International
Fussball-Drama: «Das war ein Militär-Massaker»
Nach den blutigen Krawallen zwischen Fussballfans in Ägypten mit über 70 Toten und 1000 Verletzten versucht die Übergangsregierung zu beschwichtigen: Sie hat wichtige Funktionäre entlassen. Trotzdem demonstrieren Tausende gegen den Militärrat – sie werfen ihm ein «Massaker» vor.
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Die Anhänger des Kairoer Fussballclubs Al-Ahly machten den Chef des Militärrats, Hussein Tantawi, für die blutigen Krawalle am Vorabend in Port Said verantwortlich. «Dies war kein Sportunglück, dies war ein Militärmassaker», riefen die Demonstranten in Kairo, als sie vom Sitz des Fussballclubs zum zentralen Tahrir-Platz marschierten.
Als die Demonstranten weiter zum Innenministerium vordringen wollten, setzte die Polizei Tränengas ein. Einige Demonstranten zogen Barrikaden aus Stacheldraht von der Strasse und schleuderten Steine gegen die Sicherheitskräfte.
Nach Angaben von Ärzten wurden mindestens 20 Menschen durch das Einatmen des Tränengases verletzt.
Obwohl es Spekulationen sind, ist für die meisten Leute der Fall klar: die Auseinandersetzung im Fussballstadion war politisch motiviert. Dies sagt SF-Korrespondent Pascal Weber in Kairo.
«Insbesondere, dass der Gouverneur von Port Said am Mittwochabend zum ersten Mal nicht an einem wichtigen Fussballspiel anwesend war. Auch der Polizeichef soll laut Augenzeugen das Stadion in der Pause verlassen haben, als ob die beiden gewusst hätten, was geschehen würde», erklärt Weber.
Direktion des Fussballverbandes entlassen
Auf diese Anschuldigungen reagierte die Übergangsregierung. Ministerpräsident Kamal al-Gansuri gab während einer Krisensitzung des Parlaments in Kairo bekannt, dass er die Direktion des Fussballverbands entlassen habe.
Zudem habe er den Gouverneur der Stadt Port Said abgelöst, sagte Gansuri. Das neue Parlament versprach zudem eine zügige Aufklärung der Ereignisse. Die Abgeordneten beauftragten ein Gremium mit den Ermittlungen. In einer Woche soll der Bericht vorliegen.
Blutüberströmte Spieler
Beim Spiel zwischen den Mannschaften Al-Masry aus Port Said und Al-Ahly aus Kairo waren am Mittwochabend unmittelbar nach dem Abpfiff angebliche Fans von Al-Masry auf das Spielfeld gestürmt. Sie hatten Spieler und Anhänger der gegnerischen Mannschaft mit Flaschen und Steinen beworfen.
TV-Bilder zeigten Fans in Panik und Sicherheitskräfte, die dem Sturm aufs Spielfeld nichts entgegensetzten. Im Internet waren Fotos von blutüberströmten Spielern zu sehen. Nach Angaben von Innenminister Mohammed Ibrahim wurden die meisten der Opfer erdrückt. Rettungskräfte sagten, einige der Getöteten hätten Stichwunden gehabt, andere schwere Kopfverletzungen.
Es müsse umgehend geklärt werden, wie es zu diesem tragischen Vorfall habe kommen können, erklärte die EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton.
«Schwarzer Tag für den Fussball»
Fifa-Präsident Blatter zeigte sich erschüttert und erklärte: «Ich bin entsetzt und schockiert. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Todesopfer. Ihnen gilt mein tiefes Mitgefühl. Zu den Gründen der Katastrophe kann ich mich nicht äussern, eines aber steht fest: Es ist ein schwarzer Tag für den Fussball. Ein solches Drama ist jenseits des Vorstellbaren und darf nicht geschehen.»
Die bei der Parlamentswahl siegreichen islamistischen Muslimbrüder sprachen von «geplanten» Ausschreitungen. Sie seien eine «Botschaft der Anhänger des alten Regimes» des gestürzten Staatschefs Hosni Mubarak, sagte der Abgeordnete Essam al-Erian von der Partei der Muslimbrüder, Freiheit und Gerechtigkeit.
Anhänger des Al-Ahly-Fanclubs «Ultras» hatten sich an den Protesten gegen Mubarak beteiligt und nach dessen Sturz immer wieder an Anti-Polizei-Demonstrationen teilgenommen. Auch in sozialen Netzwerken im Internet wurde der Verdacht geäussert, die Attacke vom Mittwochabend sei eine «Rache» an Al-Ahly-Fans.
«Unglaubliche Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte»
Parlamentspräsident Saad al-Katatni, ebenfalls ein Muslimbruder, sagte, die «ägyptische Revolution» sei «in grosser Gefahr». Das «Massaker von Port Said» sei Folge einer «unglaublichen Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte».
Ausschreitungen von gewaltbereiten Fans untereinander oder mit der Polizei sind in ägyptischen Fussballstadien Woche für Woche an der Tagesordnung. Aber solche Gewaltexzesse und so viele Tote wie nach dem Fussballspiel in Port Said zwischen den rivalisierenden Klubs Al-Masri und der Gastmannschaft Al-Ahli aus Kairo hat es bislang nicht gegeben.
(sda/dpa/muei/engf)
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M. Hauri, Hünibach
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(M.Hauri
Verfasst am: 3.2.2012 0:38
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