kündigungen im öffentlichen Dienst zu beraten.
Freiwilliger Schuldenschnitt unabdingbar
Der Geschäftsführer des Internationalen Bankenverbandes IIF, Charles Dallara, und möglicherweise auch dessen Vorsitzender, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, sollten sich unterdessen mit Papademos in Athen treffen – Thema des Gesprächs: der Schuldenschnitt. Eine Einigung auf einen freiwilligen Schuldenschnitt mit den privaten Gläubigern, darunter Banken und Hedge Fonds, ist nämlich eine weitere Voraussetzung für erneute Hilfen der Troika.
Parallel war eine Debatte über eine mögliche Beteiligung der EZB entfacht, die Schätzungen zufolge der grösste Gläubiger Athens ist. Nach einem Bericht der griechische Zeitung «Ta Nea» könnte das Volumen des Schuldenschnitts mit EZB-Beteiligung von 100 auf 170 Milliarden Euro ausgeweitet werden.
Beteiligung öffentlicher Gläubiger gefordert
Dem Bericht zufolge sollen 147 Milliarden Euro auf die privaten Gläubiger und 23 Milliarden Euro auf öffentliche wie die Notenbank entfallen. Dies wollte das Finanzministerium in Athen nicht kommentieren. Deutsche Politiker sehen derweil eine Beteiligung öffentlicher Gläubiger als unabdingbar, denn «wir wollen nicht, dass die öffentlichen Gläubiger an Griechenland verdienen. Das wäre aber der Fall, wenn sie beim Schuldenschnitt nicht mitmachen würden», sagte etwa Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen, gegenüber der «Rheinischen Post».
(dpa/sda/muep)



