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Zehn Jahre Euro – (K)ein Grund zu feiern?

Sonntag, 1. Januar 2012, 10:19 Uhr

Die europäische Einheitswährung scheint auf den ersten Blick ein riesengrosses Missverständnis zu sein. Nach einem einigermassen geglückten Start zierten später nur noch Pleiten, Pech und Pannen ihren Weg. «SF Online» hat zwei Schweizer Experten zum «Experiment Euro» befragt.

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Spätestens in den letzten Monaten, als eine Hiobsbotschaft die nächste jagte, waren viele Schweizer ganz sicher froh, dass der Euro-Kelch sie nur gestreift, sonst aber doch relativ sorgenfrei an ihnen vorbeigerauscht war. Aus Sicht der Eidgenossen und mittlerweile auch vieler Europäer hätte es die Einheitswährung ohnehin nicht gebraucht – ist der Euro ein nun schon zehn Jahre andauerndes Missverständnis.

«Einspruch»,  meint Marco Curti, «denn die Einheitswährung hat Europa in der Welt gestärkt – Frieden und Demokratie auf dem Kontinent gesichert», ist der Anlagechef der Zürcher Kantonalbank (ZKB) überzeugt. Damit sei die politische Idee hinter dem Euro auf jeden Fall aufgegangen.

Komplett anders sieht es hingegen Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Nicht das er die positiven Aspekte der europäischen Einigung übersehen würde – den Euro hätte es aber aus seiner Sicht dafür nicht gebraucht. Im Gegenteil, vor allem die Länder an der Peripherie würden unter der Einheitswährung leiden. «Es gibt die Wachstumszentren in der Mitte – der Rest wird abgehängt», bringt Straumann seine Sicht der Dinge auf den Punkt.

(«Tagesschau» vom 01.01.2012)

«Der Euro stinkt vom Kopf!»

Schwächere Länder heranzuführen sei nicht gelungen, so Curti. Dennoch gebe es aber auch wirtschaftlicher Sicht durchaus Positives. «Die Wechselkursrisiken sind nicht mehr vorhanden und die Transaktionskosten haben sich deutlich gesenkt», so der Anlagechef der ZKB. Zudem habe der Euro dafür gesorgt, dass nun mehr Wettbewerb herrscht und viele Länder sich strukturell modernisieren mussten.

Tobias Straumann sieht das bei weitem nicht so optimistisch. «Es gibt bis heute noch kein funktionierendes Steuersystem in Griechenland und selbst in Italien wurde noch keine einzige Reform wirklich umgesetzt», so der Wirtschaftshistoriker.

Das Projekt Euro – für Straumann stinkt es vom Kopf her. «Ich kenne keine einzige Währungsunion, die ohne übergeordnete Bundesbehörde funktioniert hat», so Straumann. Souveränität in Form von Budget- und Etathoheit müsse nach oben abgegeben werden.

Auf den Euro angewandt wären laut Straumann deshalb folgende zwei Änderungen unabdingbar: Es muss eine Sanktionsgewalt geschaffen werden, die Länder, welche gegen die Maastricht-Kriterien verstösst, diszipliniert und bestraft – und es müssen Finanzausgleichszahlung an schwächere Länder über einen sehr langen Zeitraum erfolgen, bis sich die Probleme durch wirtschaftliche Stärkung oder Abwanderung gelöst haben.

«Man wird alle Hebel in Bewegung setzen»

Wird der Euro auch sein 20-jähriges Jubiläum erleben? Noch vor ein paar Wochen hätten Analysten und Experten darauf vermutlich kaum mehr einen Pfifferling gesetzt. Doch nach den jüngsten Beschlüssen zur Euro-Rettung sehen viele der Zukunft etwas entspannter entgegen – auch Marco Curti: «Der Euro ist das politische Projekt der Deutschen und Franzosen. Man wird deshalb alle Hebel in Bewegung setzen, dass er bleibt.»

Ohne die Einheitswährung wäre der europäische Einigungsgedanke auf das massivste beschädigt. Ob aber tatsächlich alle derzeitigen Euro-Länder das Jubiläum erleben werden, sei mehr als fraglich. Griechenland, Portugal und möglicherweise auch Irland seien unsichere Länder an deren Abspaltung der Euro nicht zu Grunde gehen werde.

«Wenn es so weitergeht, dann sieht es schlecht aus», meint Straumann mit Blick auf die Zukunft der europäischen Einheitswährung. Es fehle seiner Ansicht nach zwar nicht am politischen Willen, aber um den Euro zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, bräuchte es noch grosse Schritte auf institutioneller und struktureller Ebene.

«Man kann das noch so paar Jahre weiterziehen, Aber wenn man keine Lösungen findet, dann sehe ich schwarz», so Straumann. «Eine einheitliche Geldpolitik für heterogene Gebiete macht keinen Sinn – es sei denn, man ist bereit, die enormen strukturellen Spannungen mit finanzpolitischen Mitteln auszugleichen.

Wer A sagt, muss auch B sagen

Marco Curti sieht das entspannter. Ein Scheitern werde erst dann eintreten, wenn Deutschland und Frankreich vermehrt in die Zahlung der Staatsschulden anderer Länder einspringen müssten. «Momentan geben diese Länder ja nur Bürgschaften. Falls aber doch echte Transferzahlungen fällig würden und hunderte Milliarden Euro zu zahlen wären, dann, aber erst dann könnte das Projekt Euro kippen.» Momentan sei dieser Punkt aber nicht in Sicht.

Angesichts dieser Schwierigkeiten sollte sich die Frage, ob der Euro als Frankenersatz taugt, eigentlich nicht stellen. Tut sie überraschenderweise aber doch. Durch die Wechselkursuntergrenze von 1,20 habe die Schweiz bereits A gesagt, so Marco Curti. Sollte der Franken noch einmal zur Fluchtwährung werden und die SNB trotz vieler Franken das Wechselkursziel nicht mehr halten können, dann könne es durchaus passieren, dass die Schweiz auch irgendwann einmal B sagen müsse. Momentan sei das aber keine ernsthafte Option, so Curti.

Das sieht auch Tobias Straumann: «Das Wechselkursuntergrenze ist ja nicht in Stein gemeisselt und kann jederzeit rückgängig gemacht werden.» Sollte die Anbindung des Franken an den Euro aber über eine längere Zeit bestehen bleiben, dann findet auch Straumann, müsse man sich schon Gedanken über ein anderes Währungsregime machen.

«Wie das dann konkret aussieht lässt sich im Moment nicht vorhersagen», so Straumann. Laut dem Experten sei das dänische Modell aber möglicherweise ein Weg. Dänemark hatte seine Krone als Währung mit der Einführung des Euro zwar behalten, diese aber fix an die neue Währung gekoppelt.

(maiu)