Schweiz
Hooligan-Konkordat: «Wahrnehmungsdifferenzen» bei der Zunahme der Gewalt
Das Hooligan-Konkordat wird demnächst voraussichtlich verschärft. Zahlen des Fedpol zeigen nicht eindeutig, dass die Gewalt in und um Sportstadien zunimmt. Interessensverbände sowie KKJPD sprechen von massiven «Wahrnehmungsdifferenzen».
Artikel bewerten
Artikel teilen
Nach den Ausschreitungen beim Zürcher Fussballderby vom letzten Oktober forderten Vereine, Politik und Medien einhellig Massnahmen gegen die Gewalt in Sportstadien.
Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) hat bereits im August 2011 eine Revision des Hooligan-Konkordats ausgearbeitet. Kantone und Interessensverbände wurden eingeladen, sich bis Mitte Januar dieses Jahres zum Entwurf zu äussern.
Das Hooligan-Konkordat
Das Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS) wurde am 1. Januar 2007 ein erstes Mal revidiert. Das Gesetz stellte mit Rayonverboten, Meldeauflagen, Ausreisebeschränkungen, die Möglichkeit des Polizeigewahrsams sowie mit der Schaffung einer Datenbank, in welcher gewalttätige Fans registriert werden können (HOOGAN), den Verantwortlichen neue Instrumente im Kampf gegen die Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen zur Verfügung.
Drei dieser Massnahmen (Rayonverbot, Meldeauflage und Polizeigewahrsam) wurden vom Parlament bis Ende 2009 befristet. Die befristeten BWIS-Bestimmungen wurden 2010 durch Zustimmung der Kantone per Konkordat unverändert ins kantonale Recht überführt.
Die neuerliche Anpassung soll Delikte wie «Tätlichkeit» oder die «Hinderung einer Amtshandlung» in den Katalog aufnehmen, ebenso soll die anlasslose Durchsuchung von Personen (auch bis auf den nackten Körper) durch Private erlaubt werden. Rayonverbote sollen neu schweizweit für zwei Jahre gelten, und Meldeauflagen sollen ohne vorhergehende Verletzung eines Rayonverbots möglich werden. Zudem soll eine Bewilligungspflicht für Sportveranstaltungen eingeführt werden.
In den Antworten einiger Interessensverbände zeigt sich eine klare Ablehnung gegen die geplante Verschärfung.
Kritik an Ausgangslage für Verschärfung
Die Fanarbeit Schweiz, die Fandachverbände der Young Boys Bern und des FC Luzern, die Demokratischen Juristen Schweiz sowie der Verein «Referenderum BWIS» kritisieren unter anderem, dass die KKJPD als Ausgangslage für eine Verschärfung des Konkordats von einem Anstieg der Gewalt ausgeht.
Unbestritten sei, sind sich die Verbände einig, dass es auch in den vergangenen Jahren zu teils schweren Fällen gewalttätiger Ausschreitungen im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen kam.
Kantone für Bewilligungspflicht
Fussball- und Eishockeyspiele werden nur noch angepfiffen, wenn Klubs rigorose Sicherheitsbedingungen erfüllen. Zu diesem Entschluss kommen die kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJDP). Die Kantone begrüssen den Entscheid. Lesen Sie hier mehr dazu.
Geändert habe sich aber vor allem das mediale Interesse an ebensolchen Vorfällen, schreiben die Demokratischen Juristen Schweiz (DJS) in ihrer Antwort. Dies führte dazu, dass bestimmte Ereignisse tage- oder wochenlang in der Öffentlichkeit diskutiert wurden und so das allgemeine Gefühl entstand, in schweizerischen Sportstadien würden regelmässig kriegsähnliche Zustände herrschen.
Hooliganexperte: «Gewalt nimmt nicht zu»
Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Christoph Vögeli, der Leiter der Zentralstelle Hooliganismus, bereits nach der ersten Verschärfung des BWIS. «Die Aufmerksamkeit der Medien führt dazu, dass man das Gefühl hat, die Gewalt steige. Tatsächlich nimmt sie nicht zu», so Vögeli in einem Interview mit dem Tagesanzeiger vom 13. Mai 2009.
Die Fanarbeit Schweiz (FACH), der Dachverband der vom Bund subventionierten sozioprofessionellen Fanarbeit und nationale Fachstelle für Fans, schreibt von «Wahrnehmungsdifferenzen» in der Zunahme der Gewalt. FACH verweist dabei auch auf Zahlen des Bundesamtes für Polizei (Fedpol), die das Gegenteil aufzeigen sollen. Das Fedpol weist in seinem Jahresbericht 2010 eine Abnahme der verfügten Massnahmen aus:
Übersicht über verfügte Massnahmen 2010
| 2010 | 2009 | 2008 | |
| Stadionverbot | 113 | 196 | 126 |
| Rayonverbot | 152 | 323 | 222 |
| Meldeauflage | 6 | 7 | 2 |
| Polizeigewahrsam | 0 | 2 | 0 |
| Ausreisebeschränkung | 8 | 5 | 0 |
FACH widerlegt eine Zunahme der Gewalt zudem auch mit Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Gemäss der polizeilichen Kriminalstatistik kam es 2009 schweizweit zu 327 Verzeigungen wegen Gewaltstraftaten in Zusammenhang mit Sportveranstaltungen.
Im gleichen Zeitraum wurden in den zwei höchsten Schweizer Fussball- und Eishockeyligen rund 950 Meisterschaftsspiele (Play-offs und Cup-Spiele nicht mitgezählt) durchgeführt – vor über vier Millionen Zuschauern, schreibt die Fanarbeit Schweiz weiter.
