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Machtwechsel in Libyen

Berlusconi & Gaddafi – Das Ende einer Männerfreundschaft

Uwe Mai
Freitag, 25. Februar 2011, 7:59 Uhr, Aktualisiert 09:29 Uhr

Berlusconi und Gaddafi, Italien und Libyen – das war eine exotische Partnerschaft, die für viele Betrachter auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher hätte sein können. Doch bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, dass die beiden Staaten und Staatsführer sehr viel verbindet. Das geht sogar so weit, dass darüber spekuliert wird, ob Silvio Berlusconi seinem Freund Muammar al-Gaddafi politisches Asyl gewähren wird.

Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Männern sind dabei sowohl wirtschaftlicher als auch historischer Natur. Aber auch auf persönlicher Ebene übertraf die Männerfreundschaft zwischen Berlusconi und Gaddafi alles bisher Dagewesene.

Doch sollte man in der Beurteilung Berlusconis durchaus Vorsicht walten lassen, meint der ehemalige SF-Korrespondent Gianluca Galgani. «Berlusconi hat sich ziemlich würdelos Gaddafi unterworfen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Anbiederung an den Diktator Tradition hat. Linke wie rechte italienische Politiker haben seit jeher versucht, mit Libyen Geschäfte zu machen.»

Gianluca Galgani war von 2005 bis 2010 für das SF als Korrespondent in Rom tätig. Er ist überzeugt, dass Italien auf einen schnellen Wandel in Libyen hofft – schon aus eigenem Interesse.

Die wirtschaftlichen Verpflichtungen zwischen beiden Staaten sind eng. Sie folgen dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere. Der Wüstenstaat erhält eine 1700 Kilometer lange Küstenautobahn – gebaut von italienischen Firmen.

Bild Autobahnbaustelle
Mehr als 10'000 Kilometer ist die Transmaghreb – die Autobahn, die den Westen und den Osten Afrikas verbindet – lang. Ein Zehntel davon soll über libysches Gebiet führen. reuters

Berlusconi sichert im Gegenzug den Öl- und Gasbedarf seines Landes. Zwei Drittel der libyschen Öl- und Gasexporte werden heute nach Italien geliefert. Libyen seinerseits nutzte den Handel, um unter dem Deckmantel der Wirtschaft, das Image des bösen Buben der arabischen Welt abzulegen.

Bild Karte
Europa hängt am Öltropf Gaddafis. Am härtesten getroffen wird dabei Italien, das fast ein Drittel seines Ölbedarfs aus Libyen bezieht. sf

Nicht anders bei der Flüchtlingsfrage. Gaddafi hielt Berlusconi einen grossen Teil der afrikanischen Flüchtlinge vom Leib und Italien zahlte dafür. Lange Zeit war Libyen das Sprungbrett für afrikanische Flüchtlinge nach Europa.

Noch 2007 hielten sich mehr als zwei Millionen illegale Migranten im Land auf. Was knapp einem Viertel der Gesamtbevölkerung entsprach. Pro Jahr gelang 20‘000 von ihnen die Flucht auf die italienische Insel Lampedusa.

Bild
Mit Booten flüchteten bis 2009 pro Jahr mehr als 20'000 Menschen nach Italien. Dabei riskierten sie ihr Leben – wie hier auf einem mit mehr als 200 Menschen völlig überladenen Fischkutter. reuters

Nach dem Abschluss des sogenannten Freundschaftsabkommens zwischen den beiden Ländern 2008 ging die Zahl der Flüchtlinge spürbar zurück. 2010 schafften es nur noch einige Hundert nach Lampedusa.

Mit Booten wurde in libysch-italienischer Kooperation ein Grossteil der Flüchtlinge bereits auf See abgefangen und nach Nordafrika zurück gebracht. Hier landeten die meisten von ihnen in Auffang- oder Abschiebelagern – gebaut mit Geldern aus Italien und der EU.

