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International

Umbruch in arabischer Welt erst am Anfang

Franziska Engelhardt
Donnerstag, 12. Januar 2012, 3:45 Uhr

Eine neue Welle von Selbstverbrennungen erschüttert Tunesien und Algerien. Ein Déjà-Vu, welches vor über einem Jahr die arabische Revolution ins Rollen brachte. Das Manifest der Verzweiflung hat heute einen anderen Charakter. Der Blick von Aussen und Innen von zwei ägyptischen Journalisten zeigt, was das Jahr den Umbruchländern gebracht hat.

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In den letzten Tagen zündet sich in Tunesien ein 43-jähriger Familienvater an und stirbt im Spital an seinen schweren Brandverletzungen. Fünf weitere Selbstverbrennungsfälle wurden aus Tunesien gemeldet sowie jene eines 27-jährigen Mannes in Algerien. Diese endeten alle nicht tödlich.

Der erste Gestürzte: Ben Ali

Solche Bilder wecken Erinnerungen: Die Selbstverbrennung eines jungen Strassenhändlers im Dezember 2010 in Tunesien rüttelte Hunderttausende Tunesier auf. Ihre Proteste brachten mit dem Sturz des Diktators Zine el Abidine Ben Ali den ersten Dominostein in der arabischen Welt der Autokraten zu Fall. Dies war am 14. Januar 2011.

«Es geschah, was der arabischen Gesellschaft niemand zugetraut hätte», sagt der ägyptische Journalist Tamer Aboalenin, der seit 25 Jahren in der Schweiz als Korrespondent für arabische Medien berichtet im Gespräch mit «SF Online» – «Dass die Leute ihr Schicksal selber in die Hand nehmen wollen.»

«Es ist eine Herkules-Aufgabe, die enorme Arbeitslosigkeit und Wirtschaftslage zu überwinden.»
Tamer Aboalenin berichtet aus der Schweiz für arabische Medien

Die neuerlichen Selbsttötungen könnten den Anschein wecken, man stünde wieder am selben Ort wie vor einem Jahr. Die Situation ist aber eine andere. «Viele Menschen hatten nach dem Sturz sehr hohe Erwartung, die nicht erfüllt wurden», erklärt Aboalenin. Etlichen Menschen geht es nach der Revolution wirtschaftlich schlechter als besser.

Prekäre Lebensbedingungen

«Es ist eine Herkules-Aufgabe, die enorme Arbeitslosigkeit und schwierige Wirtschaftslage zu überwinden. Dass dies nicht über Nacht passiert, ist für wohlhabendere Akademiker logisch. Der einfache Bürger sorgt sich, wie er ohne Job seine Familie ernähren kann», so der Korrespondent. Es seien solche desillusionierte Männer, die sich aus Verzweiflung und Protest anzündeten.

Die soziale Frage werde zur entscheidenden in den Umbruchländern, denkt auch der in Kairo tätige ägyptische Journalist Karim El-Gawhary, der für einen Vortrag an der Zürcher Universität weilt. «Wie können die Lebensbedingungen dieser Leute verbessert werden? Die nächsten Jahre werden wir erleben, dass diese Leute auf die Strasse gehen.»

Gigantische Baustellen und Ruinen

Vier von zehn Ägyptern hätten zu Mubaraks Zeiten nicht mehr als zwei Dollar täglich zur Verfügung gehabt. Jetzt dürften es noch mehr sein, vermutet El-Gawhary, «Auslandsjournalist des Jahres» und Autor des Buches «Tagebuch der arabischen Revolution».

«Moslembrüder in Ägypten sind ähnlich gesinnt wie Mitglieder der Christdemokraten in der Schweiz (CVP).»
Tamer Aboalenin, ägyptischer Journalist

Beide Journalisten sprechen von gigantischen Baustellen und Ruinen, die es jetzt wieder aufzubauen gilt. «Wir haben das Dilemma, eine vollkommen neue politische Landschaft aufzubauen, die Wirtschaft lässt dies aber nicht zu», gibt El-Gawhary zu bedenken. Nach den Unruhen sind die ausländischen Investitionen eingebrochen und die Touristen ausgeblieben.

Entscheidendes Tor in 2. Spielminute

Der Komponist einer der bekanntesten Revolutionshymnen für Ägypten drückte es so aus: «Wir haben in den 2. Minute ein entscheidendes Tor geschossen. Alle haben gejubelt, alle haben vergessen, dass noch 88 Minuten vor uns liegen.»

Ultra-konservative Politiker im Aufwind (10vor10, 11.01.2012)

Die weitere Spielzeit nehmen nun die Islamisten in die Hand, welche in allen Ländern inzwischen eine deutliche Parlamentsmehrheit haben. Doch auch liberale und linke Parteien sind in die Parlamente gewählt worden.

Dies zeige, dass die Gesellschaft ein Gemisch sei aus Konservativen, Linken und Liberalen, so Korrespondent Tamer Aboalenin. Es hat sich in Tunesien gezeigt, dass sich die Islamisten auf Koalitionen mit anderen Kräften eingelassen haben. Der neue Präsident ist ein Liberaler, der Premier Islamist.

Koalitionsgespräche in Genf

Die Idee eines politischen Zusammenwachsens ist nicht neu und hat in der Schweiz ihren Anfang genommen. Die tunesische Opposition hatte sich bereits 2008 in Genf für Gespräche getroffen. Darunter waren sowohl Islamisten, wie auch Liberale und Linke. Und mit dabei Journalist Tamer Aboalenin, der sagt, wie erstaunt er damals über die Kompromissbereitschaft war. Schon damals gab es laut ihm Anzeichen, dass sich das Regime nicht mehr lange halten würde.

Die Islamisten indes seien keine Gefahr, wie hier im Westen vielfach befürchtet wird. «Mitglieder solcher islamistischen Parteien, z.B. der Moslembrüder in Ägypten, sind ähnlich gesinnt wie Mitglieder der Christdemokraten in der Schweiz (CVP). Die Religion ist wichtig, aber sie sind in gewissem Masse auch weltoffen», ist Aboalenin überzeugt.

Kontakt zu Libyen wegen Arbeitslosen

Nun stehen die neuen unerfahrenen Regierungen vor grossen Herausforderungen. Im Fall Tunesien spricht Aboalenin von einem sehr intelligenten, glücklichen Schritt. Als erstes besuchte der tunesische Präsident die libysche Regierung, mit der er eine Zusammenarbeit anstrebt. «Libyen braucht viele Arbeitskräfte, Tunesien hat viele Arbeitslose.»

«Die alten Regimes stehen im Strafraum und verteidigen, aber stürmen nicht mehr»
Karim El-Gawhary berichtet aus Kairo für deutschsprachige Medien

Der Aufbau dieser neuen arabischen Welt ist ein langwieriger Prozess. Wie schnell er vorankommt, wagt niemand zu prognostizieren. Erstmals wird am Samstag in Tunesien – am Jahrestag der Revolution – der Opfer des Aufstands gedacht. «Die vielen Opfer in Tunesien, Jemen, Libyen oder Ägypten sind eine traurige Bilanz. Aber diesen Preis mussten wir bezahlen für den Weg zu Demokratie und Freiheit», ist Tamer Aboalenin überzeugt.  

Für Journalist Karim El-Gawhary ist der Jahrestag ebenfalls erfreulich, weil die Revolution die jahrzehntelange Starre in den Ländern durchbrochen hat. «Die alten Regime haben seither kein Tor geschossen. Sie stehen im Strafraum und verteidigen, aber stürmen nicht mehr.»