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Zeltner: «Platzspitz hat Bild von Drogensüchtigen verändert»

Viviane Bühr
Freitag, 3. Februar 2012, 18:29 Uhr

Die öffentliche Drogenszene am Zürcher Platzspitz hat die Schweizer Drogenpolitik massgeblich geprägt. Vor 20 Jahren wurde der «Needle-Park» geschlossen. Der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Gesundheit, Thomas Zeltner, blickt im Gespräch mit «SF Online» auf die Turbulenzen in der Drogenpolitik zurück.

Bild Thomas Zeltner
Thomas Zeltner engagiert sich auch nach seiner Zeit beim BAG in zahlreichen Gesundheitsthemen. reuters/archiv

Thomas Zeltner

Der 64-Jährige Thomas Zeltner ist studierter Mediziner und Jurist. Er leitete 1991 bis 2009 das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Auch heute engagiert er sich in beratender Funktion in der nationalen und internationalen Drogenpolitik. Zeltner ist Präsident der Stiftung Science et Cité und Professor der Universität Bern sowie an der Harvard University in Boston tätig.

Herr Zeltner, wie hat die Tragödie «Platzspitz» die nationale Drogenpolitik beeinflusst?

Es war ein Riesenthema, das alle wachgerüttelt hat. ‚Es kann doch in einem reichen Land nicht sein, dass ein solches Elend herrscht‘, dachte man. Zudem befürchteten wir eine massive Ausbreitung von Aids durch Spitzentausch und die Prostitution, mit der manche Drogenabhängige ihr Geld verdienten. Der illegale Handel wiederum hat Dealer angezogen wie ein Magnet.

Heute wären wir in der Drogenpolitik nicht so weit, hätten wir nicht diese dramatische Geschichte erlebt. Es bildeten sich überall Allianzen, auch mit den bürgerlichen Parteien und der Wirtschaft.

Am Anfang dachte man, man könne die Szene kontrollieren, wenn sie sich an einem Ort konzentriert.

Es war ein riesiges Sozialexperiment, wenn Sie so wollen, das aber klar gescheitert ist. Man dachte, man könne die Bevölkerung schützen, wenn sich die Drogenszene an einem Ort konzentriert. Doch der Platzspitz zog immer mehr Süchtige und Dealer an.

War die Räumung durch die Polizei also richtig?

Ja. Die Situation am Platzspitz war menschenverachtend und mit so viel Gewalt, Kriminalität und Elend verbunden – man hatte damals keine andere Wahl.

Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass die Räumung zu früh stattfand. Doch ich will niemandem einen Vorwurf machen. Man wusste ja nicht, dass sich die Szene nur wenige hundert Meter weiter an den alten Bahnhof Letten verschieben würde. Das war die Folge einer zu wenig umfassenden Politik.

Was meinen Sie damit?

Man dachte, man könne die Menschen verjagen und so das Problem in den Griff kriegen. Doch erst mit einer langfristigeren Planung und einer nationalen Strategie verschwand die Szene. Dazu gehörten auch mehr Gefängnisplätze für Dealer und mehr Betreuungsplätze für Abhängige.

Was waren die entscheidenden Veränderungen in der Drogenpolitik?

Das war die Einführung der Schadensminderung: Anstatt sie zum Ausstieg zu zwingen, hat man die schwierige Situation Drogenabhängiger akzeptiert und sie bis zum Ausstieg unterstützt. Dazu gehörten der Spritzenaustausch, Räumlichkeiten für die Hygiene und Verpflegung sowie mehr Therapiemöglichkeiten wie beispielsweise die kontrollierte Heroinabgabe.

Das 4-Säulen-Modell

Die Schweizer Drogenpolitik stützt sich auf ein 4-Säulen-Modell, dass aus Prävention, Therapie, Repression und Schadensminderung besteht.

Diese Massnahmen stiessen damals auf grossen Widerstand.

