Katastrophe in Japan
AKW-Katastrophe als Lehrstück für schlechte Krisenkommunikation
Es ist zweifellos eine Extremsituation – doch die Verantwortlichen in Japan stehen in der Kritik. Regierung und AKW-Betreiber informierten vor allem in den ersten Tagen der Katastrophe nur schleppend und teils widersprüchlich. Roland Binz, Berater für Krisenkommunikation, erklärt «tagesschau.sf.tv» welche Grundregeln auch angesichts der Krise gelten müssten.
Artikel bewerten
Artikel teilen
Die japanischen Medien kritisieren die Informationspolitik der Regierung der AKW-Betreibergesellschaft Tepco. Auch auf Twitter gibt es kritische Töne, und ebenfalls aus dem Ausland kommt Kritik. So verlangte der australische Aussenminister Kevin Rudd «dringend weitere Informationen über die Reaktoren».
Premierminister liess sich Zeit
Tatsächlich liessen sich die Verantwortlichen viel Zeit. Am Samstagnachmittag gab es eine erste Explosion im AKW Fukushima I. Mehr als 5 Stunden dauerte es, bis sich der japanische Premierminister Naoto Kan in einer Fernsehansprache besorgt zeigte.
Dabei wäre Geschwindigkeit ein zentrales Element der Informationspolitik, wie Roland Binz, Berater für Krisenkommunikation, zu «tagesschau.sf.tv» sagt. «Es besteht ein enormes Informationsbedürfnis angesichts der Krise, und zwar weltweit».
Auch Atomlobby in der Schweiz gefordert
Angesichts der Krise in Japan hat die Atomlobby in der Schweiz in den ersten Tagen laut Roland Binz «ungeschickt kommuniziert». Man habe die Situation in Japan als «nicht vergleichbar mit der Schweiz» kommentiert. «Man kann den Menschen die Angst nicht nehmen durch Verharmlosung, wenn gleichzeitig alle Welt zuschauen kann, wie in Fukushima eine Katastrophe passiert.»
Gut reagiert habe hingegen Bundesrätin Doris Leuthard. «Sie hat als erste den Ernst der Situation erkannt, nämlich dass nun kritisches Hinterfragen und Krisenkommunikation gefordert sind», so Binz. Der bürgerliche Vorwurf, sie habe mit dem Planungs-Stopp für neue AKW voreilig gehandelt, lässt er aus Perspektive der Krisenkommunikation nicht gelten.
Zwar sei es schwierig von der Schweiz aus diese Extremsituation zu beurteilen, so Binz. Doch gewisse Grundregeln würden immer gelten. Zudem seien die Anforderungen an die Krisenkommunikation gestiegen. «Mit Twitter und Social Media muss man heute in Echtzeit informieren.»
Nicht nur die Geschwindigkeit der Information ist laut Binz wichtig: «Man muss auch regelmässig informieren – ansonsten führt dies zu Spekulationen und Gerüchten.»
In der Kritik steht auch die AKW-Betreibergesellschaft Tepco. Sie liess sich noch mehr Zeit mit einer ersten Medienkonferenz. Und sogar Premier Kan erfuhr offenbar erst im TV von der Explosion vom Samstag.
AKW-Betreiber wie BP in der Öl-Krise
Der atomare Notstand für Fukushima I wurde bereits am Freitag ausgerufen. Erst am Sonntag traten die Manager von Tepco aber vor die Medien. Seither halten sie sich trotzdem zurück mit Informationen. Immer wieder heisst es, die Lage sei «sehr schlimm». Dann wieder wird erklärt, dass nur wenig radioaktive Strahlung austrete. Eine solche «Salami-Taktik» der Kommunikation sei verheerend.
Wichtige Regeln in der Krisenkommunikation
- Schnelle und aktive Kommunikation
- Regelmässige und korrekte Information
- Keine «Salami-Taktik»
- Fehler eingestehen
«Die Informationspolitik von Tepco deutet auf eine mangelhafte Vorbereitung und Organisation in Sachen Kommunikation hin», sagt Binz. Die Menschen müssen auf Informationen warten. So entstehe der Eindruck, dass etwas vertuscht wird. «Tepco verhält sich im Prinzip wie BP bei der Öl-Katastrophe.» Dabei wäre es wichtig, dass aktiv kommuniziert wird, und dass Tepco diesbezüglich den Takt vorgibt.
