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Katastrophe in Japan

Was Radioaktivität im Körper anrichtet

Sibylle Katja Bossart
Montag, 14. März 2011, 17:51 Uhr, Aktualisiert 23:28 Uhr

Hohe Dosen radioaktiver Strahlung können ganz unterschiedliche gesundheitliche Probleme zur Folge haben – Leukämie, Tumore in der Schilddrüse und Hauterkrankungen sind einige davon. Es kommt vor allem darauf an, über welchen Zeitraum hinweg der Körper welcher Strahlendosis ausgesetzt ist. Es wird unterschieden zwischen Strahlen, gegen die man sich mit Anzug und Maske schützen kann und solchen, die den Körper durchdringen.

Bild Zwei Hände unter einem Dosimeter.
Der Dosimeter misst die Strahlendosis, die auf die Haut eines Menschen trifft. reuters

«Bei radioaktiver Strahlung gilt es, sich vor Kontamination und Inkorporation zu schützen», erklärt Fredi Pfeiffer, Ingenieur in der Abteilung Nuklearmedizin am Universitätsspital Zürich zu «tagesschau.sf.tv». Die Strahlenquelle sollte also weder die Haut noch das Körperinnere erreichen.

«Die Schutzanzüge gegen Gamma-Strahlen wären so dick, dass man sich darin nicht bewegen könnte.»
Fredi Pfeiffer, Ingenieur in der Nuklearmedizin

Gegen sogenannte Alpha- und Beta-Strahlen kann sich der Mensch mit einem Schutzanzug und einer Atemmaske schützen. So dringt die Strahlung nicht ungehindert in den Körper ein. Gefährlich werden diese Strahlen nur dann, wenn sie in den Körper gelangen, also inkorporiert werden – zum Beispiel über die Nahrungsaufnahme oder die Atmung.

Was macht die Strahlen so gefährlich? (Puls, 14.03.2011)

Gegen Gamma-Strahlen jedoch nützen Schutzanzüge und Schutzmasken nichts. «Die Schutzanzüge gegen Gammastrahlen wären so dick, dass man sich darin nicht bewegen könnte», sagt Fredi Pfeiffer. Gammastrahlung entsteht zum Beispiel beim Röntgen. «In den Spitälern werden bauliche Massnahmen getroffen, um sich vor Gammastrahlen zu schützen, zum Beispiel Wände oder Glasscheiben», so Pfeiffer weiter.

Gustav von Schulthess. (nuk.usz.ch)
«Die Grundregel des Strahlenschutzes ist die Distanz.»
Gustav von Schulthess, Direktor Klinik für Nuklearmedizin, Zürich

Bei einem Unfall in einem AKW kommt laut Gustav von Schulthess, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin in Zürich, ein wichtiger Schutzfaktor dazu: der Abstand zur Unfallquelle. «Die Grundregel des Strahlenschutz ist die Distanz», so von Schulthess. Die Menschen müssten vom Strahlenherd weggebracht werden. Dies sei in Japan nach der Explosion in den Reaktoren 1 und 3 des AKWs Fukushima geschehen.

«Bei der radioaktiven Strahlung kommt das Abstandsquadratgesetz zum Zug», sagt von Schulthess. «Verdoppelt sich zum Beispiel der Abstand vom Strahlenherd, dann nimmt die Strahlendosis um das Vierfache ab», erklärt der Mediziner. Kleine Veränderungen beim Abstand haben folglich eine grosse Minderung bei der Strahlenstärke zur Folge.

Nie ganz strahlenfrei

Jene Strahlendosis die auf die Haut eines Menschen trifft, wird laut von Schulthess mit einem sogenannten Dosimeter bestimmt. «Ganz strahlenfrei ist der Mensch jedoch nie», gibt er zu bedenken. Es sei die Dosis, welche den Unterschied mache.

Wird ein Organ vom Körperinnern aus verstrahlt, ist dies unter anderem an der abnehmenden Anzahl der weissen Blutkörperchen erkennbar. Diese wirken entzündungshemmend. Nimmt deren Anzahl ab, kann sich der Körper nicht mehr ausreichend vor Infektionen schützen. Es kommt zu einem Zusammenbruch des Immunsystems. «Ist eine Verstrahlung im Blut nachweisbar, ist der Zustand des Patienten gravierend», gibt Fredi Pfeiffer zu bedenken.

