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«Club»: Vom Verdingkind zum Pflegekind – ist heute alles besser?

Dienstag, 8. November 2011, 23:22 Uhr

Verdingkinder gehören zur Schweizer Vergangenheit. Viele von ihnen erlebten keine gute Kindheit. Heute wachsen tausende Pflegekinder fernab ihrer leiblichen Eltern auf. Haben sie es besser? Und wie geht es ehemaligen Verdingkindern heute? - Fragen denen im «Club» nachgegangen wurde.

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Yvonne Gassmann über den Zustand in Pflegefamilien.

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In der Schweiz lebten über 100'000 Verdingkinder. Sie wurden fern ihrer Eltern in anderen Familien auf. Meist wurden sie als billige Arbeitskräfte auf Bauernhöfen eingesetzt. Ein aktueller Kinofilm, «Der Verdingbub», thematisiert die dunkle Vergangenheit der Schweiz und bringt das Thema auf den Tisch von Politik und Medien.

Doch wie geht es Pflegekindern heute in der Schweiz? Wie hat sich die Situation verändert? Und wie geht es Verdingkindern heute?

Im «Club» diskutieren

Anlässlich ihrer «Club»-Premiere diskutiert Karin Frei mit folgenden Gästen:
Monika Minder, ehemaliges Verdingkind, heute Pflegemutter
Marion Deck, sie wurde als Pflegekind misshandelt
Nicolas Galladé, Stadtrat Departement Soziales in Winterthur
Yvonne Gassmann, Erziehungswissenschaftlerin, Pflegekind-Aktion Schweiz
Christoph Häfeli, Experte für Kinder- und Erwachsenenschutz
Jeannette Fischer, Psychoanalytikerin, Psychotherapeutin, Expertin für Traumata von Verdingkindern

Im Film «Der Verdingbub» wird ein Junge mit einem Gurt geschlagen, ein Mädchen wird vergewaltigt, das ganze Dorf schweigt dazu. «Monika Minder, sie waren Verdingkind, wie nahe an der Realität ist dieser Film?» fragt Karin Frei.

«Es ist hart, aber es ist 1:1 so», antwortet Monika Minder. «Ich wurde zwar nicht vergewaltigt, aber hart geschlagen.» Sie sei in eine Gärtnerei platziert worden, ihre Geschwister wurden an andere Familien verteilt. Ihr leiblicher Vater war Alkoholiker, ihre Mutter mit den vier Kindern völlig überfordert.

Monika Minder über ein Erlebnis aus ihrer Zeit als Verdingkind.

Hat Monika Minder jemanden von den Schlägen erzählt? «Ja, das habe ich schon gemacht, aber dafür wurde ich als Nestbeschmutzer bezeichnet. Manchmal wurde ich auch Lügnerin genannt.»

«Zuletzt bin ich doch lieber diejenige, der Unrecht geschieht, statt diejenige, die Unrecht getan hat.»
Monika Minder, ehemaliges Verdingkind

Die ehemalige «Pflegemutter» und Gärtnerin habe sich schliesslich bei ihr entschuldigt, erzählt Monika Minder. Sie sei 82 Jahre alt gewesen und habe an Krebs gelitten – sie habe wohl die Himmelstüre etwas weiter aufschieben wollen.

Rückblickend hat das ehemalige Verdingkind Frieden geschlossen mit seiner Vergangenheit. «Zuletzt bin ich doch lieber diejenige, der Unrecht geschieht, statt diejenige, die Unrecht getan hat», sagt Monika Minder.

«Dass man schweigen musste, ist das Schlimmste.»
Jeannette Fischer, Psychoanalytikerin

«Es sind nicht die Schläge, die schwierig zu verarbeiten sind», sagt Jeannette Fischer über den Umgang von Verdingkindern mit ihren Erlebnissen. Diese Misshandlung könne man verarbeiten. Aber dass man dabei in eine Einsamkeit hineingedrängt worden sei, ins Schweigen verdammt, das sei das Schlimme gewesen. «Das macht die Verarbeitung fast unmöglich», sagt die Psychoanalytikerin, die zahlreiche Verdingkinder zu ihren Patienten zählt.

Endlich wird über das Thema gesprochen – zumindest in den Medien und der Politik. Eine offizielle Entschuldigung von Seiten der Behörden gibt es jedoch nicht.

Keine Entschuldigung vom Bundesrat

Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) hat im Namen von Bundesrätin Simonetta Sommaruga folgende Stellungnahme publiziert:

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat den Verdingkind-Film gesehen und ist froh, dass man sich des Themas angenommen hat. Der Stoff regt zum Nachdenken an. Viele Verdingkinder wurden ausgenutzt und konnten sich nicht wehren. Es ist dem Bundesrat ein grosses Anliegen, dass den Verdingkindern Gehör verschafft wird, und dass man ihnen glaubt.

2012 plant das EJPD einen Gedenkanlass für ehemalige Verdingkinder. Bei diesem Anlass geht es um moralische Wiedergutmachung und nicht um finanzielle Entschädigung. Es geht um Anerkennung des Erlebten. Wichtig ist es zudem, aus der Geschichte zu lernen. Zudem ist dem Bundesrat auch der Erhalt der Akten von damals wichtig.