Am Anfang fand eine grosse Debatte zwischen den Sozialarbeitern und der Polizei statt. Obwohl die Polizisten die ersten waren, die gemerkt hatten, dass es so nicht weitergehen kann. Ich führte selber heftige Diskussionen mit den Justiz- und Polizeidirektoren. ‚Wenn wir Spritzen abgeben, banalisieren wir den Heroinkonsum und fördern ihn indirekt‘, sagten sie. Sie sagten immer: «Ja, aber…». Irgendwann konnte die Kluft zwischen Sozialarbeitern und Polizei geschlossen werden.

Gab es neben der Polizei noch andere Kritiker?

Die SVP ist immer noch der Meinung, dass die Schadensverminderung missglückt ist. Es gab auch eine «Psychosekte», der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM), der vor allem in Zürich aktiv war und scharf gegen die Schadensverminderung schoss. Er hat sich inzwischen aufgelöst. Zudem wehrte sich die Bevölkerung: Alle wollten, dass etwas getan wird, doch niemand wollte Fixerräume in seiner Nachbarschaft haben. Es brauchte sehr viel Überzeugungsarbeit und Kompromisslösungen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Drogenpolitik?

Sie ist sehr gut. Wir müssen einfach die Konzepte noch weiter in den Alltag integrieren. Im Gefängnis beispielsweise muss man den Spritzentausch überall ermöglichen und genügend Therapieplätze einrichten.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich bin glücklich, dass es uns gelungen, einen Wandel in der Wahrnehmung Drogenabhängiger zu bewirken. Es sind unsere Kinder, und die betroffenen Familien haben Respekt und unsere Unterstützung verdient. Es ist keine Frage von Schuld und Sühne und kein Problem der Kriminalpolitik allein, sondern eines der Sozial- und Gesundheitspolitik. Mit der aktuellen Drogenpolitik sind wir anderen Ländern 10 bis 15 Jahre voraus.

Was bereuen Sie?

Es ist  uns nicht gelungen, die Stigmatisierung von Süchtigen und psychisch Kranken aufzubrechen. Psychische Erkrankungen sind etwas anderes als ein gebrochenes Knie, mit dem manch einer sogar noch «blufft».  Ein Suchtproblem verheimlicht man sogar vor den engsten Angehörigen, bis es zum Absturz kommt. Das ist verrückt.

Ist die Drogenpolitik träge geworden ob des eigenen Erfolgs?

Es ist eine gewisse Zufriedenheit eingetreten, weshalb auch Budgets gestrichen werden. Man sollte wieder vermehrt Pilotprojekte durchführen. Nationale Lösungen, die nicht den Härtetest von Pilotversuchen bestanden haben, haben es schwer. Das musste kürzlich auch Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf erleben mit ihrem Vorschlag eines nächtlichen Alkoholverkaufsverbotes. Die Gegner argumentieren, dass Daten zu dessen Wirkung fehlten. Man muss mit kleinen Projekten anfangen, um zu schauen, ob etwas funktioniert.

Was sind die nächsten grossen Herausforderungen in der nationalen Drogenpolitik?

Alkohol und Cannabis. Heute haben wir das Problem, das öffentliche Räume wie Bahnhöfe nicht mehr begehbar sind für normale Anwohner, weil gewaltbereite alkoholisierte Jugendliche herumhängen. Heroin gilt im Jargon als «Verliererdroge» und ist glücklicherweise heute nicht mehr so populär. Der Kokainkonsum wiederum ist explodiert, führt jedoch nicht zu so dramatischen gesundheitlichen und sozialen Problemen. Aber natürlich muss man ihn und den Handel damit genau beobachten.

Serie zum Platzspitz

«Schweiz aktuell» berichtet in einer sechsteiligen Serie anlässlich des 20. Jahrestages der Platzspitz-Schliessung. Diese Berichte sehen Sie hier.

 

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