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Hooligan-Konkordat: «Wahrnehmungsdifferenzen» bei der Zunahme der Gewalt

Mittwoch, 25. Januar 2012, 18:30 Uhr

Das Hooligan-Konkordat wird demnächst voraussichtlich verschärft. Zahlen des Fedpol zeigen nicht eindeutig, dass die Gewalt in und um Sportstadien zunimmt. Interessensverbände sowie KKJPD sprechen von massiven «Wahrnehmungsdifferenzen».

Bild Fans des FC Basel.
Trotz der vermeintlichen Zunahme der Gewalt verbuchten die Schweizer Fussballliga in den letzten Jahren Zuschauerzahl-Rekorde. keystone

Nach den Ausschreitungen beim Zürcher Fussballderby vom letzten Oktober forderten Vereine, Politik und Medien einhellig Massnahmen gegen die Gewalt in Sportstadien.

Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) hat bereits im August 2011 eine Revision des Hooligan-Konkordats ausgearbeitet. Kantone und Interessensverbände wurden eingeladen, sich bis Mitte Januar dieses Jahres zum Entwurf zu äussern.

Das Hooligan-Konkordat

Das Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS) wurde am 1. Januar 2007 ein erstes Mal revidiert. Das Gesetz stellte mit Rayonverboten, Meldeauflagen, Ausreisebeschränkungen, die Möglichkeit des Polizeigewahrsams sowie mit der Schaffung einer Datenbank, in welcher gewalttätige Fans registriert werden können (HOOGAN), den Verantwortlichen neue Instrumente im Kampf gegen die Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen zur Verfügung.

Drei dieser Massnahmen (Rayonverbot, Meldeauflage und Polizeigewahrsam) wurden vom Parlament bis Ende 2009 befristet. Die befristeten BWIS-Bestimmungen wurden 2010 durch Zustimmung der Kantone per Konkordat unverändert ins kantonale Recht überführt.

Die neuerliche Anpassung soll Delikte wie «Tätlichkeit» oder die «Hinderung einer Amtshandlung» in den Katalog aufnehmen, ebenso soll die anlasslose Durchsuchung von Personen (auch bis auf den nackten Körper) durch Private erlaubt werden. Rayonverbote sollen neu schweizweit für zwei Jahre gelten, und Meldeauflagen sollen ohne vorhergehende Verletzung eines Rayonverbots möglich werden. Zudem soll eine Bewilligungspflicht für Sportveranstaltungen eingeführt werden.

In den Antworten einiger Interessensverbände zeigt sich eine klare Ablehnung gegen die geplante Verschärfung.

Kritik an Ausgangslage für Verschärfung

Die Fanarbeit Schweiz, die Fandachverbände der Young Boys Bern und des FC Luzern, die Demokratischen Juristen Schweiz sowie der Verein «Referenderum BWIS» kritisieren unter anderem, dass die KKJPD als Ausgangslage für eine Verschärfung des Konkordats von einem Anstieg der Gewalt ausgeht.  

Unbestritten sei, sind sich die Verbände einig, dass es auch in den vergangenen Jahren zu teils schweren Fällen gewalttätiger Ausschreitungen im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen kam.

Kantone für Bewilligungspflicht

Fussball- und Eishockeyspiele werden nur noch angepfiffen, wenn Klubs rigorose Sicherheitsbedingungen erfüllen. Zu diesem Entschluss kommen die kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJDP). Die Kantone begrüssen den Entscheid. Lesen Sie hier mehr  dazu.

Geändert habe sich aber vor allem das mediale Interesse an ebensolchen Vorfällen, schreiben die Demokratischen Juristen Schweiz (DJS) in ihrer Antwort. Dies führte dazu, dass bestimmte Ereignisse tage- oder wochenlang in der Öffentlichkeit diskutiert wurden und so das allgemeine Gefühl entstand, in schweizerischen Sportstadien würden regelmässig kriegsähnliche Zustände herrschen.

Hooliganexperte: «Gewalt nimmt nicht zu»

Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Christoph Vögeli, der Leiter der Zentralstelle Hooliganismus, bereits nach der ersten Verschärfung des BWIS. «Die Aufmerksamkeit der Medien führt dazu, dass man das Gefühl hat, die Gewalt steige. Tatsächlich nimmt sie nicht zu», so Vögeli in einem Interview mit dem Tagesanzeiger vom 13. Mai 2009.

