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Machtwechsel in Libyen

Der exzentrische Staatsführer Gaddafi

Viviane Bühr
Samstag, 19. Februar 2011, 15:46 Uhr

Seit bald 42 Jahren führt Staatschef Muammar al-Gaddafi sein Land an enger Leine – so lange wie kein Staatsoberhaupt im arabischen Raum. Nun erreichen die Wellen der Revolution in den Nachbarstaaten Ägypten und Tunesien auch Libyen. Sind Gaddafis Stunden gezählt? Ein Rückblick auf eine aussergewöhnliche politische Karriere.

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Muammar Gaddafi besetzt zwar kein offizielles Amt in der Regierung, doch Libyen macht seit über 40 Jahren, was der «Brüderliche Führer und Anführer der Revolution» will. Seine Auftritte – meist im Safari-Anzug mit Sonnenbrille – sind stets von einer gewissen Exzentrik geprägt, ebenso seine Angewohnheit, bei Auslandreisen in einem Zelt zu campieren, das jeweils von Dutzenden seiner weiblichen Bodyguards beschützt wird. Doch Gaddafi ist nicht nur Paradiesvogel, sondern auch einer der umstrittensten Führer auf der Welt. Insbesondere seine Haltung zu terroristischen Gruppierungen schürte immer wieder den Unmut westlicher Führer. Die Unruhen im arabischen Raum haben mittlerweile auch Libyen erfasst, die Zukunft des Landes ist ungewiss. «tagesschau.sf.tv» wirft einen Blick zurück auf die wichtigsten Ereignisse in Muammar Gaddafis Karriere.

Oberst Muammar Gaddafi 1969, der Menge zuwinkend

Oberst Gaddafi wird in Tripolis bejubelt. (1969) (sf)

Gaddafi vor der Machtübernahme

Als Sohn einer Beduinenfamilie wurde Muammar Abu Minyar al-Gaddafi 1942 in der Nähe von Sirt geboren, einer Region in Tripolitanien, das damals Teil von Italienisch-Libyen war.

Bereits als Teenager war er begeistert von den arabisch-sozialistischen und nationalistischen Ideologien des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser.

Gaddafi studierte Geografie, gab das Studium jedoch zugunsten einer Armeeausbildung auf. Seine Offiziersausbildung absolvierte er in Grossbritannien. Später gründete er den „Bund freier Offiziere“.

Video          König Idris war seit 1951 König von Libyen.

Der Putsch gegen die Monarchie

Mit dem «Bund freier Offiziere» stürzte Gaddafi am 1. September 1969 König Idris, als dieser für eine medizinische Behandlung in der Türkei war.

Als Führer einer Militärjunta übernahm Gaddafi die Macht und formte das Königreich in einen sozialistischen Staat um, den er die «Libysche Arabische Republik» nannte. Er sah sich selbst als neuen «Che Guevara».

Video          Mit einer Militärparade wird der erste Jahrestag des Coups gefeiert. stumm

Eine Militärparade zum ersten Jahrestag

Am ersten Jahrestag des Putschs wurde Oberst Gaddafi während einer Parade frenetisch von der Menge gefeiert.

1977 erklärte er das Land zum «Staat der Massen», was in der Theorie einer direkten Demokratie entsprach. Das oberste Regierungsorgan war ein «Kongress der Leute», an welchem diese ihre Meinung kundtun durften.

Zur selben Zeit verfasste er seine politischen Ansichten in einem «Grünen Buch», um seine Ideale eines sozialistisch-islamischen Staates zu verankern.

Präsidenten aus Libyen, Syrien und Ägypten

Zusammen mit dem syrischen Präsidenten Hafez Al-Asad und dem ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat unterzeichnete Gaddafi die Papiere für den Arabischen Bund. (sf)

Das Staatsbündnis Libyen-Syrien-Ägypten

Gaddafi verschrieb sich dem arabischen Nationalismus und brach seine Beziehungen zum Westen ab. Er versuchte, die arabische Welt zu vereinen und gründete 1971 den Arabischen Staatenbund mit Syrien und Ägypten. Sie zerbrach kurz darauf wegen Meinungsverschiedenheiten.

Auch ein Bündnis mit Tunesien 1974 scheiterte und endete in bitterer Feindseligkeit.

Video          Gaddafi beklagt sich über den «internationalen Terror» gegen Libyen. 1985

Libyen verwickelt sich im Terror

Um seine Revolution voranzutreiben, bekämpfte Gaddafi den Imperialismus, indem er radikalen Kämpfern gegen den Westen Unterschlupf gewährte. Er versorgte zahlreiche Gruppierungen mit Waffen und unterstützte sie auch finanziell.

Mitte der 1980er galt Gaddafi für den Westen als wichtigster Geldgeber des internationalen Terrorismus.

Video          Anschläge in Deutschland und Tripolis, Gaddafi besucht Verletzte im Spital unkommentiert

Eine Serie der Gewalt

In der Nacht vom 4. April 1986 wurde auf die Diskothek «La Belle» in Berlin ein Bombenanschlag verübt, bei dem drei Menschen getötet und über 200 verletzt wurden, darunter viele US-Militärs.

Der damalige US-Präsident Ronald Reagan beschuldigte Gaddafi, er habe das Attentat angeordnet, um damit die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe durch US-amerikanische Streitkräfte zu rächen.

Als Vergeltung liess Reagan Tripolis und Benghasi bombardieren. 36 Zivilisten wurden getötet, darunter eine Adoptivtochter Gaddafis.

Tripolis wiederum griff eine Militärbasis auf der italienischen Insel Lampedusa an, die Raketen trafen jedoch ins Wasser.

