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Schwule, Heavymetal und Klassik: Kreuzfahrten boomen trotz Costa-Unglück

Natascha Schwyn
Donnerstag, 26. Januar 2012, 8:48 Uhr

Wohlhabend, einsam und über 70: So sieht die Klientel auf Kreuzfahrtschiffen aus – Klischees, die mittlerweile längst verstaubt und überholt sind. Jüngstes Beispiel ist die Themen-Kreuzfahrt «70'000 Tons of Metal» – 40 Heavy Metal Bands, schweres Musikgerät und über 2000 Fans vereint auf einem Schiff.

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Das Kreuzfahrtbusiness floriert wie kaum eine andere Sparte in der Tourismusbranche. Die schwimmenden Hotels vermarkten sich mittlerweile nicht mehr nur mit blauem Meer und weissen Wölkchen. Genauso wichtig ist der Unterhaltungswert – seien es Discos, Festivals oder Komiker, nichts wird ausgelassen um die Passagiere zu ködern.

So beginnt sogar das Heavy Metal Festival zu schwimmen, und das erst noch in der Karibik – auf der «Majesty of the Seas». Gestartet ist das Kreuzfahrtschiff, mit rund 3500 Personen an Bord, vor zwei Tagen in Miami. Die Heavy Metal Kreuzfahrt führt nach George Town auf den Cayman-Inseln und wieder zurück.

«70'000 Tons of Metal» ist Programm: Fünf Tage Hard Rock, Headbangen und Bier in rauen Mengen sind garantiert.

Metaller, Schwule und Kranke

Das Festival auf hoher See ist ausverkauft. Die eher ungewöhnlichen Gäste – meist headbangende, Stahlkappenschuhe tragende und tätowierte Metaller – sind beim Schifffahrtsunternehmen beliebt. Sie bringen Umsatz. So ist einem Wikipedia-Eintrag von der letztjährigen Heavy Metal Reise zu entnehmen: «Bereits am ersten Tag betrugen die Einnahmen durch Getränke das vielfache dessen, was sonst in einer ganzen Woche umgesetzt wird».

Ähnlich glücklich über seine Spezialgäste auf Kreuzfahrten ist Kuoni. Der grösste Schiffsreisen-Anbieter in der Schweiz verkauft neben den klassischen Schiffs- und Kulturreisen, auch Kreuzfahrten für Schwule und ältere auf medizinische Hilfe angewiesene Personen.

«Über unsere Reisemarke Pink Cloud bieten wir reine Gay-Kreuzfahrten an, für rund 5000 Gleichgesinnte», sagt Simon Marquard, der Mediensprecher von Kuoni. Homosexuelle gelten meist als Doppelverdiener und geben mehr Geld aus, etwa für Massagen oder Getränke.

Immer ausgebucht sei auch das sogenannte Gesundheitsschiff mit Ärzten und Therapeuten an Bord, sagt Marquard weiter. Das Schiff richtet sich an Ã¤ltere Menschen, die medizinisch betreut werden müssen. Unterhaltung fehlt natürlich auch hier nicht, etwa mit Schweizer Prominenz.

Das Geschäft mit den grossen Schiffen

Die Reiselaune vermag selbst das tragische Schiffsunglück der «Costa Concordia» mit mittlerweile 16 Toten und immer noch über 20 Vermissten nicht zu trüben. Selbst Touristen, die eine Reise auf dem Unglücksschiff gebucht hatten, lassen sich die Stimmung nicht nehmen. Â«Von den 200 Personen, die vor der Havarie eine Reise auf der «Costa Concordia» gebucht hatten, haben ungefähr 90 Prozent ihre Kreuzfahrt umgebucht», sagt Kuoni-Sprecher Marquard.

Bild 3 Kreuzfahrtschiffe am Hafen
Drei Kreuzfahrtschiffe sind am Warnemünder Passagierkai in Rostock festgemacht. keystone

Ähnlich tönt es bei e-hoi Reisen. Umbuchungen habe es kaum gegeben, allerdings sei in den Tagen nach dem Unglück ein leichter Rückgang der Buchungsanfragen beobachtet worden, sagt Alexander Esslinger, der Chef der Onlineplattform für Kreuzfahrtreisen.

Sowohl Kuoni, als auch e-hoi gehen davon aus, dass sich die Geschäfte bis spätestens im Frühling wieder erholen werden. Was zählt sei das grosse Angebot, die Einfachheit zu reisen und die vielen Destinationen, die während einer Kreuzfahrt angesteuert werden. Ausserdem seien die Preise viel erschwinglicher geworden, sagt Simon Marquard.

Einfache Reisen und Erlebnisreisen

Mittelmeerkreuzfahrten ausserhalb der Saison könnten bereits für 1000 Franken die Woche gebucht werden, sagt Kuoni-Sprecher Marquard. Exklusive Erlebnisreisen, mit dem Eisbrecher in die Antarktis etwa, können bis zu 20‘000 Franken kosten, würden aber laut Marquard, etwas länger dauern.

Nur noch Klischees

Buchten früher vor allem Rentner eine Schifffahrt, so zieht es heute auch Jüngere auf See. Eine kürzlich publizierte Studie von e-hoi Reisen zeigt, dass Kreuzfahrten bei Familien, jungen Paaren und Junggebliebenen immer mehr im Trend sind. So waren 2011 35 Prozent aller Schweizer e-hoi Kunden zwischen 41 und 50 Jahren alt.Und 26 Prozent waren zwischen 21 und 40 Jahren alt.

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Alter der Kreuzfahrtgäste Quelle: e-hoi

«2011 ist die 100‘000-Grenze an Schweizer Passagieren geknackt worden», sagt Beat Eichenberger. Gemäss dem Chefredaktor von «Cruisetip», einem Magazin für Schiffsreisen, könne in Europa bereits seit 10 Jahren von einem Kreuzfahrt-Boom gesprochen werden. «Der Wachstum liegt jährlich bei 10 bis 12 Prozent», sagt Eichenberger weiter.

9/11 als Auslöser des Booms in Europa

In Amerika hat der Kreuzfahrtboom bereits vor 30 Jahren eingesetzt. Mittlerweile hat sich der amerikanische Markt beruhigt, sagt Beat Eichenberger. Dazu beigetragen habe auch eine gewisse Reisezurückhaltung nach 9/11. So haben die Reedereien nach dem Terroranschlag in New York viele der Schiffsgiganten nach Europa geschifft. Mehr Schiffe, mehr Betten und grössere Angebote haben schliesslich den Boom in Europa angetrieben.

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