Die Fanarbeit Schweiz (FACH), der Dachverband der vom Bund subventionierten sozioprofessionellen Fanarbeit und nationale Fachstelle für Fans, schreibt von «Wahrnehmungsdifferenzen» in der Zunahme der Gewalt. FACH verweist dabei auch auf Zahlen des Bundesamtes für Polizei (Fedpol), die das Gegenteil aufzeigen sollen. Das Fedpol weist in seinem Jahresbericht 2010 eine Abnahme der verfügten Massnahmen aus:

Übersicht über verfügte Massnahmen 2010

2010 2009 2008
Stadionverbot 113 196 126
Rayonverbot 152 323 222
Meldeauflage 6 7 2
Polizeigewahrsam 0 2 0
Ausreisebeschränkung 8 5 0

FACH widerlegt eine Zunahme der Gewalt zudem auch mit Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Gemäss der polizeilichen Kriminalstatistik kam es 2009 schweizweit zu 327 Verzeigungen wegen Gewaltstraftaten in Zusammenhang mit Sportveranstaltungen.

Im gleichen Zeitraum wurden in den zwei höchsten Schweizer Fussball- und Eishockeyligen rund 950 Meisterschaftsspiele (Play-offs und Cup-Spiele nicht mitgezählt) durchgeführt – vor über vier Millionen Zuschauern, schreibt die Fanarbeit Schweiz weiter.

Im Jahr 2010 ging die Zahl der Verzeigungen auf 303 zurück. FACH rechnet vor, dass dies je einer Verzeigung auf rund 13'000 Zuschauer entspreche. 

Gleichzeitig verbuchte der Schweizer Fussball in den vergangenen beiden Jahren neue Rekorde der Zuschauerzahlen. Die 90 Spiele der aktuellen Hinrunde in der Axpo Super League besuchten 1'121'171, 12'457 im Durchschnitt.

Zunahme von Gewaltereignissen

Mit anderen Zahlen operiert die KKJPD. Gemäss einer internen Gewaltereignisliste aus dem polizeilichen Inforamtionssystem HOOGAN wurden in der Saison 2008/2009 148 Ereignisse registriert, an denen es zu Gewalttätigkeiten kam. In der Saison 2009/2010 nahmen sie auf 176 zu, und in der Saison 2010/2011 war eine weitere Steigerung auf 214 zu verzeichnen. Auch bei den Stadion- und Rayonverboten ist in der Saison 2010/2011 ein Zuwachs zu verzeichnen. 

Bild Nahaufnahme Schneeberger
KKJPD-Generalsekretär: «Die Statistiken weisen Schwächen vor.» keystone

Roger Schneeberger, Generalsekretär der KKJPD, bestätigt gegenüber «SF Online» etwaige «Wahrnehmungsdifferenzen» bei der Interpretation der Zahlen. Die Abnahme der verfügten Massnahmen hänge sehr mit der Schwierigkeit der Beweislage zusammen. «Je grösser die Fanmasse, desto schwieriger die präzise Identifikation straffällig gewordener Personen», erklärt Schneeberger.

«Annäherung an die Wahrheit»

In der internen HOOGAN-Ereignisliste, die von Spiel zu Spiel durch Sicherheitsdelegierte nachgeführt wird, sieht Schneeberger die Schwäche in den von der KKJPD verwendeten Statistiken. «Rauchpetarden auf dem Weg zum Stadion, oder die Demolierung eines ganzen Gästesektors, beides wird als jeweils als ein Gewaltereignis verbucht», so der KKJPD-Generalsekretär. Eine differenzierte Abstufung sei schwierig vorzunehmen: «Mann kann ja nicht einfach für Rauchpetarden auf dem Weg zum Stadion zum Beispiel einen Strafpunkt vergeben und für die Zerstörung der Toiletten im Gästesektor fünf.»

Mit einer Umfrage der Koordinationsstelle «Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen» bei Fachleuten der Polizei, privaten Sicherheitsdiensten, Sportverbänden, Fanbegleitern und Transportbetrieben im Sommer 2011 versuchte die KKJPD diese Unterschiede in der Vehemenz und im Umfang von Gewaltereignissen aus persönlichen Erfahrungswerten einzufangen. Die nicht repräsentative Umfrage ergab «mehrheitlich die Einschätzung, dass eine Zunahme der Gewalt festzustellen ist».

«Näher kommt man nicht an die Wahrheit», erklärte Schneeberger abschliessend.

(sf/koua)

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G. Giess, Reinach
(gag Mann)
Verfasst am: 27.1.2012 14:51

Phyros

Wann endlich werden die Vereine auch dazu... mehr

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B. Hauswirth, Therwil
(legrandbleu Mann)
Verfasst am: 25.1.2012 20:21

Gewalt und das Bild?

Es ist schon irritierend wenn in Zusammenhang mit... mehr

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