«Die Stellungnahme ist explizit keine Entschuldigung», sagt Christoph Häfeli, Experte für Kinder- und Erwachsenenschutz. Das habe juristische und politische Gründe. Wenn sich die oberste Landesbehörde offiziell entschuldigen würde, würden sofort materielle Forderungen laut. Dies sei bisher nicht passiert und wäre juristisch auch nur sehr schwer umzusetzen. Deshalb habe sich die Behörde juristisch abgesichert.

Marion Decks Schwester nahm sich das Leben

«Ich wusste nicht mal, dass es Verdingkinder gibt», sagt Marion Deck. «Aber ich bin ob der Geschichten der Verdingkinder richtig baff.» Marion Deck wurde als Kleinkind zusammen mit ihrer Schwester in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben. Obwohl die Zeit der Verdingkinder in der Schweiz vorbei war – auch das Geschwisterpaar erlebte regelmässig Schläge.

Schliesslich seien sie in ein Heim platziert worden. Dort sei es ihr gut gegangen, erzählt Marion Deck rückblickend – doch nicht ihrer Schwester. Diese sei vom Heimleiter missbraucht worden. Die Schwester nahm sich das Leben, als sie knapp über 20 war. Zuvor hat sie ihre Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben.

«Im Nachhinein ist man immer schlauer»

«Natürlich kam die Behörde vorbei, aber nur angemeldet, und da wurden wir jeweils schön hergerichtet und alles aufgeräumt», erzählt Marion Deck.

«Nicolas Galladé, Sie arbeiten nun bei der Behörde, die das Geschwisterpaar Deck regelmässig besuchte», sagt Moderatorin Karin Frei. «Hätte man nicht etwas merken müssen?» «Grundsätzlich machen mich diese Schilderungen sehr betroffen», sagt Nicolas Galladé. «Man müsste sich fragen, ob es Anzeichen gegeben hat, dass man früher hätte eingreifen sollen». Aber im Nachhinein sei man natürlich immer schlauer.

Nicolas Galladé über die Fehler der Behörden im Fall Deck.

«Es ist durchaus möglich, dass in diesen Akten gar nichts steht», gibt Christoph Häfeli zu bedenken. «Wir haben heute Standards, die vor 30 Jahren nicht existierten, und schon gar nicht vor 50 Jahren.» Der Fall von Deck sei zwar immerhin unter der neuen Pflegekinderverordnung von 1977 passiert, jedoch sei vielleicht folgender Fehler passiert: «Ich stelle immer wieder fest, dass man mit allen möglichen Akteuren spricht – nur nicht mit dem betroffenen Kind selbst. Wir sind leider heute nicht so wahnsinnig viel weiter.»

«90 Prozent der Pflegekinder geht es heute gut.»
Yvonne Gassmann, Erziehungswissenschaftlerin, Pflegekind-Aktion Schweiz

«Wie weit sind wir denn heute, Yvonne Gassmann?» fragt Karin Frei die Erziehungswissenschaftlerin. «Wir wollten das Partizipationsrecht in der Revision der Pflegekinderverordnung verankern, ebenso einen Hilfeplan für sämtliche Punkte, die das Kind betreffen.» Derzeit liegt die Revision auf Eis, da sie sich zum bürokratischen Monstrum entwickelte.

In der Schweiz gebe es etwa 15‘000 Pflegekinder. 90 Prozent gehe es gut, sagt Yvonne Gassmann. Sie habe 100 Pflegekinder befragen können. Jedoch gebe es bei etwa 10 Prozent Probleme.

Breites Spektrum an Hilfestellungen gefordert

«Wir haben viel gelernt», fasst Yvonne Gassmann zusammen. «Wichtig zu wissen ist: Es gibt ein breites Spektrum von Gründen, warum ein Kind in eine Pflegefamilie kommt. Das erfordert auch ein breites Spekturm von Hilfestellungen.» Beispielsweise habe man früher gesagt, nur Pflegefamilien mit Kindern dürften Kinder aufnehmen. Heute wisse man, dass Familien ohne Kinder genauso gut ein Pflegekind betreuen könnten.

Kinofilm «Der Verdingbub»

Der aktuelle Kinofilm «Der Verdingbub» beleuchtet das unvorstellbare Leid, das Zehntausenden von verdingten und misshandelten Kindern in der Schweiz zugefügt wurde.

 

Trailer «Der Verdingbub»

(buev)

Kommentare aktiv...

R. Reinhard, Basel
(Penner Mann)
Verfasst am: 10.11.2011 12:43

Ich, von 1945 bis 1955 als Heim- und Arbeitssklave versorgt.

«2012 plant das EJPD einen Gedenkanlass für... mehr

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V. Eberhard
(veberhard )
Verfasst am: 9.11.2011 13:35

linke Politik

fördert vorallem Menschen, welche irgendetwas zu... [2]  mehr

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A. Arnold, Ebikon
(A.Arnold Frau)
Verfasst am: 9.11.2011 13:25

Verdingkinder,Heimkinder

Kinder im Spital!Vor 50-60Jahren,so lang ist es... mehr

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