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Extremkälte friert Europa ein

Freitag, 3. Februar 2012, 18:09 Uhr, Aktualisiert 18:28 Uhr

Die Extremkälte in Europa bringt jeden Tag mehr Menschen den Tod: Inzwischen sind auf dem Kontinent über 200 Menschen erfroren, vor allem in Osteuropa. Seit dem Wochenende sind allein in der Ukraine mehr als 100 Menschen gestorben, viele von ihnen auf der Strasse.

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Kälte, Schnee und Eis in Europa (evn)

Auch in Deutschland erfroren in den vergangenen Tagen mehrere Menschen. In der Nacht zum Freitag wurden erneut arktische Temperaturen gemessen – im sächsischen Deutschneudorf zum Beispiel minus 26,4 Grad.

«Es bleibt vorerst noch kalt», sagte eine Meteorologin vom Deutschen Wetterdienst. Ein Tief über der Ostsee bringe etwas Schnee nach Norddeutschland.

Auf einigen Flüssen wurde der Schiffsverkehr gestoppt wie zum Beispiel auf der Elbe zwischen Dömitz (Mecklenburg-Vorpommern) und Geesthacht (Schleswig-Holstein). Die Oder, Grenzfluss zu Polen, fror weiter zu. Für den deutschen Automobilclub Adac gab es den einsatzstärksten Tag der Pannenhilfe in diesem Winter. Die Adac-Helfer rückten am Donnerstag zu 27'512 Pannen aus.

Seltene Frostperiode in Österreich

Selbst im wintererprobten Alpenland Österreich sprechen die Meteorologen inzwischen von einer seltenen Frostperiode. «Eine derartige lange und heftige Kältewelle ist in Österreich ungewöhnlich», teilte die Zentralanstalt für Meteorologie mit. Eine ähnlich heftige und lange Serie habe man zuletzt 1996 gehabt. Betroffen sind keineswegs nur die Alpenregionen. Im östlichen Flachland wurden im Ort Litschau minus 22,6 Grad gemessen. Selbst die Höchstwerte sollen am Wochenende nur zwischen minus 13 und minus 6 Grad liegen.

Im Nordosten von Frankreich starb ein 82-Jähriger in einem Wald nahe der Grenze zu Rheinland-Pfalz an Unterkühlung. Nach Angaben der Rettungskräfte litt er an Alzheimer und war im Pyjama zu einem Spaziergang aufgebrochen. Für Obdachlose wurden in allen Landesteilen Notunterkünfte eingerichtet. Angesichts der Kälte erwarteten die Energieversorger neue Rekorde beim Gas- und Stromverbrauch. Viele französische Haushalte heizen traditionell mit Elektrizität.

Verkehrschaos in Italien

Starke Schneefälle sorgten in mehreren Regionen im Norden Italiens für erhebliche Behinderungen im Strassen-, Bahn- und Flugverkehr. Weil ein Strommast einstürzte, musste die Autobahnstrecke zwischen Ortona und Francavilla in den Abruzzen gesperrt werden. Zudem kam es in der Toskana zu Stromausfällen. In Mailand wurde laut Medienberichten ein Obdachloser tot aufgefunden. Ein 76-Jähriger erlag beim Schneeschaufeln in Parma einem Herzinfarkt.

Bild Eine Frau, dessen Gesicht wegen der Kälte bis auf die Augen bedeckt ist.
Wer sich bei Temperaturen von minus 30 Grad nicht dick einpackt, läuft Gefahr zu erfrieren. keystone

Ein Ereignis mit Seltenheitswert hat sich in Rom zugetragen: Am Vormittag setzte heftiger Schneefall ein, der die Innenstadt zum Erliegen brachte. Dichte Schneeflocken fielen über dem gesamten Stadtzentrum. Begeisterte Touristen fotografierten den Schnee, der auf die
Spanische Treppe, den Trevi-Brunnen und den Navona-Platz fiel.

Auch der Petersplatz war verschneit. Meteorologen hatten für die Ewige Stadt bis zu 10 Zentimeter Schnee vorhergesagt. Auch für Samstag können sich die Römer demnach mit Schneefällen rechnen.

In Spanien stiegen die Temperaturen im ganzen Land nur auf höchstens fünf Grad. Für Freitag bis Sonntag wurde ein Temperatursturz bis auf minus 10 Grad vorhergesagt, in den Bergen sogar bis minus 13 Grad. Von einem Rekord ist Spanien allerdings noch weit entfernt. Die bisher niedrigste Temperatur wurde 1956 mit minus 32 Grad in der katalanischen Provinz Lleida gemessen. Bisher hatte sich der Winter in Spanien kaum blicken lassen. Noch vor ein paar Tagen herrschten fast überall etwa 15 Grad. Nur in Katalonien, auf Mallorca und im Norden hatte es etwas geschneit.