Die weissen Blutkörperchen werden im Knochenmark produziert. Nimmt die Anzahl der weissen Blutkörperchen ab, kann eine Knochenmark-Transplantation lebensrettend sein. Bei stärkerer Verstrahlung versage auch der Darm, so der Mediziner von Schulthess. Bei einer noch höheren Verstrahlung komme es zu einer Hirnschwellung. In diesem Stadium gibt es laut dem Mediziner für den Patienten jedoch keine Rettung mehr.

Radioaktive Stoffe und was sie im Körper anrichten

Plutonium: Das radioaktive und hochgiftige Schwermetall wird in Atomreaktoren als Brennstoff eingesetzt. Es kommt in der Natur nur in Spuren vor, entsteht aber in jedem Atomreaktor und auch bei Atomwaffentests als «Nebenprodukt» der Spaltung von Uran-Atomen. Wenige Kilogramm von Plutonium genügen zum Bau einer Atombombe. Es hat eine Halbwertzeit von 24'000 Jahren. Nach dieser Zeit ist also erst die Hälfte der Radioaktivität abgeklungen. Gerät der Stoff in den Körper, kann er Krebs hervorrufen.

Cäsium: Das Element Cäsium kommt in geringen Mengen in der Natur vor oder entsteht bei der Kernspaltung. Natürliches Cäsium 133 ist ein goldglänzendes Metall im Gestein. Sein radioaktives Isotop, das gefährliche Cäsium 137, fällt bei der Kernspaltung an. Cäsium 137 kann über die Abluft oder das Abwasser aus Atomanlagen gelangen und wird von Tieren und Pflanzen aufgenommen. Cäsium hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren.

Jod 131: Radioaktives Jod wird vom Körper über die Luft, über Nahrung und Getränke oder über die Haut aufgenommen. Es reichert sich in der Schilddrüse an und kann dort zu Organschäden führen. Die Halbwertszeit von Jod 131 beträgt rund 8 Tage.

Die drei erwähnten radioaktiven Stoffe gehören zu jenen, die am einfachsten nachweisbar sind.

Unmittelbar nach einem Reaktorunglück kann die Bevölkerung mit Jodtabletten gegen das radioaktive Material Jod 131 geschützt werden. Die Schilddrüse nimmt dann das Jod der Tabletten auf und nicht das gefährliche Jod 131. Der Körper scheidet das Jod 131 dann aus.

Langzeitfolgen von Verstrahlungen sind gemäss dem Nuklearmediziner von Schulthess Tumore zum Beispiel in der Lunge, der Brust oder der Schilddrüse und Leukämie.

Eine Häufung von Schilddrüsenkrebs wurde auch nach dem Atombombenabwurf auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki 1945 sowie nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 beobachtet.

Nicht mit Tschernobyl vergleichbar

Gustav von Schulthess gibt zu bedenken, dass sich das Reaktor-Unglück in Japan nicht mit dem Unglück in Tschernobyl in der Ukraine vergleichen lässt. «Bei Tschernobyl ist es zu lange andauernden Bränden gekommen. Durch den Rauch wurde radioaktives Material in den Wolken und durch den Wind weitergetragen.» Dies deshalb, weil die Brennstäbe in Tschernobyl mit Kohle, sogenanntem Graffit, umwickelt waren.

Auch gab es keine Sicherheitsbehälter. «Die Reaktortypen in Tschernobyl und in Japan sind nicht miteinander vergleichbar», sagt von Schulthess. In Japan stehe trotz der Explosionen das Stahlgehäuse der Reaktoren noch.

Menschen in Schutzanzügen wischen verstrahltes Material vom Boden weg. (keystone / archiv)

Drei Arten von radioaktiver Strahlung

Hohe Dosen radioaktiver Strahlung können unterschiedliche Gesundheits-Probleme verursachen. Eine zentrale Rolle spielt die Art der Strahlung.

Alpha-Strahlung kann die obersten Hautschichten nicht durchdringen. Gelangt sie in den Körper, sind die Schäden in den Zellen dagegen hoch.

Beta-Strahlung dringt von aussen tiefer in den Körper ein und verursacht unter anderem starke Verbrennungen. Im Körper sind die Schäden ebenfalls hoch. Gegen Alpha- und Beta-Strahlen kann man sich mit Schutzanzügen und Atemmasken schützen.

Gamma-Strahlung dringt in den Körper ein. Sie schädigt hauptsächlich die Zellen beziehungsweise das Erbgut des Menschen.

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