Im Jahr 2010 ging die Zahl der Verzeigungen auf 303 zurück. FACH rechnet vor, dass dies je einer Verzeigung auf rund 13'000 Zuschauer entspreche.
Gleichzeitig verbuchte der Schweizer Fussball in den vergangenen beiden Jahren neue Rekorde der Zuschauerzahlen. Die 90 Spiele der aktuellen Hinrunde in der Axpo Super League besuchten 1'121'171, 12'457 im Durchschnitt.
Zunahme von Gewaltereignissen
Mit anderen Zahlen operiert die KKJPD. Gemäss einer internen Gewaltereignisliste aus dem polizeilichen Inforamtionssystem HOOGAN wurden in der Saison 2008/2009 148 Ereignisse registriert, an denen es zu Gewalttätigkeiten kam. In der Saison 2009/2010 nahmen sie auf 176 zu, und in der Saison 2010/2011 war eine weitere Steigerung auf 214 zu verzeichnen. Auch bei den Stadion- und Rayonverboten ist in der Saison 2010/2011 ein Zuwachs zu verzeichnen.
Roger Schneeberger, Generalsekretär der KKJPD, bestätigt gegenüber «SF Online» etwaige «Wahrnehmungsdifferenzen» bei der Interpretation der Zahlen. Die Abnahme der verfügten Massnahmen hänge sehr mit der Schwierigkeit der Beweislage zusammen. «Je grösser die Fanmasse, desto schwieriger die präzise Identifikation straffällig gewordener Personen», erklärt Schneeberger.
«Annäherung an die Wahrheit»
In der internen HOOGAN-Ereignisliste, die von Spiel zu Spiel durch Sicherheitsdelegierte nachgeführt wird, sieht Schneeberger die Schwäche in den von der KKJPD verwendeten Statistiken. «Rauchpetarden auf dem Weg zum Stadion, oder die Demolierung eines ganzen Gästesektors, beides wird als jeweils als ein Gewaltereignis verbucht», so der KKJPD-Generalsekretär. Eine differenzierte Abstufung sei schwierig vorzunehmen: «Mann kann ja nicht einfach für Rauchpetarden auf dem Weg zum Stadion zum Beispiel einen Strafpunkt vergeben und für die Zerstörung der Toiletten im Gästesektor fünf.»
Mit einer Umfrage der Koordinationsstelle «Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen» bei Fachleuten der Polizei, privaten Sicherheitsdiensten, Sportverbänden, Fanbegleitern und Transportbetrieben im Sommer 2011 versuchte die KKJPD diese Unterschiede in der Vehemenz und im Umfang von Gewaltereignissen aus persönlichen Erfahrungswerten einzufangen. Die nicht repräsentative Umfrage ergab «mehrheitlich die Einschätzung, dass eine Zunahme der Gewalt festzustellen ist».
«Näher kommt man nicht an die Wahrheit», erklärte Schneeberger abschliessend.
(sf/koua)
Meldungen im Tagesverlauf
- SRF macht Verjüngungskur mit neuem Programm «wild@7»
- Schweizer Nachrichtenagentur im Visier der Weko
- Pressestimmen: «Verbaselt Bayern die Königsklasse?»
- Jetzt in Stein gemeisselt: Jennifer Aniston ist ein Star
- Bund versteigert Mobilfunk-Lizenzen für 1 Milliarde
- Grosse Gedenkfeier für Opfer der Neonazi-Morde
- «Glück fürs ganze Land»: So feiert Schweden Victorias Baby
- Simon Ammann: «Mein Ziel sind die 240 Meter»
- Prinzessin Victoria von Schweden: Es ist ein Mädchen
- Gewinnrückgang bei der Bank Sarasin
- Nordkorea und USA setzen sich an einen Tisch
- Wawrinka besiegt Paire - Chiudinelli out
- SMA: Pre-Show mit Dani Forler, Alexandra Maurer und Mike Pelzer
- Swiss Re verdreifacht Jahresgewinn
- Kudelski rutscht in die roten Zahlen
- Sulzer: Viel Arbeit aber weniger Gewinn


Prinzessin Victoria bringt Mädchen zur Welt
Bund versteigert Mobilfunk-Lizenzen für 1 Milliarde
US-TV-Wahlkampf: Santorum in der Defensive
1,5 Millionen Euro: Monti legt Steuererklärung offen
Schweizer Nachrichtenagentur im Visier der Weko
Grosse Gedenkfeier für Opfer der Neonazi-Morde
Fünf Kandidaten wollen Zuppiger beerben
Jura-Frage: Bern und Jura einigen sich auf Abstimmungen
Neue Datenschutzbestimmungen für Apps
Das Reformprogramm für Griechenland in Stichworten
«Club»: Kinder homosexueller Eltern sind juristisch schlechter gestellt
Das Protokoll: 3-Punkte-Plan gegen versteckte Steuergelder
«Früher waren die Griechen fröhliche Menschen»
Bundesrat gegen Adoptionen durch Homosexuelle



























G. Giess, Reinach
)
(gag
Verfasst am: 27.1.2012 14:51
Phyros
Wann endlich werden die Vereine auch dazu... mehr
Zustimmen — 1 Leser ist auch dieser Meinung.
Ablehnen — 2 Leser sind anderer Meinung.
Heiklen Inhalt melden antworten
Heiklen Inhalt melden antworten
B. Hauswirth, Therwil
)
(legrandbleu
Verfasst am: 25.1.2012 20:21
Gewalt und das Bild?
Es ist schon irritierend wenn in Zusammenhang mit... mehr
Zustimmen — 18 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen — 10 Leser sind anderer Meinung.
Heiklen Inhalt melden antworten
Heiklen Inhalt melden antworten