Video          Der Flugzeugabsturz von Lockerbie und die verdächtigten Libyer. unkommentiert

Lockerbie

Am 21. Dezember 1988 explodierte ein Flugzeug der amerikanischen Airline Pan Am über Lockerbie in Schottland. 259 Menschen kamen um.

Als Drahtzieher wurden zwei Libyer beschuldigt. Gaddafi weigerte sich, die beiden auszuliefern. Erst gutes Zureden durch den südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela und UNO-Generalsekretär Kofi Annan brachten Gaddafi schliesslich dazu, die Verdächtigten 1999 auszuliefern. Sie wurden in den Niederlanden unter schottischem Gesetz verurteilt.

Gaddafi gab nie zu, dass seine Regierung hinter dem Anschlag stecke, übernahm jedoch Verantwortung dafür.

Die Sanktionen der UNO wurden daraufhin aufgehoben, jedoch nicht diejenigen der USA.

Video          Der saudische Kronprinz Abdullah greift an einem Gipfeltreffen 2003 Gaddafi an.

Irak-Invasion spaltet arabische Gemeinschaft

Gaddafi kritisierte immer wieder moderate und westlich ausgerichtete arabische Länder.

An einem Gipfeltreffen in Scharm El-Scheich 2003, bei dem es um die Verhinderung der US-Invasion im Irak ging, ärgerte sich der saudische Kronprinz so sehr über Gaddafis Aussagen, dass er vergass, sein Mikrofon einzuschalten.

Video          Gaddafi 2004 mit Tony Blair und 2008 mit Condoleezza Rice

Zugeständnisse an den Westen

Unter dem Druck des Westens gab Gaddafi im 2003 sein Atomwaffenprogramm auf. Daraufhin hob US-Präsident George W. Bush die Sanktionen gegen Libyen auf.

Der britische Premier Tony Blair war einer der ersten westlichen Staatsführer in Jahrzehnten, der das libysche Land anschliessend besuchte. Andere westliche Staatsvertreter folgten seinem Beispiel.

2008 besuchte auch US-Aussenministerin Condoleezza Rice Libyen – zum letzten Mal hatte ein US-Aussenminister 1953 das Land besucht. Jedoch vermied Gaddafi, ihr die Hand geben zu müssen.

Video          Gaddafi will italienische Frauen zum Islam bekehren

Von der Feindschaft zur Freundschaft: Gaddafi und Berlusconi

Ein historisches Treffen zwischen Gaddafi und dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi führte 2008 zu einem Vertrag, in welchem Italien 5 Milliarden Dollar an Libyen zahlte – als Wiedergutmachung für die Besetzung Libyens.

Im August letzten Jahres besuchte Gaddafi Berlusconi und beleidigte seinen Gastgeber, indem er Europa aufforderte, zum Islam überzutreten. Zudem lud er 200 junge Frauen einer Modell-Agentur ein, um ihnen die Konvertion zum Islam nahezulegen.

Video          Genf: Zivilklage von Gaddafi wird behandelt

Die Libyen-Affäre – Teil 1

Genf erhielt 2008 hohen Besuch aus Libyen: Gaddafis Sohn Hannibal residierte mit seiner Frau Aline und seiner Gefolgschaft im angeblich teuersten Hotel der Welt, im «Président Wilson».

Zwei seiner Angestellten gaben an, von dem Ehepaar misshandelt worden zu sein, worauf die beiden von der Genfer Polizei verhaftet wurden.

Sie wurden gegen Kaution freigelassen, jedoch waren die Beziehungen Schweiz-Libyen massgeblich betrübt, nicht zuletzt, weil Fotos von Gaddafis Sohn in einer Genfer Zeitung erschienen waren, die offenbar von der Polizei zugespielt worden waren.

Video          Reaktion auf Gaddafis Äusserungen

Die Libyen-Affäre – Teil 2

Als Reaktion auf Hannibals Verhaftung wurden drei Tage später zwei Geschäftsleute in Libyen festgenommen. Sie seien keine Geiseln, sondern hätten gegen die Aufenthaltsbestimmungen verstossen, so die libysche Sicht.

Gaddafis Regierung sorgten im anschliessenden Disput immer wieder für neue Überraschungen. Eine davon war die Erklärung des «Heiligen Kriegs» Gaddafis gegen die Schweiz, die im «Tagesschau»-Beitrag vom 26. Februar 2010 zu sehen ist.

Nach knapp zwei Jahren und zähen Verhandlungen auf Bundesratsebene wurden die Geiseln schliesslich freigelassen. Die Art der Verhandlungen und Pläne zur Befreiung der Geiseln sorgten für reichlich Diskussionsstoff auf politischer Ebene, weshalb eine Untersuchung zum Vorfall eingeleitet wurde.

Video          Todesopfer bei Protesten in Libyen

Der «König der Könige» von Afrika zittert

Im Februar 2009 wurde Gaddafi zum Präsidenten der von ihm gegründeten Afrikanischen Union gewählt. Er forderte die Staatsführer der anderen Länder dazu auf, die «Vereinigten Staaten von Afrika» zu gründen.

Der «König der Könige» von Afrika, wie er sich selbst in verschiedenen Treffen mit afrikanischen und arabischen Ländern nannte, muss jetzt um seine Position fürchten. Nach Tunesien und Ägypten brodeln auch in Libyen revolutionäre Gedanken – doch diesmal sind sie gegen Gaddafi gerichtet.

Gaddafi bekämpft die Demonstrationen mit aller Gewalt und lässt sich in den Strassen von Tripolis feiern, wie der «Tagesschau»-Beitrag vom 18. Februar 2011 zeigt.