Aufruf zu Solidarität

In Polen rief Innenminister Jacek Cichocki angesichts der bisher kältesten Nacht des Winters und nach mindestens 17 Toten in wenigen Tagen die regionalen Verwaltungsbehörden auf, sich verstärkt um alte und kranke Einwohner zu kümmern.

Ein greises Ehepaar aus Südostpolen war in der Nacht zum Freitag Opfer der Kälte geworden. Nach Angaben einer Polizeisprecherin hatte ein Nachbar bei den alten Leuten nach dem Rechten sehen wollen und die 80-jährige Frau bewusstlos im Bett gefunden. In der Wohnung bei Tarnow  war es minus 20 Grad kalt und der Holzofen erloschen. Die schwer unterkühlte Frau starb im Krankenhaus. Die Leiche ihres 84 Jahre alten Ehemannes wurde im Schuppen des Hofgrundstücks gefunden. Er wollte den Ermittlungen zufolge Feuerholz holen und erlitt dabei wahrscheinlich einen Herzinfarkt.

Unzählige Kältetote im kalten Osten

In Tschechien hielt die Böhmerwald-Gemeinde Kvilda den Kälterekord. Dort sank das Quecksilber in der Messsäule auf minus 38,1 Grad. Elf Menschen überlebten die Kälte nicht. Mindestens zwei Personen erfroren in der Slowakei.

In Rumänien sind seit dem Kälteeinbruch insgesamt 24 Menschen erfroren, in Bulgarien gab es 11 Todesopfer. 373 Schulen mussten in Rumänien geschlossen werden, weil die Heizsysteme gegen den Extremfrost nicht ankamen. Zwar liess der Frost in Rumänien am Freitag leicht nach, die Temperaturen stiegen auf etwa minus 10 Grad. Jedoch setzten im Südosten des Landes erneut Schneestürme ein, so dass viele Fernstrassen unpassierbar wurden.

In der Ukraine waren bis Freitagmorgen mindestens 38 weitere Menschen bei bis zu minus 32 Grad erfroren. Damit stieg die Zahl der Kältetoten nach offiziellen Angaben auf 101, wie das Zivilschutzministerium in Kiew mitteilte. Von den insgesamt 101 Kälte-Toten waren 64 in den Strassen gefunden worden. Mehr als 1200 Menschen werden wegen Erfrierungen in Krankenhäusern behandelt.

Die ukrainische Regierung erhöhte die Zahl der Wärmestuben, in denen Frierende heisse Getränke und Essen bekommen, deutlich auf fast 3000. Landesweit sind knapp 90 Prozent der Schulen geschlossen, hunderttausende Schüler haben «kältefrei».

Geschlossene Schulen

Russlands Regierung nannte erstmals offizielle Zahlen zu den Kälteopfern im grössten Land der Erde: Demnach erfroren im Januar insgesamt 64 Menschen. Das berichtete die Agentur Itar-Tass. In der Hauptstadt Moskau kamen in der Nacht zum Freitag erneut etwa 20 Menschen mit Erfrierungen ins Krankenhaus.

Die Fährverbindung zur Insel Putjatina unweit der Grossstadt Wladiwostok am Pazifik war erstmals seit Jahren wegen dicker Eismassen unterbrochen. In Weissrussland blieben rund 900 Schulen wegen der Kälte geschlossen.

Die Kaukasus-Republik Georgien meldete mit bis zu minus 20 Grad die tiefsten Temperaturen seit 1998. Wegen der schweren Schneefälle und Glatteis gebe es deutlich mehr Unfälle und verletzte Fussgänger, teilten die Behörden mit. In Weissrussland mussten rund 900 Schulen wegen der Kälte schliessen.

Selbst Nordländer staunen

Auch die an Frost und Schnee gewöhnten Nordeuropäer bekommen die Extremkälte über Europa immer heftiger zu spüren. Vor allem im nördlichen Teil Schwedens wurde bei Temperaturen unter 30 Grad minus der Zugverkehr auf mehreren Hauptstrecken eingestellt. Mit eingefrorenen Weichen und zugeschneiten Strecken lief einfach nichts mehr.

In der Ortschaft Kvikkjokk-Arrenjarka in Lappland wurden am selben Tag erstmals unter 40 Grad Frost gemessen. Minus 42 Grad seien schwedischer Kälterekord für diesen Winter, berichtete der Rundfunksender SR.

(agenturen/godc/falt)

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