Verantwortliche haben Bonus verspielt
Auch den Einwand, dass man mit zu viel Information eine Panik zulassen könnte, lässt Binz nicht gelten. Den grössten Einfluss auf die Menschen habe man, wenn man Glaubwürdigkeit ausstrahle. Laut Binz kann es sehr gut sein, dass Tepco die Krise selbst eigentlich bestmöglich meistert. Doch durch schlechte Kommunikation kommt das bei den Menschen kaum an.
Kommt hinzu, dass die Verantwortlichen mit einer zu zurückhaltenden Kommunikation einen Start-Bonus verspielen. Binz: «Die Menschen haben bei Naturkatastrophen ein grosses Grundverständnis für die Krise und sind sich bewusst, dass chaotische Zustände herrschen können.» Für eine schlechte Kommunikation habe man aber kein Verständnis. So verspiele man seine Glaubwürdigkeit.
Nur keine falschen Hoffnungen wecken
Binz sieht die Verantwortlichen in Sachen Kommunikation gefordert: «Premierminister Nato Kan muss nun öffentlich Führungsstärke und Krisenmanagementfähigkeiten beweisen. Und von Tepco erwarten die Menschen Einblicke ins operative Krisenmanagement und nicht nur nüchterne Statusmeldungen zum Reaktorzustand.»
Die Verantwortlichen können aber wieder trotz der schwierigen Situation wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen. Dafür braucht es Laut Binz das Eingeständnis von eventuellen Fehlern und künftig regelmässigen Informationen.
«Auch wenn Tepco vielleicht selber nicht alle Fakten kennt, kann man Vertrauen zurückgewinnen, wenn man transparent und im Takt darüber informiert, wie man die Krise meistert», so Binz. «Gerade hier, wo die Situation sich stets rasch verändert. Dabei müssen sich die Verantwortlichen allerdings hüten, voreilige Versprechungen zu machen oder falsche Hoffnungen zu wecken, wie dies zum Beispiel BP getan hatte.»

Roland Binz ist Berater für Krisenkommunikation und Dozent am Schweizerischen Public Relations Institut. Früher war er unter anderem als Konzernsprecher der SBB und als Informations-Offizier der Schweizer KFOR-Friedenstruppen in Kosovo tätig.
Das neueste über die Lage in Japan erfahren Sie im News-Ticker.
Meldungen im Tagesverlauf
- Weiteres schweres Beben in Norditalien
- Frankreich verzichtet für EURO auf Gourcuff
- Bald-Papa Robbie Williams: Für seine Kleine macht er sich fit
- Migros deklariert Produkte aus besetzten Gebieten
- Annan kämpft in Syrien weiter für Frieden
- Griechenland gibt EURO-Kader bekannt
- Dänemark-Keeper Sörensen verpasst EURO
- 500'000 Chilenen üben den Ernstfall
- Bundesgericht: Kein Zeitaufschub für AKW Mühleberg
- Bundespräsident Gauck pocht in Israel auf Zwei-Staaten-Lösung
- Max Loong versucht sich an der Stange
- Kauflust in der Schweiz zieht weiter an
- Transfers und Gerüchte: Abraham möchte zum HSV
- Bircher und Hildenbrand zurückgetreten
- Wenig Überschuss für AHV, rote Null für IV
- Promis geben in Monaco Vollgas












H. Melzer, Lentigny
)
(Melzer
Verfasst am: 16.3.2011 17:49
Krisensituation
Ich glaube kaum das sich hier in der Schweiz... [1] mehr
Zustimmen — 19 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen — 3 Leser sind anderer Meinung.
Heiklen Inhalt melden antworten
Heiklen Inhalt melden antworten
S. Bendicht, Bern
)
(lowend
Verfasst am: 16.3.2011 15:25
Schlechte Kommunikation?
Mir scheint es irgendwie typisch für die gesamte... mehr
Zustimmen — 13 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen — 6 Leser sind anderer Meinung.
Heiklen Inhalt melden antworten
Heiklen Inhalt melden antworten
M. Hadorn, Obernau
)
(mhadorn
Verfasst am: 16.3.2011 13:44
Vor der eigenen Türe wischen
Dass angesichts einer solchen Katastrophe Fehler... mehr
Zustimmen — 35 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen — 3 Leser sind anderer Meinung.
Heiklen Inhalt melden antworten
Heiklen Inhalt melden antworten