Vermischtes
«Die See ist und bleibt ein gefährlicher Ort»
Vieles deutet beim Unglück der «Costa Concordia» darauf hin, dass der Kapitän eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Der Schweizer Hochsee-Offizier Roger Witschi hat «SF Online» erklärt, welche Unfallszenarien plausibel sind – und warum das Risiko bei grossen Kreuzfahrtschiffen immer mitfährt.
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Deutliche Vorwürfe an den Kapitän: Ein «menschlicher Fehler» ist bei der Havarie des Kreuzfahrtschiffes nach Auffassung der Reederei des Unglücks-Schiffs nicht zu bestreiten. Der Kapitän habe eine «unerklärliche Fehlentscheidung» gemacht, sagte der Chef der Reederei bei einer Telefonkonferenz mit den Medien. Das Vorgehen auf dem Schiff sei zudem nicht nach den vorgegebenen strikten Regeln erfolgt.
Technik dürfte nicht komplett ausfallen
Dass der Faktor Mensch eine wesentliche Rolle gespielt hat, glaubt auch Roger Witschi, Präsident des Vereins Schweizerischer Kapitäne und Schiffsoffiziere. Auch wenn technische Systeme ausfallen würden, müssten «absolut notwendige Einrichtungen wie zum Beispiel Rudermaschine, Signalgeräte und Magnetkompass immer noch manuell bedient werden können», sagt er zu «SF Online».
Schiff nach Unglück noch gewendet
Noch sind die Einzelheiten des Unglück-Hergangs nicht bekannt. Die Auswertung der Blackbox soll Aufschluss über den Unfallhergang bringen. Offenbar ist das Schiff laut Europäischem Segelinformationssystem ESYS 800 Meter südlich des Hafens von Giglio mit 24 Kilometern pro Stunde auf einen Felsvorsprung aufgefahren. Danach soll die «Costa Concordia» bis vor den Hafen gefahren sein und gedreht haben.
«Die Darstellung des Unfallhergangs mit dem Drehmanöver scheint plausibel», sagt Witschi zu «SF Online». Bei diesem Manöver habe man womöglich das Drehmoment durch den Aufprall bei gegebenenfalls beschädigter Ruderanlage nutzen wollen – und es habe wohl dazu gedient, einen zusätzlichen Wassereinbruch zu vermindern und näher an das Land zu kommen.
Der Kapitän der «Costa Concordia» hatte nach dem Unfall gesagt, dass der Felsen «ziemlich sicher» in keiner Karte eingezeichnet gewesen sei. Dem widersprächen jedoch Einheimische: Der fragliche Felsen habe sogar einen Namen. So oder so – Witschi gibt zu bedenken: «Ein gewissenhafter Navigator muss jederzeit auch die Möglichkeit von unvorhersehbaren Hindernissen in seine Routenwahl miteinbeziehen. Die Route verlief ohne Not eindeutig zu nahe an Land und innerhalb der 20m-Tiefenzone, wo bei felsigen Küsten grundsätzlich mit gefährlichen, unkartierten Unterwasserhindernissen gerechnet werden muss.»
«Unseemännisches Verhalten» des Kapitäns?
Nicht nur bei der Unfallursache – auch bei den anschliessenden Rettungsmassnahmen, wurde Kritik an Kapitän und Besatzung laut. Der Kapitän habe kein SOS abgesetzt und das Schiff sehr früh verlassen.
Laut Witschi sind das harte Vorwürfe: «Falls die Schiffsführung weder einen Notruf abgesetzt hat, noch die Evakuierung angeordnet und überwacht hat, so handelt es sich um ein gravierendes und äusserst unseemännisches Fehlverhalten.» Der Unterbruch der Kommandokette erschwere die Evakuierung massgeblich, da die Besatzung darauf eingeübt sei, sich gerade in Not-Situationen befehlsgemäss zu verhalten.
Druck der Reedereien für «Show» möglich
Im Zusammenhang mit der Unglücksursache hat der Chef der Reederei nun gesagt, dass der Kapitän die «Insel grüssen wollte». Ein Facebook-Eintrag legt tatsächlich die Vermutung nahe, dass dieser für seinen Maître d'Hotel eine «Show» abziehen wollte. In den Medien wurde aber auch berichtet, dass teils systematischer Druck verschiedener Reedereien, ihre Kapitäne zu solchen «Show»-Aktionen für Passagiere verleiten.
In solchen Situationen würde ein Kapitän laut Witschi die Berufspflichten verletzen. «Als Seemann hat man die Möglichkeit, Konsequenzen zu ziehen und den Dienst zu quittieren falls die Reederei solche Aktionen verlangen würde. Im heutigen internationalen Konkurrenzumfeld setzt dies jedoch eine starke Persönlichkeit voraus.» Gemäss Witschi könne dies unter Umständen eine Seemanns-Karriere beenden.
Evakuierung bringt zwangsläufig Unfälle mit sich
Trotz all der Ungereimtheiten hätte das Unglück der «Costa Concordia» aber noch verheerender sein können. Bei einem Schiff mit über 4000 Personen an Bord hätten durchaus mehr Menschen sterben können. «Berücksichtigt man Alter und Kondition der Gäste, welche die grösste Anzahl auf dem Schiff ausmachen, so spricht dies grundsätzlich für die hohe Sicherheit.»
Witschi, der selber auch Sicherheitstrainings für Schiffspersonal der Aida-Reederei gibt, weist auf die stets strengeren Sicherheitsvorschriften und die sinkende Anzahl von Schiffsunglücken hin. Dennoch fragt er sich, ob es sinnvoll ist, dass noch grössere Kreuzfahrtschiffe gebaut werden sollen. «So viele Menschen auf so kleinem Raum in grundsätzlich gefährlicher Umgebung sind ein grossen Risiko.»
Berücksichtige man zudem die Grösse solcher Kreuzfahrtschiffe und das numerische Verhältnis der Besatzung zu den Passagieren, werde die Problematik bewusst: «Selbst ein absolut geordnete Evakuierung wird zwangsläufig Unfälle mit sich bringen.» Notfallübungen mit den Passagieren könnten da auch keine Wunder vollbringen, «damit aus Amateuren und Gästen Überlebensprofis» würden. «Die See ist und bleibt ein gefährlicher Ort», so Witschi.

Zur Person
Roger Witschi ist Präsident des Vereins Schweizerischer Kapitäne und Schiffsoffiziere. Der 26-Jährige hat sich an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven in Elsfleth zum nautischen Offizier ausbilden lassen.
Zurzeit studiert er zudem Jura an der Universität Bern. Witschi hat zuletzt im Sommer als Erster Offizier auf einem Hochseeschlepper gearbeitet. Zudem gibt Witschi Sicherheitstrainings für nicht-nautisches Schiffspersonal (z.B. Hotelangestellte, Maschinisten, usw.) der Aida-Reederei.
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