Historische Verflechtungen

Die enge Verbindung beider Länder ist kein Konstrukt der letzten Jahre. Vielmehr reichen die gemeinsamen Wurzeln bis ins Römische Reich zurück. In der Neuzeit ist das Verhältnis vor allem von der Kolonialzeit geprägt.

1912 hatte Italien die libyschen Gebiete in Besitz genommen. Im damaligen Tripolitanien siedelten sich mehr als 100‘000 italienische Auswanderer an – ein Grossteil von ihnen Bauern. Sie sollten das fruchtbare Land wie in alten Zeiten zur Kornkammer Roms machen.

Bild Wahlplakat Mussolini.
Mussolini: Unter seinem Regime wurde Libyen komplett Italien unterworfen. reuters

Unter Mussolini ging das faschistische Regime dann brutal gegen die Einheimischen vor. Dabei wurden die Libyer nicht nur vertrieben und ins Hinterland verdrängt. Arabische Historiker schätzen, dass in der Kolonialzeit rund 80‘000 Libyer durch Kämpfe, Hunger und Krankheit ums Leben gekommen sind.

Auch vor diesem Hintergrund sollte das 2008 geschlossene Freundschaftsabkommen der beiden Länder betrachtet werden. Darin vorgesehen war: Italien entschädigt Libyen für die italienische Kolonialherrschaft von 1911 bis 1942 und zahlt über 25 Jahre hinweg fünf Milliarden Dollar.

Von Mann zu Mann – Zwei die sich gut verstehen

Allen Zwängen zum Trotz gibt es aber auch eine ganz persönliche Komponente im Verhältnis zwischen Berlusconi und Gaddafi.

«Es steht ausser Frage, dass Berlusconi Gefallen an der Person und dem Diktator Gaddafi findet. Beide haben sich immer bestens verstanden – sind vielleicht sogar ein Stück weit seelenverwandt und beiden geht Herrschaft über alles», sagt Gianluca Galgani.

Aber auch Frauen gingen beiden Männern über alles. So soll Berlusconi den Begriff «Bunga Bunga» – für wilde Partys nach «afrikanischem Vorbild» – angeblich von Gaddafi übernommen haben. Auch wird dem Cavaliere eine Liaison mit Gaddafis Tochter Aisha, der «Claudia Schiffer der Wüste», nachgesagt.

Bild Proträt Aisha Gaddafi
Wahrheit oder Legende? Mit Gaddafis Tochter Aisha soll Berlusconi eine Affäre gehabt haben. reuters

Auf privater Ebene war es also bei weitem keine Zwangsehe. Eine Liebesheirat war es denn wohl aber auch nicht. Denn in der Öffentlichkeit war es stets Gaddafi der Berlusconi scheinbar nach Belieben am Nasenring durch die Arena zog und mit seinen pompösen Auftritten auch in Italien lächerlich machte.

«Der Ruf Gaddafis in der italienischen Öffentlichkeit war schon immer schlecht. Daran hat auch der Pakt nichts geändert. Gaddafi wurde als Witzfigur als Mann, der kein Ansehen verdient, betrachtet. Proteste gegen die – vermutlich nur auf den ersten Blick aussergewöhnliche Allianz – hielten sich aber in Grenzen», erklärt Gianluca Galgani.

Quo vadis Muammar al-Gaddafi?

«Es gibt zwei Dinge, vor denen man in Italien nun massiv Angst hat: Zum einen wird befürchtet, dass die Wirtschaft Probleme bekommen könnte – zum anderen gehen viele Italiener davon aus, dass jetzt der Flüchtlingsstrom wieder ungebremst das Land trifft.»

«In Italien hofft man deshalb auf einen schnellen Übergang, damit sich die wirtschaftlichen Schäden möglichst in Grenzen halten», schätzt Galgani die aktuelle Lage ein.

Dass Italien Gaddafi Asyl gewährt, hält er aber für unwahrscheinlich. «Berlusconi ist zwar prinzipiell zu allem fähig, aber das wäre in seiner jetzigen Situation, wo er politisch schwer angeschlagen ist, schlicht und einfach nicht durchsetzbar.»