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Schweiz

«Arena»: Ist die Atomenergie in der Schweiz am Ende?

Samstag, 19. März 2011, 1:29 Uhr

Die Atomenergie-Katastrophe in Japan wirbelt die internationale Energiepolitik auf. Deutschland hat bereits zwei Atomkraftwerke vom Netz genommen, in der Schweiz fordern Grüne und SP die Absetzung des AKW Mühleberg. Ist das der richtige Weg?

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Corina Eichenberger (FDP) hält eine Überprüfung der Stromquellen für nötig.

Japan beschäftigt die Welt. Durch die Naturkatastrophe mit Erdbeben und Tsunami ist auch das AKW Fukushima I im Nordosten Japans ausser Kontrolle geraten: In diversen Reaktoren erhitzen sich die Brennstäbe, weil sie nicht mehr ausreichend gekühlt werden. Die Krise schürt die Diskussion um Atomkraft.

Die Schweiz deckt 40 Prozent ihres Energiebedarfs mit Strom aus den fünf Schweizer AKW. Eines davon ist Mühleberg, das sich in einer Prüfphase befindet. Ziel ist festzustellen, ob es den neuesten Sicherheitsstandards genügt. Soll es bis zu diesem Entscheid vom Netz?

«Ja», findet Brigit Wyss, Nationalrätin der Grüne. Auch AKW-Gegner und Energiespezialist der SP Eric Nussbaumer fordert, dass sofort Nachrüstungen gemacht werden: «Mindestens das, was die Sicherheitsbehörden vorschlagen, muss doch etabliert sein.»

«Ein Unglücksfall reiht sich an den nächsten», sagt Brigit Wyss (Grüne).

Die AKW-Befürworter Hans Killer (SVP) und Corina Eichenberger (FDP) plädieren hingegen, dass erst eine sorgfältige Analyse gemacht wird, bevor Entscheide getroffen werden. «Wir wissen doch noch überhaupt nicht, was eigentlich passiert ist», sagt Nationalrat Killer.

«Die Atomkraft ist eine Technologie, die wir nicht mehr beherrschen, wenn es zur Katastrophe kommt.»
Brigit Wyss, Nationalrätin Grüne

«Wir können ein starkes Erdbeben nicht ausschliessen, jedoch sind unsere AKW nicht in den Erdbebengebieten», sagt Nationalrätin Corina Eichenberger. Tsunami könne man ausschliessen. Hochwasser birge ein gewisses Riskio, doch «das Risiko ist berechenbar, und die AKW können in der heutigen Situation damit umgehen.»

Bild Die Karte zeigt die Lage der AKW sowie die Erdbebenregionen der Schweiz (in rot).
Die Karte zeigt die Lage der AKW sowie die Erdbebenregionen der Schweiz (in rot). sf

Wyss kontert: «Ein AKW ist ein AKW, und in Japan sind sie so gefährlich wie bei uns». Es sei eine Technologie, die wir nicht beherrschten, wenn es zur Katastrophe komme, in Japan wie auch in der Schweiz. Eric Nussbaumer stimmt dem zu. «Die geschätzten Risiken eines Atomkraftwerks ist massiv überschritten worden, und dann hat man es einfach nicht mehr im Griff.»

«Ich schlafe zugegebenermassen nicht sehr ruhig,» sagt AKW Mühleberg-Betreiber Kurt Rohrbach. Ich kann mir nur teilweise vorstellen, wie es den AKW-Mitarbeitern von Fukushima I geht. «Die Frage, die wir uns stellen, ist: Muss man sofort Entscheide treffen?» Bislang ist das AKW Mühleberg noch am Netz, und er stehe zu diesem Entscheid, so Rohrbach.

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Die Expertenrunde unterstützte die Diskussion mit fachlichen Details. sf

Auch der Direktor des Eidg. Nuklearsicherheitsinspektorats, Hans Wanner, verteidigt das AKW Mühleberg, das vor der Nachrüstung dem japansichen Standard entsprochen habe: «Mühleberg ist jetzt erdbebensicher, flugzeugabsturzsicher und überschwemmungssicher – diesen Standard haben die japanischen AKW nicht». Die Sicherheitsprüfungen für die neuen Standards seien allerdings noch nicht abgeschlossen.

Martin Bäumle, Präsident der Grünliberalen, ist über die Aussage von Hans Wanner überrascht. Er habe sich von Wanner für Mühleberg grünes Licht erhofft.

Martin Bäumle, Präsident der Grünliberalen: «In der Fliegerei heisst 'safety first' grounding.»

«Ich bin enttäuscht vom ENSI», sagt auch Wyss. Es schiebe den Entscheid über die Abschaltung der AKW der Politik zu, doch Politiker seien keine Experten. «Warum haben Sie nicht den Mut die AKW abzuschalten? Warum kann es Deutschland und wir nicht?»

«Die SBB braucht im 2020 rund 15 Prozent mehr Strom – wir müssen uns von idealistischen Vorstellungen lösen.»
Hans Killer, Nationalrat SVP

Deutschland lässt dafür andere AKW länger laufen, entgegnet Rohrbach. Marie-Thérèse Weber-Gobet, CSP-Nationalrätin, macht darauf aufmerksam, dass Österreich keine Kernkraftwerke besitzt und trotzdem eine funktionierende Wirtschaft hat.

Hans Killer nennt unter anderem die rasch anwachsende Bevölkerung durch Zuwanderung in der Schweiz als Grund für die AKW. «Alle Jahre kommt eine Grösse der Stadt Winterthur hinzu». Auch die müsse mit Strom versorgt werden. Studien der EU rechnen auch in 2030 mit etwa 30 Prozent Kernenergie, sagt Killer.

«Das Restrisiko ist eine polistische Frage.»
Jürg Burri, Geschäftsleiter Energiestiftung

Der Punkt sei doch eigentlich, dass die Politik sich entscheiden müsse, ob sie das Restrisiko tragen wolle, sagte Jürg Burri. Es komme ihm vor wie bei der Finanzkrise, bei der plötzlich ein Viertel des Weltvermögens «eingedampft» worden sei – ein Szenario, das auch niemand für möglich gehalten habe.

«Wir sagen an einem Ast, auf dem wir sitzen, bevor ein neuer Ast gewachsen ist.»
Corina Eichenberger, Nationalrätin FDP

«Trotzdem können wir nicht von heute auf morgen auf alternative Energien umstellen», sagt Corina Eichenberger. Es sei richtig, dass man den Strommix überprüfe. Man müsse schauen, was machbar sei, und innert welcher Zeit etwas möglich sei, und welche Konsequenzen die Handlungen für Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft hätten.

Corina Eichenberger (FDP) und Eric Nussbaumer (SP) über den sofortigen Atomausstieg.

«Das Risiko ist heute nicht höher als vor einer Woche, jetzt hat es einfach eine höhere Aufmerksamkeit und weniger Akzeptanz», schliesst Domenico Giardino vom Schweizer Erdbebendienst die Diskussion ab.

Drei Szenarien zur Schweizer Atomzukunft

Nach der Katastrophe in Japan hat das Bundesamt für Energie (BfE) den Auftrag erhalten, drei Szenarien für die Zukunft der Atomenergie in der Schweiz zu entwerfen.

- Die unveränderten Fortsetzung der Atomkraft

- Den Mittelweg: Bau eines Ersatzatomkraftwerk mit gleichzeitig starken Investitionen in erneuerbare Energien und die Energieeffizienz

- Den totalen Ausstieg aus der Atomkraft

Die Analyse, die der Politik als Entscheidgrundlage dienen wird, soll in einem Jahr vorliegen.

(buev)